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Bell will mit Freihandel wachsen

Convenience, Klein-Packungen, Seafood, Catering und Aquisitionen

von Foodaktuell Importer


Die Bell AG hat an ihrer Bilanz-Pressekonferenz aufgezeigt, mit welchen Strategien sie in einem liberalisierten Fleischmarkt ein organisches Wachstum von 2 Prozent pro Jahr erzielen will.

Die Unternehmensbilanz 2007 von Bell zeigt gegenüber dem Vorjahr wieder ein starkes Wachstum bei Convenience. Bild: Saucen im Spritzsack für die Gastronomie.

Während der Handel mit Käse und Milchprodukten bereits seit Mitte 2007 weitgehend liberalisiert ist und zu keinen nennenswerten Nachteilen auf dem Inlandmarkt geführt hat, leidet die Fleischbranche unter Kontingenten und Zollabgaben, die zum Beispiel beim Rohstoff für Bündnerfleisch bis zu fünfzig Prozent des durch die Verarbeitung gewonnen Mehrwerts betragen können. Diese Abgaben (122,8 Mio Franken im Jahr 2006) fliessen direkt in die Bundeskasse und werden so der fleischverarbeitenden Industrie entzogen. Sie schwächen die Stellung der Schweizer Produzenten auf den Exportmärkten.

An der Bilanzpressekonferenz von Bell am 14.2.2008 zeigten CEO Adolphe R. Fritschi und Martin Gysin, Leiter des Geschäftsbereichs Finanzen auf, wie die Bell AG für die kommenden Jahre die Herausforderungen bewältigt. In seiner 138-jährigen Geschichte gewann Bell umfassende Erfahrungen mit den Schwankungen des Fleischmarktes.

Ein Beispiel für eine Imagekrise ist der Einbruch bei den Geflügelprodukten nach dem Aufkommen der Vogelgrippe in Asien. Die Verarbeitung musste 2006 um mehr als zwanzig Prozent hinuntergefahren werden. Der Preisdruck und die damit verbundene geringere Marge zwangen Bell zur Überarbeitung von Prozessen und zur Rationalisierung bei Verfahrenstechniken. Aber bereits 2007 zog der Markt für Geflügel wiederum stark an und erreichte – auch dank innovativen Produkten – das Niveau der Spitzenjahre vor 2005. Die Bell AG positioniert sich heute effizienter, kostengünstiger und qualitativ besser als vor der Absatzkrise.

Die Herausforderungen werden nicht kleiner: So müssen aus demographischen Gründen für Kleinhaushalte immer kleinere Portionen und mehr Fertigprodukte auf den Markt gelangen. Die Verlagerung vom Offenverkauf zur Selbstbedienung und vom Supermarkt zu alternativen Verkaufskanälen wie Tankstellenshops fällt selbst bei Frischfleisch auf, auch wenn die Bell-Mehrheitsaktionärin Coop solche Zahlen nicht offen legt. Zudem konsumiert die erwerbstätige Bevölkerung das Mittagessen heute mehrheitlich in der Gemeinschaftsgastronomie.

Nebenbei erwähnte Fritschi, wie stark die Bratwurstproduktion schwankt. Sie kann je nach Saison und Volksfesten zwischen 10 und 40 Tonnen pro Tag betragen.

Preiserhöhungen beim Rohstoff können nur verzögert weitergegeben werden. Aktuelles Besipiel sind die anfangs 2008 in der Spanne der bis zu zehn Prozent ansteigenden Schlachtpreise bei Rindern und Schweinen. Um Ostern wird wohl einer der beiden Grossverteiler in der Schweiz seine Preise für Frischfleisch als erster erhöhen, der andere wird folgen. Eine Preissteigerung bei unverarbeiteten Waren wirkt sich auf die Verarbeitungsstufe aus. Erwartungsgemäss erleiden jene Produkte Einbussen, bei denen die Preiserhöhung besser sichtbar erfolgt.

Anders im Wachstumsmarkt Seafood: Das Wachstum betrug in vier Jahren 20 Prozent.
Durch eine Verknappung des Angebots wurde Fisch seit 2003 im Einkauf wie auch im Detailhandel immer teurer. Dennoch konnte die Wertschöpfung für Absatz und Verarbeitung gesteigert werden. Im Detailhandel glich sich das Preisniveau bei Fisch zwischen Basel und dem benachbarten Elsass bereits weitgehend an. Die ungleiche Belastung der Verarbeiter durch den Importzoll wird durch die wesentliche höhere Mehrwertsteuer in Frankreich kompensiert.

Die Bell AG tritt sowohl als Verarbeiter wie als Dienstleister in Erscheinung. Die Bell AG wird für die EURO 08 in allen UBS-Arenen für die Gastronomie verantwortlich sein, vom Bratwurststand bis zur VIP-Lounge. Da dieser Auftrag mit grossen Risiken verbunden ist, wurden zu Lasten der Rechnung 2007 Sonderrückstellungen vorgebucht. Risiken heisst etwa drei Wochen Regen während den Meisterschaften oder das vorzeitige Ausscheiden von Teams, deren Fans auf Bell-Produkte ansprechbar sind.

Seit Mitte 2007 beliefert Bell die Fluggesellschaft SWISS mit 10000 Sandwiches pro Tag. Dazu scherzte Bell-CEO Adolphe R. Fritschi: «Passagiere, die sich über den zu kleinen Schinkenanteil beschweren wollen, sollten dies nicht bei mir sondern bei der Swiss tun».

Die Bell AG sucht aktiv im süddeutschen und ostfranzösischen Raum nach mittelständischen Unternehmen der fleischverarbeitenden Branche zur Übernahme oder Beteiligung. Adolphe R. Fritschi sieht ein Wachstumspotential bei der Kernkompetenz des Unternehmens, der Herstellung von Charcuteriewaren im Premium-Segment und anderen, verarbeiteten Produkten mit hoher Wertschöpfung.

Undenkbar für die Bell AG wäre eine Beteiligung auf Stufe Schlachtung und Zerlegung. Dieser Markt wurde in den vergangenen Jahren ausserhalb der bisher abgeschotteten Schweiz weitgehend globalisiert und bietet für ein mittelständisches Unternehmen, was die Bell AG auf dem europäischen Markt sein wird, kaum mehr Entwicklungsmöglichkeiten.

Mit einer Aquisitionen könnte die Bell AG auch im Fall einer Annahme des Referendums für den Agrarfreihandel im EU-Raum produzieren. Selbst bei einem vorerst negativen Volksentscheid ist die Marktöffnung mittelfristig absehbar. Es entspricht der Tradition des Unternehmens, Chancen und Risiken sorgsam abzuwägen und Zwischenlösungen offen zu halten.

Von den Bundesratsparteien ist es letztlich nur noch die SVP, die sich gegen den Agrarfreihandel mit der EU engagiert. Sollte sie das Referendum ergreifen, dürfte die Volksabstimmung gemäss aktueller Agenda der Bundeskanzlei im Mai 2009 erfolgen. Nach der zu erwartenden Annahme der Vorlage durch das Volk wird der Freihandel noch im gleichen Jahr Realität. (Text: Dr. David Meili)

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