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«Wir verschieben den Gartenzaun»

Bell-Chef Adolphe R. Fritschi sieht sich mit seinen jüngst getätigten ­Übernahmen auch als Türöffner für die Schweizer Fleischbranche, die vom Agrarfreihandel profitieren werde, sagt er im Interview mit «Alimenta».

von Alimenta Import

Alimenta: In kurzer Zeit hat Bell International drei grosse Akquisitionen getätigt: Zimbo, ­Abraham (beide Deutschland) und Polette (Frankreich). Ist es aus unternehmerischer Sicht relevant, als gewichtiger Player im europäischen Markt von Fleischwaren wahrgenommen zu werden?
Adolphe R. Fritschi: Ja, ein wenig über den Tellerrand darf man ja wohl noch blicken. Ich bin überzeugt: Der Agrarfreihandel mit der EU wird kommen, und dann operieren wir in einem europäischen Kontext, was Aus­wirkungen auf eingespielte Geschäftsbeziehungen haben wird. Gewisse Volumen werden ins Ausland abwandern. Darauf ­haben wir uns vorzubereiten. Es geht also darum, Exportmärkte aufzubauen. Wir ­haben ja immer gesagt, dass wir ins be­nachbarte Ausland expandieren wollen. In ­Österreich und Italien sind wir noch nicht präsent. Von einem «europäischen Player» würde ich jetzt nicht reden. Wir verschieben einfach ein wenig den Gartenzaun.

Aus der Sicht der Schweizer Lebensmittel- und Agrarwirtschaft möchte man gerne wissen, was Bell denn für Schweizer Spezialitäten über den «Gartenzaun» exportieren kann.
Ich verweise immer auf Österreich, das viele Ähnlichkeiten mit der Schweiz hat: Eine ­hügelige, kleinräumige Landschaft und eine kleinstrukturierte Fleischwirtschaft wie bei uns. Mit dem EU-Beitritt 1995 hat der Sektor anfangs etwas leiden müssen, sich aber erfolgreich wieder aufgerappelt und erreicht heute ein höheres Produktionsvolumen als vor der Marktöffnung. Die Branche schaffte es, die österreichischen Konsumenten bei der Stange zu halten; d.h. die Österreicher essen gerne landeseigene Produkte. Was und wie viel Bell zu einem gegebenen Zeitpunkt zu exportieren in der Lage sein wird, kann ich jetzt noch nicht sagen. Ich erinnere mich an ein treffendes Bild von Hans ­Burger, dem Ex-Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft, der an einem Vortrag einen lockeren Kreis um die Schweiz zog. Darin haben Millionen-Agglomerationen wie Stuttgart, München, Mailand oder Lyon Platz, wo es genügend Leute gibt, die gerne für feine Delikatessen aus der Schweiz etwas mehr ausgeben möchten.

Aber welches traditionelle Charcuterie-Produkt profitiert am ehesten vom «Swissness»-Bonus?
Ohne Zweifel ist Bündner Fleisch als bekannter Klassiker eine Art Türöffner. Aber andere Charcuterie-Artikel aus der Schweiz werden nachfolgen, keine Frage.

Die Kundenbedürfnisse sind von Land zu Land unterschiedlich. Die Schweizer haben sich an viel Komfort in der gekühlten Selbstbedienung (SB) gewöhnt: Portionen für Single-Haushalte, komfortable Aufmachung usw. Wie ist die Situa­tion in den europäischen Verbrauchermärkten?
Was die optimale, bedürfnisgerechte Waren­präsentation im Supermarkt angeht, sind wir in der Schweiz schon sehr weit fort­geschritten, sie ist vergleichbar mit Gross­britannien. Auch unsere Partnerfirmen von Bell International sind in der Lage, auf eigenen Anlagen Charcuterie für die SB abzu­packen. Enorm unterschiedlich sind aber die durchschnittlichen Gewichte der Einzelpackungen; bei uns in der Schweiz sind sie unter 100 Gramm, in Deutschland bei ungefähr 200 Gramm. Der Verkauf mengenmässig grösserer Einheiten erklärt sich auch dadurch, dass Fleischwaren im Nachbarland auch bedeutend günstiger sind als bei uns. Ein Aspekt, der in agrarpolitischen Dis­kussionen immer wieder vergessen geht:
Wenn wir von unserer Hochpreisinsel etwas ­herunterkommen, dann werden die Volumen wachsen. Es wird tendenziell mehr Fleisch verkauft werden können.

Zwar ist Bells gutes Jahresresultat auch auf ­einen deutlichen Mehrabsatz von 8,2 Prozent zurückzuführen. Andererseits gelang es Bell in der Schweiz teilweise, die Preissteigerungen beim Rohfleisch den Kunden weiterzugeben. Im europäischen Ausland ist der Preiswettbewerb wohl noch härter?
Man muss grundsätzlich differenzieren zwischen der EU und der Schweiz, einem Markt, der von fremden Einflüssen noch geschützt ist. Zwar haben wir das Importventil, das eigentlich dazu dienen würde, die Preise etwas zu korrigieren. Aber das wird sehr restriktiv gehandhabt, weil in den betreffenden Gremien auch die bäuerliche Seite vertreten ist. Mit der Situation müssen wir leben. Eine erfreuliche Seite unseres ­Geschäfts ist der gesunde Fleischkonsum
in der Schweiz, der das vergangene Jahr viel stärker als ursprünglich erwartet ausge­fallen ist. Wenn wir jetzt in der Charcuterie zugegebenermassen empfindliche Margeneinbussen hatten, dann freue ich mich umso mehr am Mehrabsatz, den wir hier am Standort Basel realisieren durften.

Schweizer Konsumenten sind hellhörig zu ­Fragen des Tierschutzes. In der Schweiz soll anfangs 2010 die Ferkelkastration neu geregelt werden. Wie ist die Empfindlichkeit zu diesen Fragen in Europa?

Es gibt riesige Unterschiede zwischen Deutschland, Polen, Spanien und Frankreich. Aufgrund von Resultaten eines Forschungsprogramms soll die europäische Kommission demnächst einen Entscheid fällen und möglicherweise mehrere Methoden zulassen. Einige Länder gingen bereits voraus. In Deutschland wurde eine provi­sorische Branchenlösung getroffen, wonach Schweine weiterhin narkoselos kastriert werden können – mit nachträglicher Zu­führung eines Schmerzmittels. Die Niederlande haben unter dem Druck der Grossverteiler mit der Umsetzung der schmerzfreien Kas­tration begonnen.

Als europäischer Fleischverarbeiter müssen Sie also auf verschiedene Mentalitäten und «Fleisch-Kulturen» Rücksicht nehmen?

Die Grossverteiler als sehr wichtige Kunden­gruppe sind immer näher an den Konsumenten als ein Produzent von Fleisch und Fleischwaren. Wir richten uns an die Bedürfnisse der Abnehmer; wenn wir das ­richtig machen, werden wir auch in Zukunft erfolgreich sein.