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«Intelligente» Verpackungsneuheiten für Fleisch

Frischeindikator-Ettikette startet in Schweizer Fleischbranche

von Foodaktuell Importer



In der Verpackungsbranche sind nützliche und teils revolutionäre Innovationen im Gang. Bei der Frischeindikator-Ettikette TTI steht der direkte Konsumentennutzen im Vordergrund. Deren Lancierung in der Schweiz ist seit Langem erwartet worden und erfolgte kürzlich durch die Firmen Bizerba sowie Kneuss mit einem rohen Güggeli.

Bei Food-Verpackungen finden Innovationen auf allen Ebenen statt und teilweise sogar mehr Basisinnovationen als beim Lebensmittel selbst. Ein Beispiel ist die «intelligente Verpackung» TTI (Time Temperature Indicator). Die erste Anwendung dieser Frischeindikator-Ettikette in Zentraleuropa ist kürzlich lanciert worden und basiert auf der OnVu-Ettikette von Bizerba. Der deutsche Technologiekonzern löste damit ein grosses Medienecho aus.

Die OnVu Etiketten, zusammen mit CIBA entwickelt, sollen sowohl die Kühlkettenlogistik als auch den Konsumentenschutz verbessern. Man kann damit nachträglich die Lagerbedingungen überprüfen ähnlich wie bei einem Hamstergerät aber direkt sichtbar anhand eines Farbwechsels. Der Kern des Ettiketts besteht aus einem Pigment, das seine Farbe abhängig von Lagerdauer und -temperatur verändert. Beim Abpacken des Produkts aktiviert man OnVu durch UV-Licht. Die Ausgangsfarbe ist dunkelblau, und je wärmer oder länger das Produkt lagert, desto mehr Farbpigment wird abgebaut. Der Kunde kann den Farbsättigungsgrad mit unveränderlichen Referenzfarben vergleichen.

Ende September lancierte «Ernst Kneuss Geflügel» ein Backofen-Güggeli mit dieser OnVu-Ettikette. Dass die Fleischbranche den TTI als erste in der Schweiz anwendet, liegt nahe, denn rohes Fleisch und vor allem rohes Geflügel ist besonders heikel. Kneuss-CEO Daniel Kneuss spricht aus Erfahrung: «Bei den Schnittstellen vom Verladen über das Umladen in einen neuen Kühlraum bis zum Endkonsumenten kann viel passieren. Mit TTI können wir nachweisen, ob etwas nicht stimmte». Tests mit TTI gab es bei weiteren Firmen der Schweizer Fleischbranche, ist bei Bizerba zu hören, aber es bestünden noch keine konkreten Pläne für Einführungen.

Hohe Konsumenten-Akzeptanz

Mit welchen Investitonen und Materialkosten muss ein Abpackbetrieb rechnen? Für die UV-Aktivierung der OnVu Etiketten benötigt man ein Aktivierungssystem welches das Ettikett je nach Laufzeit des Artikel unterschiedlich stark auflädt, einen UV-Filter aufbringt und das Ettikett appliziert. Der UV-Filter schützt vor äusseren Störfaktoren. Gemäss Jörg Bebensee, Produktverkaufsleiter von Bizerba (Schweiz) AG kostet ein manueller Auszeichner rund 20’000 Franken und ein vollautomatisches Modul für 100 Produkte pro Minute rund 65’000.- Der Tausendstückpreis der OnVu-Etikette hängt von der Bestellmenge ab und liegt bei ca. 56.-.


Die Ausgangsfarbe der Frische-Indikator- ettikette OnVu von Bizerba ist dunkelblau. Je wärmer oder länger das Produkt lagert, desto mehr Farbpigment wird abgebaut.

«Weltweit haben wir derzeit viele Anfragen und laufende Projekte», so Bebensee. «Bereits erfolgreich realisiert sind Lancierungen in Portugal und Mexiko. «In Portugal hat Jeronimo Martens OnVu TTI eingeführt. Der grösste lokale Marktteilnehmer im Detailhandel hat eigene Produktionsstätten und überwacht nun seine komplette Lieferkette. In Mexiko wird Superama (Walmart Gruppe), einer der grössten Detailhändler OnVu TTI einführen. Und bei Edeka in Deutschland verliefen Tests mit Konsumentenbefragungen ebenfalls sehr positiv».

Bei TTI-Anwendungen ist auch der Ettikettierspezialist Pago in Grabs SG aktiv und bearbeitete ein Projekt zusammen mit dem Institute for Qualitity Management and Food Safety IQFS der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaft ZHAW. Für Lebensmittel geeignet ist gemäss IQFS der «kumulative TTI», der die Temperatursumme registriert. Praktische Erfahrungen bestehen bei Pago-Kunden in der Schweiz noch nicht aber bei Monoprix in Frankreich, wo gemäss Angaben von Pago die Konsumenten die Frischeindikatoren schätzen.


Der Sleeve, die bedruckte schrumpfbare Kunststoff-Banderole kann bei Rundkörpern verwendet werden.

Verpackung mit Werbefunktion

Nebst dieser Basisinnovation bringt die Verpackungsindustrie viele kleine Verbesserungsinnovationen hervor – auch für die verpackungsintensive Fleischbranche. Ein Beispiel ist der moderne Sleeve, eine bedruckte schrumpfbare Kunststoff-Banderole, die auch bei Rundkörpern verwendet werden kann. Pago liefert der Grossmetzgerei Ospelt in Bendern einen Sleeve, der bei folienverpacktem Fleischkäse der Marke «Malbuner» zum Einsatz kommt. «Ospelt suchte eine auffällige und dekorative Umverpackung über die neutrale Primärfolie», sagt Dimitrios Kotsis, Leiter Verkaufsorganisation von Pago. Der Sleeve wird von Hand über den vorverpackten Fleischkäse gestülpt und danach im heissem Wasserbad geschrumpft.

Eine weitere Verbesserungsinnovation ist die Schrumpfumverpackung für ganzes Geflügel mit dünner Barriereschrumpffolie und modifizierter Atmosphäre. Gemäss Werbung der Firma Sealed Air GmbH in Root Längenbold LU «erhält das Geflügel ein Erscheinungsbild wie im Geschäft verpackt, eine längere Haltbarkeit und ein auslaufsicherer Verschluss».




Neue Schrumpf-Umverpackung der Firma
Sealed Air für ganzes Geflügel.

Über den Time Temperature Indicator TTI

Die Aussagekraft des Mindesthaltbarkeitsdatums setzt stets ideale und konstante Lagertemperatur voraus. Die Restlaufzeit lässt sich zwar in Tagen ablesen, aber diese täuscht eine nicht vorhandene Genauigkeit vor: ob das Produkt am Ende frisch, genusstauglich oder verdorben ist, kann erst ein sensorischer oder mikrobiologischer Test entscheiden. Denn beim Transport von frischen Produkten kann es zu Unterbrechungen der Kühlkette kommen. Fällt zum Beispiel im Kühltransporter die Kühlung aus, merkt dies vielleicht weder der Lieferant noch der Kunde. Ferner: Sobald ein Produkt die Kühltheke und den Supermarkt verlässt, übernimmt der Konsument selbst die Verantwortung für die ordnungsgemässe Kühlung. Spätestens auf dem Weg nach Hause wird in vielen Fällen die Kühlkette mehr oder weniger lang unterbrochen.

Die Frischeindikator-Ettikette «Time Temperature Indicator TTI» löst dieses Problem. Wie funktioniert diese Frischeindikation? Ein Sensor reagiert dank einer chemischen oder enzymatischen Reaktion aufs Überschreiten einer Schwellentemperatur (Critical Temperatur Indicator CTI) oder einer Temperatursumme (TTI) und signalisiert dies durch ein Ampelsystem (grün, gelb, rot oder hell / dunklel). Eine Voraussetzung für einen TTI-Einsatz ist, dass die Kinetik des TTI genau der Frischekurve des Lebensmittels entspricht. Tut sie dies, zeigt der Indikator mit hoher Wahrscheinlichkeit den tatsächlichen Frischezustand an. TTI ist vor allem für kühlfrische oder TK-Produkte sinnvoll sowie für Heilmittel. Er eignet sich allerdings nicht für graduelle Finessen.

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