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Molkendrinks aus Schweinefutter?

«Ein trendiger Drink aus Schweinefutter», titelte «Saldo», und weiter: «Experten warnen vor Gesundheitsrisiken». Ist diese Kritik wirklich fundiert?

von Foodaktuell Importer


«Ein trendiger Drink aus Schweinefutter», titelte «Saldo», und weiter: «Experten warnen vor Gesundheitsrisiken». Ist diese Kritik wirklich fundiert? Bild: Molkendrinks der Molkerei Spittel in Wald ZH.

Schwarze Schafe anzuprangern ist zwar ein sinnvolles Ziel des Konsummagazins «Saldo». Aber manchmal gerät auch ein hellgraues in die Fänge der Konsumenteschützer. So geschehen beim Bericht über Molkengetränke Ende September. «Aus Schweinefutter wird ein trendiger Drink», titelte das Blatt. Und weiter zitierte es den als Spötter bekannten deutschen Chemiker Udo Pollmer: «Mit dem Genuss von Molke sind womöglich immunologische Risiken verbunden. Molke steht im Verdacht, Diabetes Typ I zu fördern».


Entwarnung – ausser für Pima-Indianer

Aber die Saldo-Macher hätten gründlicher und ausgewogener recherchieren sollen als nur bei Pollmer etwas abzuschreiben. Neutrale und kompetente Experten gibt es zum Beispiel bei Agroscope, der eidgenössischen Forschungsanstalt für Nutztiere und Milchwirtschaft in Bern. Barbara Walther, Gruppenleiterin Ernährung, kontert die Kritik der Saldo-Macher: «Diese Bedenken beziehen sich auf Säuglinge, deren Darm für Fremdproteine noch durchlässig ist. Und zahlreiche andere Studien erhärten die Risiko-Theorie nicht, nur eine Studie über Pima-Indianer bestätigte ein Diabetes-Risiko». Das Fazit von Saldo ist somit sehr unrepräsentativ oder gar an den Haaren herbeigezogen.

Dass Säuglinge Kuhmilch und demzufolge auch Molke nicht vertragen, ist keine neue Erkenntnis. Auch dass damit immunologische Risiken verbunden sind. Da die Skandal-Hascher auf Risiken hinweisen, die nur bei Säuglingen und Pima-Indianern bestehen, grenzt ihre verallgemeinerte Molken-Warnung an eine Unterstellung:

Weder die Schweizer Milchproduzenten SMP noch die Molkendrink-Hersteller propagieren Molke als Säuglingsnahrung. Und jeder Geburtshelfer weist die Wöchnerinnen auf geeignete adaptierte Milchpulver hin, wenn sie nicht stillen können. Auch in Pima-Indianer-Reservaten ist wohl keine Molkenwerbung der SMP zu finden (doch diesbezügliche Recherchen von foodaktuell stehen noch aus).

Wertvoller Abfall

Auch die Darstellung von Saldo, Molke sei wertlos, ist reine Polemik: «Das Abfallprodukt Molke wäre ohne Zusatzstoffe ungeniessbar», so die Saldo-Rechercheure: «Die gesundheitsfördernden Eigenschaften der Molke sind wissenschaftlich nicht erwiesen».

Aber Molke enthält durchaus zahlreiche wertvolle Nährstoffe, was Walther bestätigt. Sie ist isotonisch, kalorienarm und enthält wertvolle und bioaktive Proteine, Calcium und Vitamine. Sie darf auch als gesunder Durstlöscher gelten, wenn sie nicht stark gezuckert wird. Sie ist zwar kein Heilmittel, aber die Drink-Hersteller wissen dies und enthalten sich illegaler Heil-Anpreisungen. Die meisten deklarieren vorsichtig und sachlich. Zum Bsp Toggi (Bild): «Molke ist nahezu fettfrei und enthält wertvolle Milchbestandteile». Oder Latella (Bild weiter unten)nennt ihr Fruchmolkegetränk einfach «erfrischend».

«Ohne Zusatzstoffe ungeniessbar», wie Saldo schreibt, ist ohnehin eine Fehlinterpretation. Die Saldo-Autoren verwechseln offenbar Zusatzstoffe (E-Nummern) mit Zutaten und meinen wohl Fruchtgrundstoffe, die eben keine Zusatzstoffe sind. Auch wenn viele Molkendrinks den unbedenklichen Zusatzstoff Citronensäure enthalten: Diese Getränke wegen Zusatzstoffen anzuschwärzen, ist ein konstruierter Skandal.

So oder so, warum sollte man Molke nicht veredeln? Man aromatisiert ja auch Joghurt mit Fruchtpüree oder Frischkäse mit Knoblauch. Auch reiner Kakao schmeckt sehr herb und bitter. Eine Schokoladekritik à la Saldo hiesse in diesem Fall «Ohne Zuckerzugabe ungeniessbar».

Mit «ungeniessbar» ist bei der Molke wohl der leicht käsige Beigeschmack gemeint. Tatsächlich ist dieser unbeliebt aber keineswegs ungeniessbar sondern eher gewöhnungsbedürftig. Und der Grund, warum Molke vor allem der Schweinefütterung zugeführt wird, ist die starke Verdünnung und die kurze Haltbarkeit, welche Transporte unrentabel macht.

Viele Käsereien halten Schweine, damit sie die Molke sinnvoll verwerten können. Mit der Qualität hat dies nichts zu tun. Übringens: auch Schweine benötigen eine ausgewogene Ernährung, und Schweinefutter ist nicht zwangsläufig ein minderwertiges Lebensmittel. So landeten etwa Kürbisse früher im Schweinetrog und heute in den Suppentöpfen von Nobel-Restaurants.

Dass heute immer mehr Molkendrinks auf den Markt kommen, liegt primär am wirtschaftlichen Druck, dem Kleinkäsereien wegen sinkender Käsepreise ausgesetzt sind. Man sollte ihnen zur unternehmerischen und innovativen Leistung gratulieren. Sie beginnen, einen wertvollen Rohstoff zu pflegen, statt ihn zu «entsorgen». Und sie stellen mit einem beträchtlichen Entwicklungsaufwand attraktive moderne Getränke her, die wesentlich sinnvoller sind als überzuckerte Softdrinks ohne Mikronährstoffe. (2. Bild: Cow Power der Molkerei Gstaad will eine Alternative zu Red Bull sein)

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Gesundheitswert der Molke aus Sicht der Wissenschaft