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Reise vom Ural ins Emmental

67 Molkereichefs aus Russland sind dieser Tage auf Schweizer Reise. Sie besuchen vom Emmental aus verschiedene Molkereien, erhalten Einblick in neueste Technikanwendungen und geniessen Emmentaler Kost.

von Alimenta Import

Sehen Sie die Bilder…«Wenn wir als Technologieunternehmen für die Molkereiindustrie wachsen wollen, ist dies in der Schweiz nicht mehr möglich», ist Walter Bartlomé, Chef
des Planungs- und Engineeringunternehmens ­Bawaco AG, Wabern, überzeugt. Darum ist für ihn klar, dass sein Unternehmen nur im Export wachsen kann. Momentan macht das Unternehemen 40% des Umsatzes im Ausland, auf Absatzmärkten in Deutschland, ­Polen, ­Israel, Irland, Japan oder Lybien. Aber auch Russland sieht der Firmenchef als grossen Markt. So wird schon seit zwei Jahren mithilfe eines lokalen Partners dorthin exportiert. Doch die Schwierigkeit, im Riesenreich effizient potenzielle Kunden von den Vorzügen schweizerischer Molkereitechnologie zu überzeugen, war für Bartlomé Anlass genug, die Sache anders anzugehen. So findet momentan ein Kundenseminar, zuhinterst im Emmental, im tief verschneiten Eggiwil, statt.

Russisches Interesse auf Filtrationstechnik
«Der Aufwand ist per Saldo günstiger», sagt Bartlomé zum Projekt. So sind die 67 russischen Molkereifachleute, Firmenchefs und technische Leiter letzten Mittwoch in Kloten gelandet und haben in den darauffolgenden sechs Tagen die Molkerei Lanz in Obergerlafingen, die Gruyère-Schaukäserei in Pringy, die Emmi Frischprodukte AG in Ostermundigen und verschiedene kleinere Betriebe im Emmental besucht. Ein wichtiges Anliegen der russischen Molkereiwirtschaft ist die Nutzung der Molke. Deshalb werden die gerade in Betrieb genommenen Ultra- und Mikrofiltrationsanlagen von Emmi in Dagmersellen be­sichtigt. Und auch die Gefu Oberle, die aus Molke mittels Ultrafiltration und Umkehr­osmose Kälbermilchpulver herstellt.

Der Hunger nach Molkereitechnik
Der Besuch beschränkt sich nicht nur auf Betriebsbesichtigungen und den Austausch mit Schweizer Berufskollegen. Es wird auch über Technologielösungen informiert. So konnte etwa Markus Windegger die neueste Generation produkteschonender Alfa-Laval-Zen­tri­fu­galpumpen vorstellen, Valentin Jörns, ­Bawaco GmbH, informierte über Mischanlagen für Fertigprodukte. Rudenz Egli, Egli AG, möchte den Russen nahelegen, ihr Milchfett in Butter umzuwandeln, und Alfred Hirschi von der MMS AG Membran Systems brachte den ­Gästen die Vorteile der verschiedenen Membrantechniken dar.
Das kulturelle Programm reichte vom Fondueessen über den Besuch des Hockeyspiels Langnau–Servette, einer Schifffahrt auf dem Thunersee, Weihnachtsmarkt in Thun, bis hin zu sportlicher Betätigung. 62 Russen, zwei Weissrussen, ein Usbeke, ein Kasache und ein Ukrainer sollen morgen Mittwoch mit reichen Eindrücken nach Hause reisen können. Sehen Sie die Bilder…

Wenige Frauen in Schweizer Molkereien
Larisa Bekasarova, Di­rek­tor Master Prime, Osse­tien: Wir verarbeiten jährlich ungefähr 8 Mio. Liter Milch zu Cheddar, Joghurt, Trinkmolke, Kefir und dem «Ossizinski», (nationaler Weichkäse). Ich denke, dass hier die Leute disziplinierter arbeiten als bei uns. Auch bezüglich Sauberkeit in Schweizer Betrieben – was ich übrigens erwartet habe – bin ich nicht enttäuscht worden. Wir wollen bald in eine Butteranlage investieren. Trotz der momentan schwierigen wirtschaftlichen Lage denke ich, dass Leute immer essen ­müssen. Jetzt sollen sie statt Whisky Kefir trinken.

Leben und leben lassen
Vladimir Kotsur, Direktor, Molochnije Produkti, Gomel, Weissrussland: Wir stellen 80 Milchprodukte her, auch Kindernährmittel. Jetzt sind wir auf der Suche nach neuen Technologien für unseren Betrieb. So beispielsweise für die Molkepulverherstellung. In kleineren ­Betrieben wie in der Schweiz ist es leichter, Neuheiten zu schaffen, als in grossen wie in Russland. Für uns geht es nun darum, die neuen Technologien für unseren Betrieb zu nutzen. Wir sind immer bereit, Vorschläge
im Bereich der Automatisation anzusehen. Grunds­ätzlich gilt aber auch für die russische Molkereindustrie der Grundsatz «leben und leben lassen».

War erstaunt über Offenheit
Valentina Smirnova, Technische Direktorin, ZAO Meleuzovskij, MKK, Meleuz, Baschkirien: Unser Betrieb verarbeitet jährlich 68 Mio. Liter Milch zu Milchpulver, Butter, Trinkmilch, Kefir, Joghurt, Quark usw. Ich bin das erste Mal in der Schweiz, habe aber schon einige Molkereien in Deutschland und Holland gesehen. In Russland haben wir weniger moderne Molkereien. Ich war erstaunt, dass wir hier in den Molkereien alles anschauen konnten und auf alle Fragen eine Antwort erhielten. Derzeit wol­len wir in neue Verpackungsanlagen und in eine Sprühtrocknung investieren, obschon gerade für Trocknungsbetriebe schlechte Zei­ten herrschen. Wir bezahlen 15 Rubel (63 Rappen) für den Liter Milch.

Ausbau der Automatisation forcieren
Juriy Soschin, techn. Direktor, Voronezhskij MK, Voronezh: Mit 1000 Mitarbeitern in sieben Mol­kereien verarbeiten wir täg­lich 700?000 Liter Milch zu verschiedenen Molkereiprodukten, aber auch zu Käse. So pro­duzieren wir auch einen schokoladeüberzoge­nen Quarkriegel mit einem Fruchtstück drin. Wir möchten ein Projekt starten mit Ultrafiltrationstechnik für die Molkeverarbeitung. Ich bin schon das dritte Mal in der Schweiz. Ich denke, dass in Russland die Molkereien vielfältiger produzieren, während sie in der Schweiz eher spezia­lisiert sind. Ich glaube, dass in Russland viel mehr kleine Betriebe schliessen werden als in der Schweiz. Bei uns können diese schon nicht überleben, weil der Rohstoff Milch durch grosse Betriebe aufgekauft wird. Ein Vorteil der Schweizer Betriebe ist die Nähe zueinander. Wir könnten uns nicht vorstellen, Rahm schnell in einen anderen Betrieb zu schicken.

Zahlen 12 Rubel für den Liter Milch
Nadezhda Miroschnikova, Direktorin, ZAO Tommoloko: In Russland sind wir sind der einzige Hersteller von Kaf­feerahm in 10- Gramm-Portionen und von Schimmelkäse. Ich will immer etwas Neues ausprobieren. In unserem Betrieb verarbeiten wir 32 Mio. Kilo Milch ausserdem zu Voll­milch, Quark, Sauer­rahm usw. Wir halten selber 800 Kühe, die restliche Milch kaufen wir für 12 Rubel (51 Rappen) zu. Wir wollen für Milch und Kefir künftig Dosen und Kunststoffflaschen anschaffen und die Reinigung automatisieren. Die Schwierigkeiten für Russlands Molkereien sind vielfältig. So beispielsweise, dass die Betriebe Kredite genügend lang erhalten. Und dann müssen auch noch die Zinsen (bis zu 21%) bezahlt werden. Ausserdem können auch Investi­tionen nicht unbedingt immer als Aufwand verbucht werden. Zuerst kommt der Fiskus.

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