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Schmackhafte Gentech-Tomaten – das kleinere Übel?

Gentechniker lancieren Aroma-Tomaten. Antimatsch-Tomaten gibt es schon. Kommentar.

von Foodaktuell Importer


Israelische Forscher haben Tomaten ein Basilikum-Gen eingepflanzt.

Die Gentech-Tomaten schmecken intensiver allerdings auch ein wenig nach Rosen. Siehe dazu: Gentech-Tomaten mit mehr Geschmack?.
Bild: gewöhnliche, eher fade aber schöne Supermarkt-Tomaten

Bei der Gentech-Lobby hat offenbar ein Umdenken stattgefunden. Vor über zehn Jahren lancierten Monsanto, Syngenta & Co vor allem GVO-Pflanzen, die kommerziell ihnen selbst am meisten nutzten (GVO: Gentechnisch veränderte Organismen). Der Vorteil für ihre Kunden, die Bauern, war oft umstritten, und die Konsumenten konnten nicht von der neuartigen Technologie profitieren (Soja und Mais waren nicht besser oder billiger mit Bakterien-Genen). Sie waren aber stark verunsichert, vor allem die europäischen («Monsanto hat den Profit in der Tasche und wir das Risiko auf der Gabel»).

Ein gesundheitliches Risiko besteht zwar nach heutigem Ermessen nicht, und wäre im Vergleich zu den Hauptsünden der unausgewogenen Ernährung oder den Hygienerisiken ohnehin vernachlässigbar. Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung SGE opponierte nicht gegen GVO-Produkte im Gegensatz zur Öko-Lobby.

Aber der Imageschaden war angerichtet, und die Gentech-Konzerne reagierten lange Zeit kontraproduktiv und verständnislos. Hätten sie als erstes mehrere Produkte mit Konsumentennutzen lanciert, wäre die Akzeptanz höher gewesen. Und sie sprachen im Konjunktiv: man könnte dieses und jenes Ernährungsproblem lösen. Ob man es wirklich konnte und unter kommerziellen Aspekten mit hoher Priorität auch wollte, musste bezweifelt werden.

Späte Einsicht ist besser als gar keine.

Wenn man die Wahlfreiheit hat und GVO-Produkte deklariert sind, kann man diese willkommen heissen, sofern sie einen Konsumentennutzen bringen und die Umweltverträglichkeitsprüfungen günstig ausfallen. Wer rosenartig schmeckende Tomaten chic findet, soll sie kaufen dürfen. Allerdings unter der Voraussetzung, dass diese Rosen-Tomate sorgfältiger entwickelt wurde als ihre Vorgängerin, die Flavr Savr Gentech-Tomate, besser bekannt als «Anti-Matsch-Tomate», die vom Markt verschwunden ist.

Keine Basilikum-Tomaten, die nach Rosen schmecken (moderne Köche dekorieren heute schon den Salat mit Blütenblättern). Auch keine Flavr Savr- bzw Anti-Matsch-Tomaten sondern gewöhnliche Bio-Tomaten.

«Aromatischere Tomaten mit Basilikum-Gen», lautete der Titel der Internutrition-Mitteilung. Gene aus einem pflanzlichen Lebensmittel lediglich in ein anderes solches transferiert – auch dies ist ein imagemässiger Fortschritt der Gentechniker. Tomaten mit Schweine- oder Menschen-Genen würden kaum auf Akzeptanz stossen – schon gar nicht, wenn die Schweine ihrerseits ein Wurm-Gen enthalten.

Aber dass es gerade ein Basilikum-Gen ist, provoziert nun doch ein Fragezeichen: Sollen die Tomaten nach Basilikum schmecken, damit der Koch für die Insalata Caprese keine echten Kräuter mehr verwenden muss? Dies ist zwar nicht die Absicht, aber der falsche Vermutungen weckende Titel reizt zum Generieren ähnlicher Ideen: Tee mit Zitronen-Gen? Lachs mit Meerrettich-Gen? «Mache weitere lustige Beispiele mit Pflanzen und Tieren» (aus dem Rechnen-Büchlein für Erstklässler vor 40 Jahren).

So oder so: Noch gescheiter wären die Gentechniker, wenn sie Probleme lösten, die man nicht ebenso gut mit natürlichen Methoden lösen kann. Warum produziert Israel keine Coeur de Boeuf-Tomaten, die ebenfalls aromatisch sind aber ohne den rosigen Nebengeschmack? Diese alte Sorte wird heute mit grossem Erfolg auch in Supermärkten verkauft.

Sinnvolle Produkte oder Scherzartikel?

Vor fünf Jahren war die heutige Einsicht, wie man mit Akzeptanzproblemen umgehen sollte, noch nicht vorhanden. Die Gentech-Agrokonzerne gingen kaum auf die Bedenken der verunsicherten Konsumentenschaft in Europa ein und versprachen, wenn man sie nur gewähren liesse, würden sie die drängenden Ernährungsprobleme der Welt lösen (Stichwort: Vitamin A-Reis).


Der goldene Vitamin-A-Reis, entwickelt an der ETH Zürich von Professor Ingo Potrykus,
bildet im Korn gelbes Provitamin A. Er könnte dazu beitragen, in armen Ländern, wo Reis die Hauptnahrung darstellt, Vitaminmangel-Krankheiten zu lindern. Bild: kein Gentech-Reis sondern konventionelles Safranrisotto.

Aber Gentechkonzerne lösen keine Ernährungsprobleme sondern kalkulieren. Sie lancierten transgene Pflanzen, von denen Landwirtschaft und Umwelt der Industrieländer profitieren sollen: Primär ein Nutzen für die Konzerne selbst. Dagegen waren Produkte mit direktem Verbrauchernutzen erst in der Entwicklungsphase, so etwa die Virus-resistente und daher fleckenlose Gentech-Papaya, die in Hawaii angebaut wird, nachdem Viren die angestammten Sorten vernichtet hatten. Fazit: Nicht die Gentechnik als solche ist das Problem, sondern wie überall Menschen, die ein Instrument auf unzimperliche Art handhaben.

Komplizierte Herstellung von fettreduzierten Pommes

Transgene Pflanzen machen Sinn, wenn sie keine Insektizide benötigen und gleichzeitig robust gegen Pilzbefall sind. Aber Pflanzen, die nur in Kombination mit Chemikalien desselben Herstellers funktionieren, sind Schlaumeiereien. Auch ein Vorzeigeprojekt von Monsanto war kaum richtig zu Ende gedacht: Der US-Saatgutkonzern entwickelte transgene Kartoffeln, die dank höherem Stärkegehalt weniger Fritierfett aufnehmen. Aber es gibt schon lange Fritier-Techniken, die das können und sich nicht durchsetzen, weil fettreduzierte Pommes Frites anders schmecken.

Weitere Gentech-Ziele sind Functional Food wie Allergiker-verträgliche oder nährwert-angereicherte Produkte. Aber beim Marktpotenzial sind Allergiker nur am Rande interessant, und der Nutzen von Functional Food wird von Ernährungsexperten stark relativiert. Immerhin: Genfood mit Verbrauchernutzen, unbedenklich und korrekt deklariert, ist akzeptabler als Schlaumeierprodukte.

Vielleicht fällt die Nachfrage nach GVO-Produkten dereinst enttäuschend aus, aber das wäre Geschäftsrisiko. Vielleicht ist auch der angerichtete Imageschaden so gross, dass die Gentechniker in Europa warten müssen, bis die nächste, noch unvoreingenommene Generation zur Kaufkraft heranwächst.

Gentechprodukte mit echtem Konsumentennutzen und «ohne Risiken und Nebenwirkungen» haben durchaus Marktchancen bei einem Teil der Bevölkerung. In einer Umfrage sagten zwar 53 % der Schweizer, sie würden gentechnisch verbesserte Nahrungsmittel ablehnen. Aber was Menschen sagen und was sie wirklich tun, deckt sich nicht immer. Und in Monster verwandeln würde uns Genfood nicht.

Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung BfR nimmt Stellung zur Gentech-“Flavr Savr”-Tomate

Die “Flavr Savr”-Tomate wurde mit dem Ziel der längeren Haltbarkeit genetisch modifiziert. Dazu wurde mit Hilfe gentechnischer Methoden ein Gen der Tomate inaktiviert, das für die Bildung eines Proteins mit der Bezeichnung Polygalacturonase (PG) verantwortlich ist, welches am Abbau der Zellwand reifer Tomaten beteiligt ist.

Auch mit traditioneller Züchtung wurde bereits versucht, natürliche Mutanten mit verringerter PG-Aktivität in handelsübliche Sorten einzukreuzen. Die Ergebnisse erwiesen sich jedoch aufgrund anderer gleichzeitig eingekreuzter negativer Eigenschaften als unbrauchbar.
Im Gegensatz zur traditionellen Züchtung ermöglicht es die Gentechnik, einzelne Gene über Artengrenzen hinweg von einem Organismus in einen anderen zu übertragen und ihn somit gezielt genetisch zu verändern.

Im Falle der “Flavr Savr”-Tomate wurde das aus einer konventionellen Tomate isolierte, für den Zellwandabbau verantwortliche PG-Gen in gegenläufiger Orientierung in das Erbgut der Tomatenpflanze übertragen. Die transgenen Pflanzenzellen enthalten in ihrem in Form von Desoxyribonukleinsäure (DNS) vorliegenden Erbgut nun das PG-Gen sowohl in der richtigen als auch in der entgegengesetzten Orientierung, als sogenanntes antisense-PG-Gen. Von den beiden gegenläufig angeordneten PG-Genen werden in der Zelle komplementäre Kopien in Form von messenger-Ribonukleinsäure (mRNS) hergestellt, die normalerweise als Vorlage für die Synthese von Proteinen dient.

Das Vorhandensein komplementärer mRNAs führt jedoch dazu, dass die Umsetzung der Erbinformation vom Gen zum Protein weitgehend unterbrochen wird und nur noch sehr geringe Mengen des Proteins Polygalacturonase gebildet werden. Dadurch wird der Zellwandabbau verlangsamt und der Verrottungsprozess aufgehalten. Die genetisch modifizierten Tomaten müssen nicht in grünem Zustand geerntet und anschliessend mit Ethylen begast werden, um auf dem Weg bis in die Verkaufsregale nicht zu verderben. Sie können an der Rebe reifen, dabei Farbe, Geschmack und Aroma entwickeln – daher der Name “Flavr Savr” -, und bleiben dennoch transport- und lagerfähig.

Bei der Herstellung der transgenen Tomatenpflanzen wurde gleichzeitig ein zweites Gen übertragen, das als Selektionsmarker dient. Dabei handelt es sich um ein aus dem Bakterium Escherichia coli stammendes Antibiotikaresistenzgen, mit dessen Hilfe sich die meist nur wenigen erfolgreich modifizierten Pflanzenzellen von den nicht veränderten Zellen unterscheiden lassen. Das von den transgenen Pflanzenzellen gebildete Protein Neomycin-Phosphotransferase II (Npt II), verleiht diesen Zellen Resistenz gegen die Antibiotika Neomycin und Kanamycin. Wird dem Nährmedium eines dieser Antibiotika zugegeben, können nur die Pflanzen wachsen, denen das an das antisense-PG-Gen gekoppelte Npt II-Gen übertragen wurde.

Molekulare Charakterisierung

Die Identität der beiden neu eingeführten Gene – antisense-PG und npt II – in der Pflanze wurde durch Vergleich mit den ursprünglich aus der Tomate bzw. aus E. coli isolierten Genen bestätigt. Beide Gene sind nachweislich an nur einem Ort im Genom der Tomatenpflanze integriert. Das ist von Vorteil für die genetische Stabilität und minimiert gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit möglicher Störungen des genetischen Umfeldes.

Die integrierte DNA-Sequenz wurde über fünf Generationen hinsichtlich Identität und Stabilität untersucht. Entsprechende Untersuchungen gehören zur routinemässigen Qualitätskontrolle.
Die beabsichtigte Wirkung des verzögerten Zellwandabbaus wurde durch die stark reduzierte Bildung des Proteins Polygalakturonase erreicht. Die Messergebnisse zeigen, dass die für den Zellwandabbau verbleibende Enzymaktivität der Polyglalakturonase im Vergleich zu Kontrolltomaten nur noch 1 % ausmacht.

Da das antisense-PG-Gen keine Information für ein Protein enthält, sondern durch die gegenläufige Orientierung lediglich zur Blockierung der Proteinsynthese des PG-Genes dient, ist das einzig zusätzliche und neuartige Protein der transgenen Tomaten das Enzym Neomycin-Phosphotransferase II. Es liegt mit einem Anteil von 0,08 % am gesamten Zellprotein in sehr geringer Konzentration vor.

Phänotypische Eigenschaften

Die Stabilität phänotypischer und agronomischer Merkmale ist nicht nur für den Hersteller als Kriterium für die gleichbleibende Qualität des Produktes relevant. Abweichungen über die natürliche Varianz hinaus können auch Hinweise auf eine Veränderung der Anordnung der Gene im Pflanzengenom – auch als Kontextstörungen bezeichnet – und dadurch hervorgerufene unbeabsichtigte Störungen des Stoffwechsels der Pflanze geben. In mehrjährigen Feldversuchen wurden entsprechende Daten ermittelt und mit denen aus dem Anbau konventioneller Tomatenpflanzen verglichen.

Bei den beobachteten veränderten Eigenschaften handelt es sich um die aus der genetischen Modifikation resultierende

verlängerte Haltbarkeit,

erhöhte Fruchtfleischviskosität,

erhöhte Pilzresistenz.

Alle neuen Eigenschaften der transgenen Tomate können auf die länger anhaltende Stabilität der Zellwand zurückgeführt werden.

Inhaltsstoffanalyse

Die Analyse der Inhaltsstoffe gibt weiteren Aufschluss darüber, ob durch die genetische Modifikation unerwünschte Stoffwechselveränderungen ausgelöst wurden. Dazu wird sowohl die Konzentration relevanter Nährstoffe wie auch die der natürlicherweise vorkommenden toxischen Substanzen in den transgenen und den nicht modifizierten Kontrolltomaten verglichen. Zu berücksichtigen ist dabei, wie bei den phänotypischen Merkmalen, die von Umweltfaktoren, wie Boden-, Licht-, Temperaturverhältnissen, beeinflusste natürliche Variationsbreite.

Für folgende Nährstoffe wurden in den “Flavr Savr”- und in Kontrolltomaten keine signifikant abweichenden Konzentrationen festgestellt: Vitamine A, B1, B2, B6, C und Niacin, Carotinoide beta-Carotin und Lycopen, Calcium, Magnesium, Phosphor, Natrium, Eisen. Der Gehalt an Vitamin A und Vitamin C wurde über den Haltbarkeitszeitraum der Tomaten bis zu 25 Tagen untersucht. Er unterscheidet sich nicht von den untersuchten Kontrolltomaten und den in der Literatur berichteten Daten.

Tomaten bilden natürlicherweise die toxischen Glykoalkaloide Tomatin und Solanin. Die Analyse ergab, dass in den reifen “Flavr Savr”-Tomaten wie in den reifen Kontrolltomaten Solanin nicht nachweisbar war. Tomatin wurde nur in wenigen reifen Früchten sowohl der transgenen wie der Kontrollpflanzen in geringer Konzentration gefunden.
Hinsichtlich der natürlich vorkommenden Inhaltsstoffe unterscheiden sich die “Flavr Savr”-Tomaten somit nicht von herkömmlichen Tomaten. (Quelle: BfR)

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