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Das Ei erhält pflanzliche Konkurrenz

Pflanzliche Ersatzprodukte sind hygienischer und erst noch billiger. Mit diesen Argumenten soll das Ei aus der Lebensmittelverarbeitung verdrängt werden.

von Alimenta Import

Egg Replacements sind ein Trend, der aus den USA bald auch auf Eu­ropa übergreifen soll. Davon jedenfalls ist Kurt Schmidinger, Leiter des Internet-Portals www.futurefood.org, überzeugt. In der Lebensmittelindustrie könnten demnach Eier durch pflanzliche Inhaltsstoffe wie Sojamehl, Soja­lezithin, Johanniskernmehl, Guarkernmehl, Kartoffelstärke und -protein, aber auch durch Molkebestandteile ersetzt werden.

In den ­letzten vier Jahren haben neun Firmen – fünf aus den USA, drei aus den Niederlanden, eine aus Grossbritannien – Alternativen zu Eiprodukten auf den Markt gebracht. Schmidinger sagt ihnen eine grosse Zukunft voraus.

Das Kostenargument
Die zu Unilever gehörende Firma Allegra ist eine davon. Mit ihrem Sortiment, das vor­wiegend auf die USA und Grossbritannien aus­gerichtet ist, zielt sie auf Backwaren, ­Salat­dressings, Pasta und den Food-Service-Bereich.

Die potenziellen Kunden aus der ­Lebensmittelindustrie sollen in erster Linie mit dem Kostenargument überzeugt werden: 20 Prozent billiger als Produkte aus Hühnereiern seien die Ersatzprodukte. Auch seien sie einfacher zu handhaben, hygienisch unbedenklicher und könnten bei Umgebungstemperatur länger gelagert werden, heisst es auf der Firmen-Website.

Nicht fehlen darf der Gesundheits­aspekt: «Sie enthalten weniger ­gesättigte Fettsäuren und kein Cholesterin.» Ähnlich argumentiert DVM International, ein zu Campina-Friesland gehörender Anbieter.

Das Argument der Gesundheit ist für Caro­line Bernet von der Schweizerischen Ge­sell­schaft für Ernährung nur bedingt nachvollziehbar: «Wir empfehlen auch Leuten, die unter einem hohen Cholesterin-Spiegel leiden, Produkte wie Eier nicht einfach wegzulassen», sagt sie und beruft sich dabei auf die aktuell­s­ten ernährungswissenschaftlichen Erkenntnisse. «Drei Eier pro Woche stellen für niemanden ein Problem dar.»

Viel wichtiger als eine cholesterinfreie Diät sei für Patienten die Auswahl der richtigen Fettsäuren, in den meis­ten Fällen eine Reduktion des Körper­gewichts sowie genügend Bewegung.

Das Alleskönner-Argument
Trotzdem hält Future-Food-Leiter Kurt Schmidinger an der Prognose einer grossen Zukunft der Egg Replacements fest. Gerade auch, weil sie die Eigenschaften von Eiproduk­ten (Gel-, Schaum- oder Emulsionsbildung) gut simulieren würden, sagt er. Der Anbieter Solanic wirbt damit, dass diese Eigenschaften seines Produkts aus Kartoffelprotein gar besser sind als diejenigen von Ei.

Dem widerspricht Daniel Rüegg von der Firma Lüchinger und Schmid. Der Leiter Verkauf des gröss­ten Schweizer Produktions- und Handels­unter­neh­mens für Eier und Eiprodukte hält daran fest, dass Eier vielseitiger einsetzbar sind als deren Substitute: «Sie sind gleichzeitig Emulgator, Schaumstabilisator, Binder, können aber auch zum Klären von Fonds eingesetzt werden. Ein Ersatzprodukt erfüllt meist nur eine dieser Aufgaben aufs Mal, es sei denn, es enthält viele künstliche Emulgatoren, was derzeit von den Konsumenten nicht geschätzt wird.»

Eier werden vor deren Einsatz in der Lebensmittelproduktion kaum verarbeitet und im Vergleich zu gewissen pflanzlichen Grundstoffen nur über kurze Strecken transportiert. «Dadurch betrachte ich Eier als ökologischer als gewisse Soja- oder andere pflanzliche ­Produkte», sagt Rüegg.

Er verweist auch auf die sehr gute Futterverwertung des Huhns. Für ein Kilo schalenloses Ei braucht es nur zweieinhalb Kilo Futter. Diesen Argumenten widerspricht Kurt Schmidinger: «Betrachten wir die gesamte Produktionskette, also vom Korn bis zum Ei, weist das tierische Produkt immer eine schlechtere Ökobilanz aus.»

Doch noch ein weiterer Faktor spricht für die Nachhaltigkeit von Ei: Protein aus dem Hühnerei wird vom menschlichen Organismus zu einem sehr grossen Teil aufgenommen. Selbst das Preisargument bleibt bei Daniel Rüegg nicht unentgegnet: «Eier sind ein günstiges Lebensmittel», sagt er und rechnet vor: «Ein Kilo Ei ohne Schale entspricht 20 Eiern, die in Bodenhaltung produziert einen Wert von 9 Franken haben.»

Bislang haben die pflanzlichen Ei-Ersatzprodukte in der Schweiz kaum Wellen geschlagen. Coop führt einzig eine Ei-lose ­Mayonnaise in ihrer Allergikerlinie. Ansons­ten gebe es keine Produkte, in denen speziell auf Ei verzichtet wird, heisst es beim Gross­ver­teiler.

Auch die Lebensmittelverarbeiter scheinen den pflanzlichen Ersatzprodukten noch nicht zu vertrauen: «Ei-Ersatz ist in der Schweiz kein Thema und wird auch nicht ­angewendet», ist beispielsweise bei Unilever Schweiz zu erfahren. Und bei Jowa sei derzeit kein Projekt am Laufen, heisst es bei der ­Migros-Tochter.

Das Auslöser-Argument

Selbst in den USA und in Grossbritannien, in den Märkten also, auf die die Ei-Ersatz-­Produzenten hauptsächlich zielen, werden die pflanzlichen Substitute nur selten eingesetzt. Und wenn, dann hauptsächlich in neu ent­wickelten Backwaren. Darin werden seit längerem die Ei-Bestandteile durch pflanzliche ersetzt.

Den Grund für die bisher fehlende Durchschlagskraft sieht Kurt Schmidinger in der kurzen Zeit, in denen sie angeboten werden. «Die meisten sind erst ein bis vier Jahre auf dem Markt, zu kurz, für eine grosse Erfolgsgeschichte.»

Trotzdem könnte die Zeit der Egg Replace­ments noch kommen. Dann nämlich, wenn sie durch äussere Einflüsse forciert werden. «Das könnte ein negativer Auslöser wie die Vogelgrippe sein», meint Kurt Schmidinger. Oder aber der deutsche Harddiscounter Aldi Nord, der seine Lieferanten auffordert, auf Eier aus Käfighaltung in verarbeiteten Produkten zu verzichten.

Dadurch stehen die ­Lieferanten bald vor der Wahl, auf teurere ­Alternativeier umzusteigen oder Egg Replacements ins Auge zu fassen.