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Trends an der Tier&Technik 2007

An keiner Fachmesse lässt sich der Puls der schweizerischen Landwirtschaft so unmittelbar fühlen, wie an der Tier&Technik, die Ende Februar auf dem OLMA-Gelände in St. Gallen stattfand. Bei stagnierender Besucherzahl konnte 2007 das Niveau an Ausstellern und Fachveranstaltungen gegenüber dem Vorjahr wesentlich verbessert werden. Highlights für die Milch- und Fleischbranche waren die Demonstration eines Melkroboters und Nutztierkonzepte.

von Foodaktuell Importer


Eine stoisch wiederkäuende, grossrahmige, festfleischige Charolaiskuh lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, wenn ihr ein rotbackiger Viehzüchter der älteren Generation am Ohr zieht mit der Bemerkung „Frömde Fötzel“.

Niemand konnte sich der Faszination des von der Firma DeLavall präsentierten Melkroboters entziehen (im Leerlauf, und aus tierschützerischer Vorsicht ohne Kuh). Er ist für Herden ab 60 Milchkühen einsetzbar und sollte bei einer Investition von CHF 250 000.- in sechs bis acht Jahren amortisiert sein. Um die aktuellen Bestimmungen für die subventionsberechtige Halbweide einzuhalten, sind für die meisten Betriebe weitere bauliche Investitionen im Bereich von mehreren hunderttausend Franken notwendig.

Nationalrat Caspar Bader versuchte in seinem Eröffnungsreferat ein investitionsfreundliche Klima für die Landwirtschaft und ihre vor- und nachgelagerten Betriebszweige zu schaffen. Doch bei Gesprächen auf dem Messestand von DeLavall dominierte Skepsis. Den Milchbauern können weder Politik, Bundesamt für Landwirtschaft, Bauernverbände noch marktdominierende Abnehmer irgendwelche Versprechen abgeben, wie sich der Milchpreis in den kommenden Jahren entwickeln wird.

Gerüchte über eine mittelfristige Verknappung der Milch in Europa durch die vermehrte Nutzung der Anbauflächen von Futtermitteln zur Produktion von Bioenergie beflügeln das Wunschdenken. Die Verunsicherung im Milch- und Fleischmarkt führt viele Produzenten zurück zur guten, alten Zweinutzungskuh. Noch vor wenigen Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass sich der Tiroler Grauviehzuchtverband mit einem eigenen Stand in Szene setzt und hiesige Züchter bewirten kann, die bereits auf Leistungszucht mit den sympathischen Cousins und Cousinen des Schweizer Braunviehs setzen.

Noch in den achtziger Jahren wurden einzelne Tiere unter abenteuerlichen Bedingungen durch die Stiftung Pro Specie Rara in die Bündner Bergregion importiert. Heute liegt das Tiroler Grauvieh, angepasst an die Umwelt der Hochalpen und mit einer professionell kontrollierten Genetik im Trend der qualitätsorientierten Berglandwirtschaft.

Zwar hilft ein dank Importbeschränkungen hoher Milchpreis dem „Schweizer Original Braunvieh“ zum Überleben, aber er verhindert gleichzeitig den Aufbau einer für den europäischen Markt tauglichen Basis für qualitativ hochwertiges Fleisch. An Vertragspartnern für die Spezialisierung fehlt es nicht. SwissPrimGourmet gewinnt zunehmend Vertrauen bei Produzenten, die entdeckt haben, dass ihre Zukunft nicht allein in der Zucht von schönen Kühen liegt.

Mehr wertvolle Fleischstücke

Mit Interesse werden auch neue Ansätze in diesem Segment, wie das Light Premium Beef der Linus Silvestri AG in Lüchingen beobachtet. Der Nutztiersystem-Anbieter verspricht mehr wertvolle Fleischstücke dank besserem Verhältnis von Hinter- zu Vorderviertel, überdurchschnittliche Fleischausbeute und ein hoher intramuskulärer Fettanteil. Um die Ziele zu erreichen, sind nur Tränker mit fünfzig Prozent Fleischrinderrassenanteil, Original Braunvieh sowie Simmentaler Code 60 zugelassen, und bei den Rindern/Ochsen keine Angusmastrasse.

Die Mastdauer verkürzt sich um durchschnittlich 33 Tage, weil weniger Gewicht aufgemästet wird. Damit die Tiere trotzdem den nötigen Ausmastgrad (Fettklasse 3) erreichen, braucht es von Anfang an eine intensive Fütterung (Muni). Besonderes Gewicht muss der Grundfutterqualität beigemessen werden, und zusätzlich braucht es die richtige Kraftfutterergänzung. Neben der Fütterung spielt auch die Genetik eine wichtige Rolle.

Massgeschneiderte Herde

Als innovativer Viehzüchter kann der Produzent durchaus selbst eine Herde nach eigenen Vorstellungen aufbauen. Ein halbes Dutzend Unternehmen bieten Sperma aus der europäischen und kanadischen Hochleistungszucht von Milch- und Fleischrassen an. Aber die Öffnung des Marktes führt zu einer Verunsicherung. Wenn die Grösse der Herde auf vierzig bis sechzig Tiere limitiert ist, macht es durchaus Sinn, auf Milchwirtschaft und bewährte Brands wie Holstein (Bild) zu setzen.

Betriebe, die sich primär auf Ackerbau, Gemüse, Obst oder Wein spezialisieren, finden mit resistenten und in der Pflege anspruchslosen Rassen eine Möglichkeit, nebenbei noch einige Mutterkühe und Kälber zu halten. Gefragt sind vor allem Schottische Hochlandrinder. Interessante mitteleuropäische Fleischrassen vermittelt die Österreichische Nationalvereinigung für Genreserven (ÖNGENE). ProSpecie Rara dürfte diese Entwicklung verschlafen haben.

Kühe fressen Gras. Die Sonderschau „Grasland Schweiz“ hat die Erwartungen der Besucher kaum erfüllt. Sie erschöpfte sich in der Präsentation von einigen hangtauglichen Landmaschinen. Agroscope Reckenholz-Tänikon, nun ART genannt, vermittelte mehr die Orientierungslosigkeit der schweizerischen Agrarforschung als das bis anhin nicht einmal in Ansätzen spürbare Engagement des Bundes im entwicklungsfähigen Segment der voralpinen Graswirtschaft innerhalb der Strukturpolitik der EU.

Einen ironischen Akzent setzte der an die Sonderschau über das Grasland Schweiz anschliessende, sehr grosszügige Messestand von SanaSativa. Rührige Hanfbäuerinnen und Hanfbauern im Zwilch vermittelten die Botschaft des „Bauernhanfs“. SanaSativa warb in einer ebenso gross angelegten Inseratekampagne im Vorfeld der Messe für den Hanfanbau.

Die Reaktion blieb nicht aus. Mit einer Pressemitteilung vom 19. Februar 2007 beharrt das Eidgenössische Volkswirtschaftsdepartement auf einem Fütterungsverbot für Hanf: Der von Jean-Pierre Egger und seiner SanaSativa propagierte Hanf soll angeblich sowohl in der Milch als auch im Fleisch zu Rückständen von THC führen. Dank verbesserten Analysemethoden sind sie messbar geworden. Eine weitere Runde in einer der bizarrsten Episoden der schweizerischen Landwirtschaftspolitik ist absehbar.

Text: Dr. David Meili (dm)

Bilder: Olmamessen St.Gallen und foodaktuell

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Suchbegriffe für diesen Bericht: Tierundtechnik, Tier&Technik-Messe