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Wo landen Agrarsubventionen wirklich?

Bauern profitieren direkt oder indirekt von Subventionen aber nicht genug.

von Foodaktuell Importer


Landwirte, welche die ökologischen Vorgaben des Bundes erfüllen, kommen laut einer «Agrarplattform-Arbeitsgruppe» trotz Subventionen auf keinen grünen Zweig.


Für den ökologischen Leistungsnachweis (ÖLN bzw integrierte Produktion IP) erhalten die Bauern Direktzahlungen. Aber viele engagieren sich noch mehr für Umwelt- und Artenschutz und beteiligen sich an einem höherwertigen Programm wie IP-Suisse oder bio.

Landwirte, die den ökologischen Vorgaben des Bundes entsprechen und gleichzeitig ökonomisch erfolgreich sein wollen, befinden sich in einer Zwickmühle. Mit betriebswirtschaftlichen Massnahmen lässt sich kein Ausweg finden, sagt die Agrarplattform.
Diese Arbeitsgruppe, die sich die Transparenz in den agrarischen Geldflüssen zur Aufgabe gemacht hat, legte am 25. Januar in Horgen ZH einerseits Zahlen zur ökologischen Landwirtschaft vor.

Andererseits machte sie deutlich, dass generell ein Teil der Bauernsubventionen gar nicht den Bauern zu Gute kommt, sondern in die Kassen von nachgelagerten Unternehmen, von Schulen und Instituten sowie in die Bundesverwaltung fliesst.

Laut Agrarplattform übersteigt der Aufwand, den die Bauern haben, um die Auflagen zu erfüllen, deren Abgeltung teils bei weitem. Und der Verlust lässt sich auf dem Markt nicht ausgleichen. Aufgrund von Betriebsbeispielen errechnete “Agrarplattform” die Differenz von Aufwand und Direktzahlungen.

So erhält ein “Beispielbauer”, dessen Rinder den Sommer auf einer Alp über 1’700 Metern über Meer verbringen, knapp 12’000 Franken Direktzahlungen vom Bund. Sein Mehraufwand allerdings beläuft sich auf fast 66’000 Franken – es fehlen 54 000 Franken.

Deutlich kleiner, bloss in der Gössenordnung von ein paar hundert Franken, sind die Verluste, wenn es nicht um Tiere geht sondern beispielsweise um Hecken oder Hochstammbäume. Und positiv schliesst die Rechnung des Bauern gar ab, wenn er Buntbrachen stehen lässt und – in der Ackerbauzone – seine Wiesen extensiv nutzt.

Ferner lieferte die Agrarplattform genauere Zahlen zu den Geldflüssen an nicht-bäuerliche Empfänger. Im untersuchten Jahr 2002 gelangten von den 4,1 Milliarden Franken 78 Prozent oder 3,2 Milliarden Franken zu den bäuerlichen Produzenten. 22 Prozent oder 0,9 Milliarden verteilten sich auf andere Empfänger.

Gemäss “Agrarplattform” waren die nachgelagerten Unternehmen mit 13 Prozent der gesamten Subventionen (0,5 Milliarden Franken) die grössten Empfänger. Darunter waren mehr als die Hälfte private Unternehmen der Ernährungswirtschaft. Weitere rund vier Prozent gingen an landwirtschaftliche Schulungs, Forschungs- und Beratungsdienste, zwei Prozent flossen in die Bundesverwaltung zurück. (Quelle: LID)

Dominoeffekt bei Subventionskürzungen

«Daraus solle man keine falschen Schlüsse ziehen», appellierte der Bauernverband SBV: Die Gelder an die Verarbeiter gelangen in Form von höheren
Produzentenpreisen ins Portemonnaie der Bauern. Aber ein Abbau
der über Verarbeiter ausgerichteten Preisstützungen führt zu
tieferen Preisen für die Landwirtschaft und damit zu tieferen
Einkommen. Die Reduktion der Preisstützungsmassnahmen müsste von den
Bauern teuer bezahlt werden.

Labels wie bio oder ein zertifiziertes Regio-Programm wie Culinarium Ostschweiz bieten den Konsumenten-Mehrwert und den Produzenten Mehrerlös sowie Absatzsicherung.

Die
präsentierten Zahlen der Agrarplattform sind weder neu noch bringen sie frische
Erkenntnisse. Weil das Jahr 2002 untersucht wurde, fehlt der
aktuelle Bezug. In der Zwischenzeit haben sich die Agrarpolitik und
der Mitteleinsatz verändert.

Sehr störend ist zudem die fehlerhafte Interpretation der
präsentierten Resultate durch Exponenten der Agrarplattform. Diese
kritisieren, dass von den Aufwendungen des Bundes für Ernähung und
Landwirtschaft mehrere hundert Millionen in die Taschen der
Verarbeiter statt zu den Bauern fliessen.

Tatsache ist aber, dass
die heute an die Verarbeiter ausgerichteten Zahlungen in Form von
höheren Produzentenpreisen zu den Landwirten gelangen. Sie helfen,
die Produzentenpreise zum Beispiel für Milch, Kartoffeln oder andere
Produkte, wirkungsvoll zu stützen. Ein Abbau dieser
Marktstützungsmassnahmen führt immer zu tieferen Preisen und damit
zu tieferen Einkommen für die Bauern.

Eine Reduktion trifft folglich
in erster Linie die Bauern. Der von einzelnen bäuerlichen Exponenten
der Agrarplattform geforderte Abbau wäre für die Bäuerinnen und
Bauern schlicht ein Eigentor. Die Forderungen geben jenen Wind in
die Segel, die eine weitere Extensivierung der landwirtschaftlichen
Produktion in der Schweiz und eine Zunahme der Lebensmittelimporte
anstreben.

Die Agrarplattform hat weiter aufgezeigt, dass die Direktzahlungen
die Kosten für die erbrachten gemeinwirtschaftlichen Leistungen
nicht decken. Diese Feststellung untermauert die Aussagen des SBV,
dass mit den heutigen, tiefen Preisen für Landwirtschaftsprodukte
und den Direktzahlungen auf vielen Betrieben keine befriedigenden
Einkommen erzielt werden können. (Medienmitteilung SBV)

Auch die Schweizer Milchproduzenten (SMP) betonen, dass die produktgebundenen Stützungen den Bauern ermöglichten, einen höheren Milchpreis zu erhalten und entsprechend dem höheren Kostenumfeld einen höheren Kostendeckungsgrad zu erreichen. Bild: Milchlieferung an die Berner Käserei Meikirch.

Für Bio Suisse sind die Zahlen der Agrarplattform “keine Überraschung”. Bio Suisse sehe ihre Mitglieder nicht als Verlierer des Systems”, wie es im Vorfeld der Publikation geheissen habe. Biolandbau betreibe man “nicht aus Geschäftemacherei, sondern mit Herzblut, Überzeugung und Idealismus”. (Quelle: LID)


Transparenz: ja – Polemik: nein

Auch der Schweizer Fleisch-Fachverband SFF bedauert, dass die “Agrarplattform”-Zahlen teilweise irreführend interpretiert worden sind. Er begrüsst vollständige Transparenz über die Verteilung der Agrarsubventionen. Aber der Schluss, die an die Verarbeiter ausbezahlten Mittel würden nicht den Bauern zugute kommen, muss zurückgewiesen werden.

Die Tatsache, dass rund 75 Prozent der aus agrarpolitischen Gründen verwendeten Bundesmittel direkt an die Bauern ausbezahlt werden und 25 Prozent an andere Destinatäre fliessen, ist bekannt. Soweit Verarbeiter die Empfänger von Bundesbeiträgen sind, haben sie zum Zweck, höhere Produzentenpreise zu ermöglichen, als sie der Markt zulassen würde.

Eine weitere Umlagerung der Mittel in Direktzahlungen ist in der Tat eine Option. Sie wird vom Bundesrat verfolgt und durch die Fleischwirtschaft unterstützt, jedoch von einer Mehrheit der Landwirtschaftsorganisationen bekämpft. Der entstandene Eindruck, Verarbeitungsbeiträge seien Mittel, die zulasten der Bauern zweckentfremdet würden, ist falsch. Solche Unterstellungen müssen mit aller Schärfe zurückgewiesen werden.

Dabei ist klarzustellen, dass in der Fleischbranche keine Verarbeitungsbeiträge ausbezahlt werden. Von den rund 4’000 Mio Franken Agrarsubventionen werden je nach Marktlage zwischen 6 und 8 Mio als Lagerbeiträge bei saisonalen Schlachtviehüberschüssen ausbezahlt. Ein Drittel der Beiträge an die Entsorgung von Schlachtabfällen werden den Bauernbetrieben für die Geburt der Kälber ausbezahlt.

Die Mittel von insgesamt knapp 50 Mio wurden durch die Erträge aus der Versteigerung der beschränkten Importrechte freigesetzt, welche die Fleischverarbeiter 150 Mio Franken kostet. Die Entsorgungsbeiträge wurden eingeführt, weil den Schlachtbetrieben als Folge von BSE enorme Zusatzkosten entstanden sind.

Die Agrarplattform hatte das Ziel, durch Schaffung von Transparenz die landwirtschaftspolitische Diskussion zu versachlichen. Indem die Verarbeitungsbeiträge pauschal an den Pranger gestellt und einzelne Unternehmen der Nahrungsmittelindustrie gewissermassen als “Abzocker” denunziert wurden, ist das Gegenteil eingetreten.

Die agrarpolitische Diskussion leidet daran, dass die Gesamtschau über die ganze Wertschöpfungskette des Ernährungssektors fehlt und punktuelle Interessen verfolgt werden. Die Art und Weise, wie Exponenten der “Agrarplattform” die Zahlen verwendet haben, hat dieser Fehlentwicklung noch Vorschub geleistet. (Medienmitteilung SFF)

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