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PRESSESCHAU: Fleisch aus der Retorte

von Foodaktuell Importer


Für Sie gelesen in der Weltwoche No 9 / 2009: Cervelas aus dem Reagenzglas

Holländische Forscher arbeiten am Fleisch der Zukunft. Im Bioreaktor aus Zellkulturen herangewachsen, wird es ethisch unbedenklich sein und die Umwelt nicht schädigen. Die Niederlande gehören bei Forschungsgebiet des Tissue-Engineering zur Weltspitze: Haut, Knochen, Nervenzellen, Herzgewebe für Humantransplantationen wachsen hier. Nun will man auch in der Fleischsparte den Durchbruch schaffen. Mit drei Millionen Franken unterstützt das Wirtschaftsministerium ein Forschungsprojekt an Universitäten in Utrecht, Amsterdam und Eindhoven. Die fleischverarbeitende Industrie trägt weitere 3,5 Millionen bei.

Drei Teams entwickeln das Fleisch der Zukunft: Die Utrechter Gruppe um Bernard Roelen experimentiert mit verschiedenen Stammzellen, die in kurzer Zeit möglichst viele Tochterzellen bilden sollen; ein Team unter der Leitung des Mikrobiologen Klaas Hellingwerf sucht in Amsterdam nach der perfekten Nährflüssigkeit. Und Forscher um den Biomediziner Mark Post versuchen in Eindhoven die Zellkulturen elektrisch zu stimulieren, damit sie möglichst schnell wachsen.

Das Prinzip der Fleischmacherei ist simpel: Mit einer Pipette geben Roelen und seine Kollegen einige Stammzellen in flaschenförmige Kunststoffbehälter. Da schwimmen sie in einer Nährlösung aus Wasser, Zucker, Vitaminen und Aminosäuren, wachsen über Tage und Wochen zu Muskelzellen und -fasern heran. Noch spielt sich das im Zentimeterbereich ab. Eines Tages jedoch werde Retortenfleisch in Containern reifen, sagt der Professor.

Die technischen Hürden werden sich meistern lassen, sind Fachleute überzeugt. Doch die Revolution der Fleischherstellung könnte am Kaufverhalten der Konsumenten scheitern. Viele Menschen denken bei Retortenfleisch nämlich eher an Dr. Frankenstein als an ein gluschtiges Znacht. In einer repräsentativen Studie der EU-Kommission lehnten mehr als die Hälfte der befragten Personen Fleisch aus dem Brutkasten ab; nur sechs Prozent äusserten gar keine Bedenken.

Nun wollen die Biotechnologen auch den Normalbürger überzeugen: Ihr Kunstfleisch werde gesünder als klassisches Fleisch sein, lautet ein Hauptargument. Traditionell erzeugtes Fleisch zum Beispiel ist in der Regel reich an Omega-6-Fettsäuren, die den Cholesterinspiegel erhöhen. Beim Laborfleisch könnte man sie durch besser verträgliche Omega-3-Fettsäuren ersetzen.

Hellingwerf glaubt an den baldigen Durchbruch beim Laborfleisch. Und er weiss, wie die Landwirtschaft der Zukunft aussieht. «Die Bauern brauchen sich keine Sorgen zu machen.» Statt Schweine, Hühner oder Rinder zu mästen, könnten sie in riesigen Wasserbecken Algen anpflanzen – als Grundlage der künftigen Nährflüssigkeit für die Fleischzucht im Labor. Die Textur eines richtigen Steaks erreiche er trotz dieser Tricks noch nicht, sagt Post. Eine Art Hackfleisch sei wohl der nächste Schritt. «Man könnte das Zellgewebe dann rollen.» Bereits in knapp zehn Jahren werde erstes Laborfleisch in den Supermärkten zu kaufen sein, prophe- zeit Post. «Aus wissenschaftlicher Sicht sind die Schwierigkeiten zu 95 Prozent gelöst.»

Die Skepsis der Konsumenten macht Mark Post keine grossen Sorgen: «Das ist eine Frage des Marketings», sagt er. Man müsse den Leuten bewusst machen, dass sie beim Retortenfleisch «ein ethisch produziertes Produkt essen». Regelmässig veranstalten er und seine Kollegen Treffen mit Umwelt- und Tierschutzorganisationen. Die Forscher hoffen, dass diese sie bei der «Aufklärung der Konsumenten» unterstützen. (Auszug aus dem Bericht in der Weltwoche 9/09 vom 26.2.2009)