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Die Bildungsreform ist angelaufen

Während Ausbildner industrieller und gewerblicher Milchverarbeiter über Stärken und Schwächen des derzeitigen Bildungsplans debattieren, stellte der «Sonntagsblick» fest: «Käser? So ein Käse!»

von Alimenta Import

Der «Sonntagsblick» gab den Berufsleuten des Milchsektors Anlass zu Diskussionen. In einem Artikel in der Ausgabe vom 15. Februar über die Situation auf dem Lehrstellenmarkt wurde dargelegt, dass den Käsern der Nachwuchs fehle, weil der ­Beruf unattraktiv sei. Fritz Baumgartner, ­Käser in Trub BE, konkretisierte die These: Er habe die Hoffnung, für das Ausbildungsjahr 2009/2010 noch einen Lernenden oder eine Lernende zu finden, schon fast aufgegeben. Bislang hätten sich nur drei Jugendliche bei ihm gemeldet, zitiert der «Sonntagsblick» den Emmentaler-Produzenten. Keiner von ­ihnen kam in Frage, denn: «Es meldeten sich nur Schüler mit schlechten Noten.»

«Kann sogar aussuchen»

Ist die Situation wirklich so schlimm? «Im Allgemeinen habe ich keine Probleme, Lernende für meinen Betrieb zu finden», sagt Fritz Baum­gartner gegenüber «Alimenta». Meist könne er sich sogar die passendeste ­Person aussuchen. Aktuell bildet er einen ­Lernenden aus, der die Berufsmittelschule ­besucht, also ein guter Schüler ist und war. Für das kommende Ausbildungsjahr haben sich bei ihm aber in der Tat bisher einzig drei Jugend­liche gemeldet, die die Attest-Ausbildung absolvieren wollten. Denen hat er eine Absage erteilt, «weil die Strukturen seines Betriebes den spezifischen Anforderungen dieser Ausbildung nicht entsprechen», wie er sagt.
Dass er guter Hoffnung ist, bis im Sommer eine passende Person zu finden, hat Fritz Baumgartner auch dem Journalisten des «Sonntagsblick» zu Protokoll gegeben. Seine Ausführungen seien auf wenige Sätze re­du­ziert worden, was letztlich ein falsches Bild ­ergeben hätte, stellt er rück­blickend fest. ­Ähnlich erging es Käseweltmeister Michael
Spycher aus Wasen BE, der sich im «Sonntagsblick» beklagt, dass er und seine Berufskol­legen nur noch ein Schattendasein fristeten. «Nur das Negative meiner Aussagen wurde publiziert», meint er dazu.

Interessant und vielseitig

Sowohl Fritz Baumgartner als auch Michael Spycher sind überzeugt, dass der Beruf des Milchtechnologen sehr interessant ist. Zudem sei die dazugehörige Ausbildung sehr viel­seitig. Dieser Feststellung pflichtet auch Franz Birchler, Geschäftsführer des Schweizerischen Milchwirtschaftlichen Vereins (SMV) bei, der für die Ausbildung der Milchtechnologen verantwortlich ist. «So unattraktiv kann der Beruf für Jugendliche nicht sein», sagt er. Alleine im letzten Jahr gab es 367 Lernende, 69 mehr als noch im Jahr 2004 (siehe Grafik unten links). Auch die Aussage, dass es nur noch schlechte Schüler gebe, die diesen Beruf er­lernen, widerlegt er mit Zahlen: Der Durchschnitt der Gesamtnote der Lehrabschlussprüfung lag in den letzten fünf Jahren konstant über 4,8 (siehe Grafik unten rechts).

Bildungsplan wird periodisch überprüft

Trotz der guten Ausgangslage soll die Ausbildung des Milchtechnologen in den nächsten Jahren umgestaltet werden. Das Bildungskonzept, in dem die Ausbildung zum Käser und zum Molkeristen im Berufsbild des Milchtechnologen zusammengefasst wurde, ist seit dem Jahr 2001 in Kraft. Das Bundesamt für Berufsbildung verlangt jedoch eine periodi­sche Überprüfung der Lehrinhalte der verschie­de­nen Ausbildungen.
Deshalb diskutierten in den letzten Tagen Ausbildner aus gewerblichen und industriellen Milchverarbeitungsbetrieben darüber, wo die Stärken und die Schwächen des aktuellen Ausbildungskonzepts liegen. In den drei bishe­­rigen Workshops zeigte sich, dass die Ansich­ten, die sich weder geografisch noch nach Betriebsgrösse oder -ausrichtung ein­teilen lassen, sehr unterschiedlich sind. Im ­Grossen und Ganzen sind alle mit der heutigen Ausbildung zufrieden. Nicht zuletzt deshalb würden viele gute Milchtechnologen in die Lebensmittel- oder Pharmabranche abwandern, bemerken die Teilnehmer der Workshops. Der Einblick in verschiedene Produk­tionsbereiche wurde als besonders positiv hervorgehoben, könnte aber ausgebaut werden. In den Diskussionen wurde vorgeschlagen, die Attraktivität zu erhöhen, den Ausbildungs­betrieb ein- oder mehrmals zu wechseln. An der Dauer von insge­samt
drei Jahren und am Anteil Berufsschule an
der Ausbildung will niemand rütteln.
Hingegen hielten die Berufsleute fest, dass die Schulorganisation mit den zehn verschiedenen Vertiefungsmodulen zu kompliziert sei. Viele wünschen sich zudem, dass der Austausch zwischen Lehrbetrieb und Schule intensiviert werden soll – nicht jedoch in Form von zusätzlichen überbetrieblichen Kursen. Heute absolvieren die angehenden Milchtechnologen in den ersten beiden Ausbildungs­jahren diese ÜK an zwei Mal zwei Tagen, womit die Minimalanforderungen des Bundes knapp erfüllt sind.

Ziel: August 2012

Mit diesem Stärke-Schwächen-Profil ist die erste Etappe der Berufsbildungsreform in vollem Gang. Der Grundsatz «Die Betroffenen sollen zu Beteiligten gemacht werden», dem Projektleiter Franz Birchler entsprechen will, wird damit zur Realität. Bis zum Sommer 2012 wird nun eifrig an der Reform weiter­gearbeitet. Dann nämlich sollen die ersten Lernenden nach dem neuen Bildungsplan ausgebildet werden.