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Naturel: ein Brot-Superlabel am Start

Die Brot-Labels Naturel und Naturabeck fusionieren – warum?

von Foodaktuell Importer

Am 1. März startet mit «Naturel» ein neu lanciertes Label in der Bäckereibranche. Es besteht zwar seit vier Jahren aber nun wird es kombiniert mit einem zweiten, dem Naturabeck-Label, das sich auf IP Suisse-Getreide stützt.

Aus Naturel und Naturabeck entsteht ein Superlabel mit vierfachem Komsumentennutzen: Naturel-Backwaren sind handwerklich hergestellt, dies mit natürlichen Zutaten sowie aus Schweizer Getreide, das nach den umweltschonenden Anforderungen von IP Suisse produziert wurde. Die Bäckereifachschule Richemont, welche Naturel im 2005 lancierte, der Verein Naturabeck sowie die Zertifizierungsfirma ProCert, welche die Naturel-Bäckereien in Zukunft zertifiziert, hoffen auf hohes Interesse bei der Bäckerschaft. Bild: Naturabeck-Präsident Kurt Schmid mit dem zertifizierten Pirolle-Brot.

Deren Motivation liegt stark im Bedürfnis nach Abgrenzung von der Industrie: sie wollen den Kunden exklusive Produkte bieten, welche Wettbewerber wie Hiestand, Jowa oder Migros-Hausbäckereien nicht imitieren können. IP Suisse-Mehl verwenden diese nämlich teilweise auch, und sie bieten immer mehr Premiumprodukte mit immer grösserer Vielfalt an. Die Einteilung in «Premium vom Handwerk» und «Economy aus der Industrie» löst sich zusehends auf: die industrellen Hersteller dringen immer mehr und mit Erfolg auf das Territorium der Handwerker vor.

Naturel ist also als Wettbewerbsinstrument konzipiert. Auch vom Naturabeck erwarteten die Teilnehmer diesen Effekt, aber sie verzeichneten kaum Mehrumsatz dank IP Suisse-Käfer oder sie empfanden die IP Suisse-Teilnahme der Migros-Hausbäckereien als störend für das Gewerbe. IP Suisse war allerdings nie als Wettbewerbsfaktor konzipiert sondern als Herkunfts- und Umweltlabel, das möglichst viele Betriebe gewinnen wollte. Naturel dagegen grenzt sich von der Industrie ab und steht nur SBKV-Mitgliedern offen. Migros-Hausbäckereien arbeiten zwar auch nicht industriell aber sie sind mangels SBKV-Mitgliedschaft nicht für Naturel qualifiziert.

Die Migros verwendet weiterhin IP Suisse-Getreide, kommuniziert dies aber nicht mehr mit dem IP Suisse-Käfer-Logo sondern seit letztem Herbst mit ihrem eigenen «Terrasuisse»-Logo, welches IP Suisse-Getreide voraussetzt. Dadurch entschärft sich das Imageproblem der gewerblichen Bäckereien, welche nicht dasselbe Label wie die Migros verwenden wollten.

Gemäss ProCert, welche die Naturabecken zertifiziert (und auch IP Suisse in der Migros) sank die Zahl der Naturabecken von rund 220 auf 100, während gleichzeitig immer mehr Migros Hausbäckereien auf IP Suisse umstellten. Von Naturel-Bäckereien gibt es nur 20. Dies mag die Ursache im damals fast gleichzeitig lancierten Markenzeichen «Regionaler Beck» von Pistor haben, welches vergleichweise sehr geringe Anforderungen stellt und den Betrieb nicht mit Kosten oder Audits belastete. Es erlebte daher eine rege Beteiligung.

«Der Grund für die langsame Entwicklung des Naturelprogramms bis letztes Jahr war der Mangel an Finanzen», begründet Naturabeck-Präsident Kurt Schmid. «Mitgliederwerbung war fast keine möglich». Naturel versuchte sich aus eigener Kraft zu finanzieren im Gegensatz zum Naturabeck-Programm, das Werbebeiträge erhält, die über den höheren Mehlpreis finanziert werden. Mit der Fusion kann nun dank der IPSuisse-Unterstützung Werbematerial zur Verfügung gestellt werden.

Das neue Naturel hat Chancen, die abgesprungenen Naturabecken und hoffentlich viele zusätzliche zu motivieren. Richemont-Direktor Walter Boesch betonte in der Bäckereizeitung «panissimo» die «hochwertige, natürliche und kundenfreundliche Positionierung sowie die Kassensturz-Resistenz des Naturel-Labels».

Richemont-Direktor Walter Boesch: Wir wollen 10% der Bäckereien für Naturel gewinnen d.h. ca 200 bis Ende 2009. In der Folge stellt Richemont Werbeinstrumente zur Verfügung für die Publikumswerbung und den Auftritt an Publikumsmessen.

Das Kosten-Nutzen-Verhältnis für die Bäckereien verbessert sich stark, d.h. bei demselben Aufwand wie für eine Naturabeck-Zertifizierung (eine Stunde Audit alle drei Jahre) leistet das fusionierte Label das Doppelte und wird für Grossbäckereien schwer imitierbar. Die Teilnahmekosten erhöhen sich gemäss Angaben von ProCert nicht, und der Aufwand für die Umstellung ist gering. Naturabecken erfüllen heute schon viele Naturel-Spezifikationen. Naturel-Bäckereien müssen allerdings neu auf IP Suisse-Mehle umstellen, die ein paar Franken pro 100 kg teurer sind. Der Einfluss auf den Brot-Ladenpreis oder die Marge ist aber vernachlässigbar.

Anspruchsvolle Konsumenten wollen schmackhaftes Brot aus natürlichen Schweizer Zutaten und ein gutes Umweltgewissen. Das Naturel-Pflichtenheft bietet dafür die richtigen Voraussetzungen. Es verlangt sogar 60 Min Teigreifezeit für Normalbrote und natürliche Säuerung beim Sauerteig. Es schliesst das Tiefkühlen fertiger Brote und Backmittel mit synthetischen Zusatzstoffen aus. Damit die Konsumenten Naturelbrote bevorzugen, braucht es auch Kommunikation. Das Label muss bekannt gemacht werden, und die Kunden müssen den Mehrwert verstehen bevor sie ihn wertschätzen können. (Guido Böhler / Peter Jossi)

Fragen an Raphael Sermet von der Zertifizierungsstelle ProCert zur Naturel-Zertifizierung (Interview von Peter Jossi):

Welche Zusatzanforderungen müssen “Naturabecken”, bzw. “Naturelbecken” für
die neue Labelkooperation erfüllen?

Naturabecken: fast keine, da diese die Anforderungen bereits zum grossen Teil erfüllen. Es sind nur kleine Änderungen vorab bei den Bereichen Backmittel, Verpackung und Verkauf nötig. Naturel-Becken müssen natürlich neu alle Standardmehle im Weizenbereich sowie Roggen und Dinkel in IP Suisse-Qualität beziehen, und das Verkaufspersonal muss darüber Auskunft geben können.

Was ändert sich bezügliche Auditierung und Zertifizierung?

Es gibt nur kleine Änderungen betreffend Backmittel, Verpackung und Verkauf.

Mit welchen Kosten ist zu rechnen?

Keine zusätzlichen, da die Finanzierung über den Mehrpreis von IPS-Mehl gewährleistet ist (IP Suisse-Mehl kostet je nach Mühle bis zu CHF 8.- mehr pro 100kg als konventionelles Mehl).

Wie können die Betriebe die Kosten optimieren?

Indem sie das Pflichtenheft einhalten. Dann geht die Kontrolle rasch und dauert ca 1 bis 1,5 Std.



Raphael Sermet, Mitinhaber der Zertifizierungsfirma ProCert zur Naturel-Zertifizierung: Wir legen wert auf hohe Flexibilität und das Eingehen auf die individuellen Bedürfnisse des Betriebes d.h. die gemeinsame Erarbeitung der für ihn optimalsten Lösung. Das Ziel ist hohe Sicherheit für uns bezüglich Einhaltung der Anforderungen bei minimalstem Aufwand für den Betrieb. Wenn bei der Erstzertifizierung alles OK ist, müssen wir die Überprüfung vor Ort nur alle 3 Jahre vornehmen, abgesehen von seltenen Stichprobenkontrollen. Wichtig: Die Kontrollen finden immer unangemeldet statt!

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