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Schweizer Kaninchenfleisch ist knapp

Die Grossverteiler setzen derzeit voll auf Schweizer Kaninchen. Bis anhin wurden drei Viertel des Kaninchenfleisches importiert. Schweizer Kaninchenproduzenten sind deshalb umso gesuchter. Die Schweizer essen zwar immer weniger Kaninchenfleisch, dennoch hat es in der Schweiz viel zu wenig Kaninchenproduzenten. Nachdem die TV-Sendung "Kassensturz" im letzten Herbst Bilder von verletzten und kranken Kaninchen in zu kleinen Käfigen aus Ungarn gezeigt hat, verkaufen Coop, Migros und Manor nur noch Schweizer Kaninchenfleisch. 2007 stammten drei Viertel des verkauften Kaninchenfleisches aus dem Ausland, knapp ein Viertel war Schweizer Fleisch.

von Foodaktuell Importer



Nach dem selbst auferlegten Importstopp kann die Nachfrage nach Kaninchenfleisch bei weitem nicht gedeckt werden, wie Migros, Coop und Manor bestätigen. Dementsprechend wird auch weniger Fleisch verkauft. Der Gesamtumsatz der Genossenschaft Migros Aare mit Kaninchenfleisch etwa ging nach dem Importstopp stark zurück, hingegen konnte der Umsatz mit Schweizer Kaninchenfleisch um 30 Prozent gesteigert werden, wie Martin Schmitz, Leiter Metzgerei, sagt. Bei Manor ist der Umsatz beim Kaninchenfleisch im Januar “stark eingebrochen”, wie es heisst. Bei Coop dürften die Auswirkungen weniger gross sein, bereits vor dem Importstopp stammte gut die Hälfte des verkauften Kaninchenfleisches aus der Schweiz.

Angesichts des Fleischmangels halten die Zwischenhändler Ausschau nach neuen Produzenten. “Wir suchen in der ganzen Schweiz intensiv nach neuen Produzenten”, sagt Hansruedi Kyburz. Er schlachtet auf seinem Betrieb in Lupfig AG die Kaninchen seiner Produzenten und liefert jährlich rund 72 Tonnen Kaninchenfleisch an Migros und Manor. Die Bauern sind interessiert, seine Informationsveranstaltungen über die Kaninchenproduktion gut besucht. “Dieses Jahr haben wir bereits rund 60 neue Lieferanten unter Vertrag genommen”, sagt Kyburz.

Auch beim zweiten grossen Kaninchenfleischlieferant und -schlachtbetreiber Felix Näf in Geltwil AG läuft das Geschäft. Er erhält stetig Anfragen von interessierten Bauern, es laufe derzeit viel. Aktive Werbung macht Näf aber nicht. “Die Bauern kommen von selber auf uns zu.” Näf beliefert den Coop-Schlachtbetrieb Bell mit jährlich 150 Tonnen Kaninchenfleisch, daneben versorgt er Heime, Spitäler und Metzgereien.

Auch die Futtermittelhändlerin und Fenaco-Tochter UFA ruft die Bauern auf, in die Kaninchenproduktion einzusteigen. “Im letzten Monat konnte ich etwa 30 Anfragen von interessierten Bauern an Lieferanten weiterleiten, die die Voraussetzung für die Kaninchenproduktion erfüllen”, sagt Ignaz Hutter, UFA-Berater in der Region Ostschweiz.

Strenge Vorschriften

In der Schweiz gelten strengere Vorschriften für die Kaninchenhaltung als im Ausland. Kaninchen müssen einen abgedunkelten Rückzugsbereich haben, täglich Raufutter zu fressen bekommen und ein Nageobjekt muss vorhanden sein. Gemäss Tierschutzgesetz müssen die Buchten für die Kaninchenproduktion für Zuchtkaninchen 0,6 und für die Mastkaninchen 0,15 Quadratmeter gross sein. Wer unter dem Label “Besonders tierfreundliche Stallhaltung” (BTS) Kaninchen produziert, muss strengere Anforderungen erfüllen.

Damit genügend Schweizer Kaninchenfleisch produziert werden kann, müssen die Kaninchen zuerst gezüchtet werden. Züchter sind deshalb gesucht. Mit 500 Mutterkaninchen ist Beat Wüest aus Grosswangen LU einer der grössten Züchter in der Schweiz. “Der Markt läuft sensationell”, sagt er.


Die täglichen Arbeiten wie Füttern und Kontrolle seien nicht sehr zeitintensiv, sagt Wüest. Kaninchen werfen pro Jahr bis zu 60 Jungtiere. Nach jedem Umtrieb muss gemistet und geputzt werden, denn Hygiene ist laut Wüest beim Kaninchen sehr wichtig. Die Jungkaninchen werden mit fünf Wochen vom Züchter an den Mäster verkauft. Nicht nur Arbeit muss Wüest in die Kaninchenhaltung stecken, sondern auch Geld. Futter und Zuchttiere sind teuer. Dennoch kann die Kaninchenzucht ein gutes Standbein für einen Bauern sein, wie Wüest sagt. “Ein Zuchtbetrieb, der gut läuft, kann einen ordentlichen Stundenlohn erwirtschaften.”

Auch die Kaninchenmast lohnt sich. Die Freude an den Tieren sei aber eine Voraussetzung, sagt Beat Kaufmann, der in Nottwil LU rund 300 Kaninchen mästet. “Die Kaninchen sind sehr stressempfindlich”, sagt er. Auf fremde Leute reagierten sie ängstlicher, ihn selbst würden sie erkennen. Pro Tag wendet er fünf Minuten für die Fütterung seiner Tiere auf. Der Transport zum Schlachthof, das Ausmisten und das Auswaschen des Stalles beschere ihm mehr Arbeit. Nach einer Lebenszeit von rund 13 Wochen und einem Gewicht von gut drei Kilogramm transportiert Kaufmann die Jungtiere in Geflügelkisten zu Kyburz in Lupfig, wo die Tiere geschlachtet werden.

Älter dürfen die Kaninchen nicht sein, weil sie danach geschlechtsreif werden und die Rivalitätskämpfe der Böcke beginnen.
Nicht nur Freude am Tier sollte ein Bauer haben, wenn er in die Kaninchenproduktion einsteigen will. Der Betrieb sollte über leere Gebäude wie etwa Kuh-, Schweineställe oder Pouletmasthallen verfügen, welche umgenutzt werden können. Von Neubauten wird abgeraten, weil viel Geld reingesteckt werden muss.

Potenzial trotz Mehrkosten

Kaninchenhändler Kyburz ist überzeugt vom Erfolg der Schweizer Kaninchenproduktion. “Das Potenzial für Schweizer Kaninchenfleisch ist sehr gross”, sagt er. Die Produzenten würden zwar etwa doppelt so teuer produzieren als ihre ausländischen Kollegen. “Deshalb ist auch das Schweizer Kaninchenfleisch etwas teurer als Importfleisch. Aber wegen den strengeren Haltungsvorschriften wird das Schweizer Kaninchenfleisch immer einen klaren Mehrwert gegenüber auslämdischem Kaninchenfleisch haben.” Zudem sei Kaninchenfleisch gesund; es sei zart, fettarm und leicht verdaulich.

Nicht so optimistisch schätzt Coop-Sprecher Karl Weisskopf das Potenzial von Schweizer Kaninchenfleisch ein. “Die Kassensturz-Bilder von eingesperrten Kaninchen im Ausland werden den Kaninchenfleischkonsum drosseln – dies werden auch die Schweizer Produzenten zu spüren bekommen.” (Text: LID / Helene Soltermann)

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