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Milchbranche im Überblick

Der Schweizer Milchmarkt besitzt viele Besonderheiten, sowohl auf der Agrarstufe wie bei der Verarbeitung. Zum Einen wird er staatlich reguliert und teilweise vor Importen geschützt, zum Andern ist er sehr asymmetrisch. Allerdings: Per 1.7. 2007 wird der Käsehandel mit der EU vollkommen liberalisiert. Gleichzeitig kommt die Marktöffnung bei den landwirtschaftlichen Verarbeitungsprodukten vermehrt zum Tragen und erhöht den lmportdruck. Eine Standortbestimmung zum 100 Jahre-Jubiläum des Milchproduzentenverbandes SMP.

von Foodaktuell Importer



Den 34’000 Milchbauern stehen nur wenige Milchkäufer gegenüber: 70 Prozent der Molkereimilch wird von lediglich vier Firmen verarbeitet: Emmi, «Molkerei Mittelland» (von Emmi und der AZM gegründetes Joint Venture), Cremo, Hochdorf Nutritec und ELSA (Migros). Eine weitere Besonderheit des Milchmarktes ist die Kontingentierung der Milchproduktion, aber diese wird bis 2009 vollständig aufgehoben, was einen Druck auf die Milchpreise bewirkt.

Wie sich die Mengen in der Folge entwickeln, ist schwer vorauszusehen, denn bei sinkenden Preisen werden viele Milchbauern aufgeben oder auf Mutterkuhhaltung umstellen. Und es ist unsicher, wie weit sich die Verarbeiter mit den Schweizer Milchproduzenten solidarisch zeigen. Nur wenige Milchkäufer wie etwa Rohmilch-Käsereien benötigen silofreie, ultrafrische Milch auf kürzesten Transportwegen, was den Import ausschliesst. Aber beispielsweise Schokoladefabrikanten importieren heute schon wesentliche Mengen Pulvermilch.

Obwohl die grossen Umschichtungen im Milchmarkt noch bevorstehen gab es solche schon in den letzten Jahren und zwar positive: Dank intensiven Marketinganstrengungen des Verbandes der Schweizer Milchproduzenten SMP (Stichwort «Lovely-Kuh» im TV-Spot) und modernen Neuprodukten (Energydrink, Caffè Latte, Bifidusjoghurt) gelang es, bei Konsumenten die altväterisch-langweilige Milch wieder salonfähig zu machen. Der Trend zu Functional Food bei Milchprodukten verbessert nicht nur den Absatz sondern auch die Margen.

Vorurteile und Trittbrettfahrer

Noch nicht ausgemerzt ist das Vorurteil der Konsumenten gegen Cholesterin, obwohl die Ernährungswissenschaft heute den Zusammenhang zwischen Herz-Kreislauf-Krankheiten und Nahrungscholesterin als gering einstuft. Dieses Imageproblem nützen Trittbrettfahrer wie Unilever aus, indem sie ihr Rahmimitat «Rama» aus Magermilch, Buttermilch sowie Pflanzenfett propagieren und gleichzeitig vom Gesundimage der Milch profitieren. Die juristische Beurteilung ist noch offen, ob solche Bezeichnungen eine Täuschung des Konsumenten darstellen.

Rund sechzig Prozent der Milch wird in industriellen und gewerblichen Molkereien verarbeitet, circa 33% in kleingewerblichen Käsereien und der Rest in grossgewerblichen wie zB BAER oder Züger. Die meisten Molkereien haben heute eine überlebensfähige Ertragslage, obwohl sie im internationalen Vergleich kleine Fische sind. Viele verfolgen sinnvolle Innovationsstrategien. Der grösste und weiter wachsende Milchverarbeitungskonzern ist Emmi. Kleine und ebenfalls innovative Verarbeiter sind z.B. «Napfmilch», Molkerei Gstaad sowie «Milch- und Käsespezialitäten Alfred Bieri» (Regionalmarke Natürli Zürcher Berggebiet).

Technische und Marketing-Innovationen

Viele erfolgreiche Neuheiten stammen aus den Köpfen von Marketingstrategen (z.B. Aloe-Vera-Joghurt und Heidi-Bergmilchprodukte). Aber es gibt auch wissenschaftlich fundierte Innovationen wie die probiotischen Bifidus-Produkte oder technisch ausgeklügelte wie die kalt streichfähige Halbfettbutter. Ferner lancierte eidg. Forschungsanstalt Agroscope Liebefeld-Posieux (ALP) in Bern neuartige Technologien wie die Frischkäse-Herstellung aus konzentrierter Milch.

Eine andere ALP-Technologie ermöglicht es, Halbfettkäse aus Molkenprotein-angereicherter Milch mit derselben cremigen Konsistenz wie Vollfettkäse zu fabrizieren. Besonders innovativ und erfolgreich sind auch viele Dorfkäsereien. Käse ist das wichtigste exportfähige Milchderivat: rund ein Viertel der Schweizer Milchmenge wird in dieser Form exportiert, allerdings zum grössten Teil als Emmentaler, der im scharfen Wettbewerb mit Imitationen steht.

Dass die Milch in der Schweiz einen hohen Stellenwert geniesst, wirkt sich auch auf Bildung und Forschung aus. Die ETH schuf zwar kürzlich den Lehrstuhl für Milchtechnologie indirekt ab, indem sie ihn anlässlich der Neuberufung in einen Lehrstuhl für Lebensmittel-Biotechnologie umwandelte (zu welchem immerhin Teile der Milchwissenschaft gehören). Aber weiterhin spezialisiert auf wissenschaftliche Milchtechnologie ist die Schweizerische Hochschule für Landwirtschaft SHL in Zollikofen BE. Und die staatliche milchwissenschaftliche Forschung findet an der ALP statt.

Zukunft der Schweizer Milchindustrie

In der EU kostet der Rohstoff Milch nur 44 Rp/kg, in der Schweiz aber ca 72 Rp. Und ab dem 1. Juli 2007 wird der Käsehandel mit der EU vollkommen liberalisiert sein. Gleichzeitig kommt auch die seit dem 1. Februar 2005 bestehende Marktöffnung bei den landwirtschaftlichen Verarbeitungsprodukten vermehrt zum Tragen. «Dies wird vorab bei Massenprodukten erhöhten lmportdruck erzeugen», schrieb Markus Willimann kürzlich im Fachmagazin Alimenta, (Präsident der Vereinigung der Schweizer Milchindustrie und Mitglied der Emmi-Konzernleitung).


Und Willimann weiter: Die neuen Möglichkeiten werden insbesondere vom Schweizer Detailhandel ausgenutzt und schlagen sich in seinen Preis- Forderungen gegenüber den Schweizer Lieferanten nieder. Wird sich der Schweizer Milchpreis deshalb nicht zügig an den EU-Milchpreis annähern. wird es für die schweizerische Milchindustrie schwierig, den inländischen Marktanteil erfolgreich zu verteidigen.

Schwierig gestaltet sich unter solchen Rahmenbedingungen aber auch der Aufbau der Internationalisierung. Eine starke Innovations- und Marketingkraft, gepaart mit Premiumqualität, sind zentrale Erfolgsfaktoren. Der Aufbau neuer Märkte kostet Geld, und «draussen» werden Neulinge nicht mit Samthandschuhen empfangen. Geplant ist auch der totale Abbau der Ausfuhrbeiträge via Schoggigesetz.

Sicher ist, dass sich die Märkte öffnen und der Wettbewerb zunimmt. Die Milchindustrie ist deshalb gut beraten, den steinigen, aber für die Zukunft der Industrie unabdingbaren Weg der Internationalisierung zügig an die Hand zu nehmen. Dazu benötigt sie verlässliche Rahmenbedingungen. Die Milchindustrie kämpft in zunehmend turbulenten Gewässern mit entsprechenden Risiken, aber auch echten Chancen. Der zunehmende Preisdruck muss von allen Beteiligten mitgetragen werden, denn es ist selbstredend, dass einmal verlorene Märkte nur mit grossem Aufwand zurückgewonnen werden können (Ende Zitat Willimann).

Die Schweizer Milchproduzenten SMP starten ins 100. Verbandsjahr mit einem neuen Direktor. Auf Samuel Lüthi, der den Verband 27 Jahre lang führte, folgt per Ende Januar Albert Rösti, früherer Generalsekretär in der Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Bern. Ein Schwerpunkt der Tätigkeit der SMP werde die Strategie “Milchmarkt 2009” bilden, sagte Rösti.

Diese wird im Hinblick auf die definitive Aufhebung der Milchkontingentierung erarbeitet. Dabei gehe es vor allem darum zu prüfen, inwiefern es möglich sei, mehr Milch (rund 3,5 Millionen Tonnen) in einem liberalen Umfeld zu angemessenen Preisen zu produzieren. Weitere anstehende Geschäfte seien die Buttermarktsegmentierung, die Milchpreisverhandlungen oder die Agrarpolitik 2011. (Quelle: LID)

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