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Melamin in China: Chronik eines Skandals

Skrupellose Geschäftemacher und zu späte Intervention

von Foodaktuell Importer

Melamin ist erheblich billiger als Milch und täuscht bei der analytischen Untersuchung einen höheren Proteingehalt vor. In China wurde diese Industriechemikalie vorsätzlich beigemischt. Entwarnung für Europa: Milchpulver aus China wird in der streng kontrollierten Produktegruppe Babynahrung nicht verwendet. Zudem müssen Produkte mit einem Melamingehalt von mehr als 2,5 Milligramm pro Kilogramm unverzüglich vernichtet werden.

Schon im Sommer kannten die chinesischen Behörden den Betrug mit Melamin in Milch und Milchprodukten gemäss Recherchen des Schweizer Fernsehens, doch sie intervenierten nicht sofort, um einen Imageschaden während des Olympischen Spielen zu vermeiden.

Bild: melamin-beschichtete Sperrholzplatten.

Soziologie-Professor Karl Otto Hondrich bezeichnet einen Skandal als “Moralische Verfehlungen von hochgestellten Personen oder Institutionen.” Bei der vorsätzlichen Beimischung der Industriechemikalie Melamin zu der bei der Herstellung der Babynahrung verwendeten Milch bzw. des Milchpulvers, trifft die Bezeichnung “Skandal” wohl den Nagel auf den Kopf. Vor allem, weil die Problematik gar nicht neu ist. Bereits im März 2007 hatte das Auftreten von Melamin in Tiernahrung zu einer Reihe von Todesfällen bei Haustieren in den USA geführt. Schnell wurde China als Herkunftsland festgestellt.

Wozu wird Melamin verwendet?

Melamin wird aus dem stickstoffhaltigen Harnstoff gewonnen und kann daher in einer unspezifischen Kjeldahl-Analyse Protein vortäuschen. Der Stoff wird üblicherweise in der Industrie als Bindemittel, insbesondere für bestimmte Tischplatten, verwendet und ist günstig herzustellen. Melamin spielt bei der Herstellung von Kunstharzen, Leimen, Polymeren, Reinigungsmitteln, Farben, Klebstoffen, Flammschutzmitteln und Düngemitteln eine Rolle. Als Lebensmittelzusatzstoff ist die Substanz strikt verboten.

Das chinesische Aussenministerium bestätigte gegenüber der amerikanischen Lebensmittelbehörde FDA (Food and Drug Administration), dass Futtermittellieferungen von Weizengluten und Reisproteinkonzentrat die Industriechemikalie Melamin enthielten. Im März/April 2007 wurden die Vorfälle im Schnellwarnsystem der EU bekannt gemacht. Seither wurden monatlich mehrere Futtermittel betreffende Vorkommnisse von Mitgliedsstaaten der EU gemeldet.


Warum wurde Melamin zugesetzt?

Melamin ist erheblich billiger als Milch und täuscht bei der analytischen Untersuchung einen höheren Proteingehalt vor. Besonders trickreich: Der Proteingehalt wird anhand eines chemischen Stoffes (Stickstoff) gemessen und Melamin ist besonders stickstoffreich. Ohne weiterführende Untersuchung kann eine solche Verfälschung verborgen bleiben. Der Proteingehalt bestimmt aber die Qualität und vor allem den Preis sowohl in Futtermitteln als auch in Milchpulver. Es handelt sich hierbei also um eine gezielte Verfälschung zur Vortäuschung einer besseren Qualität.


Wie gefährlich ist Melamin?

Melamin gilt nicht als genotoxisch (genetisch verändernd), kanzerogen (krebserregend) oder teratogen (fruchtschädigend). Bei erhöhter Zufuhr verursacht es jedoch Nierenschäden. Geringe Mengen werden im Organismus wieder zu Harnstoff abgebaut. Grössere Mengen jedoch bilden offenbar in der Niere Kristalle und verursachen so Nierensteine. Weiter können die Abbauprodukte die Nierenkanäle verstopfen und schliesslich zum Tod durch Nierenversagen führen. Das ist genau das, was in China einer unbekannten Zahl von Kindern widerfahren ist.

Tatsache bleibt, dass Lebensmittel für Babys die am stärksten kontrollierten Produkte sind. Gezielte Untersuchungen haben auch keinerlei Spuren von Melamin ergeben. Zudem ist auf Anfrage bei den deutschen Herstellern einhellig zu hören, dass überhaupt kein Milchpulver aus China verwendet wird. So bezieht zum Beispiel Milupa seine Rohstoffe vor allem aus Irland, Hipp aus Deutschland und Österreich. Auch bei Alnatura beziehen die Hersteller kein Milchpulver aus China. Die Melamin-Spuren in einem Nestlé-Produkt für die Gastronomie wurden ausschliesslich auf dem chinesischen Markt entdeckt.

Milchpulver wird in vielen Bereichen der Lebensmittelproduktion eingesetzt. Zum Beispiel auch in Schokoladen, Keksen oder Sahnebonbons. In Deutschland wurden unter anderem “Koala-Kekse” und “White Rabbit Creamy Candies” mit einer Melamin-Belastung gefunden und über die Exportfirmen und die chinesischen Hersteller gleich aus dem Verkehr gezogen.


Risikobewertung von Melamin

Die Wissenschaftler der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) gaben eine Erklärung ab, wonach selbst für den schlimmsten Fall, dass Erwachsene in Europa Schokolade und Kekse verzehren, die verunreinigtes Milchpulver enthalten, die TDI (tolerier-bare tägliche Aufnahmemenge) von 0,5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht nicht überschritten würde. Die EFSA hat dabei den schlimmsten anzunehmenden Fall, den für chinesische Säuglingsnahrung berichteten höchsten Melaminwert (ca. 2.500 mg/kg), und einen Aufnahmewert von 95 Prozent zu Grunde gelegt.

Einfuhrverbot für Milchprodukte aus China

Mit ihrer Entscheidung vom 26. September 2008 hat die Europäische Kommission Sofortmassnahmen zur Abwendung von Gesundheitsschäden durch Milchprodukte aus China eingeleitet. Darüber hinaus müssen alle aus China stammenden Erzeugnisse, die mehr als 15 Prozent Milcherzeugnisse enthalten, auf das Vorhandensein von Melamin kontrolliert werden.

Dies gilt auch für Erzeugnisse, deren Milchanteil nicht ermittelt werden kann. Bis zum Vorliegen der Laborergebnisse müssen die Sendungen festgehalten werden. Erzeugnisse mit einem Melamingehalt von mehr als 2,5 Milligramm pro Kilogramm sind unverzüglich zu vernichten. Die bei den Kontrollen entstehenden Kosten sind von den für die Einfuhr der entsprechenden Produkte verantwortlichen Unternehmen zu tragen.
In Deutschland wurde die Entscheidung der Kommission durch eine Eilverordnung umgesetzt. Diese sieht auch verstärkte Kontrollen von sich bereits im Handel befindlichen Lebensmitteln vor.

(Quelle: aid)