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Berufsfischer fangen immer weniger

Berufsfischer ziehen immer weniger Fische aus dem Wasser. Und die Vorschriften nehmen ständig zu: seit anfangs Jahr schreibt die Tierschutzverordnung den Fischern neu den Kiemenstich vor.

von Foodaktuell Importer

Die Felche ist der „Brotfisch” der Berufsfischer. (bw)

Das Fischerleben war noch nie ein Honiglecken, schon gar nicht im Winter. Für den Berufsfischer Claudio Görtz aus dem sanktgallischen Altenrhein an der österreichischen Grenze ist das Wetter fast ideal, weil windstill. Claudio Görtz ist Präsident des sanktgallischen Fischereiverbands und fischt als ausgebildeter Fischer nun seit 20 Jahren. Dass er jedes Jahr weniger Fische aus dem Bodensee zieht mit seinen Netzen, wird langsam aber sicher zur Existenzbedrohung.

“Fische hat es genug im See, aber wir haben die falsche Fischerei”, analysiert Görtz die unbefriedigende Situation. “Die Wasserqualität hat sich verändert: Sie ist so nährstoffarm wie in den Vierziger- und Fünfzigerjahren”, meint er weiter. Nährstoffarmes Wasser bedeutet, dass es weniger Plankton gibt. Viele Fische wie etwa die Felchen ernähren sich hauptsächlich von Plankton. Gibt es weniger Nahrung für die Fische, so wachsen sie weniger schnell.

“Die Fischereipolitik hat eindeutig geschlafen”, so Görtz. Die Fischerei sei immer noch auf schnellwachsende Fische wie in den Siebziger- und Achtzigerjahren ausgerichtet, als das Wasser nährstoffreich war. Man müsse die Fischerei wieder den Verhältnissen anpassen, nur sei dies leider ein langwieriger Prozess. Der Grund hiefür: Die Fischer am Bodensee können sich nicht einfach an die Fischereiverwaltungen der Kantone Thurgau und St. Gallen und an den Bund wenden, damit diese die Vorschriften den geänderten Verhältnissen anpassen.

Weil der Bodensee an drei Staaten grenzt, ist er internationales Gewässer. Auch die kleinsten Änderungen der Vorschriften wie etwa die Maschengrösse der Netze müssen die zuständigen Behörden der Schweiz, von Deutschland und von Österreich absegnen.

Kormorane fischen mit

Am Bodensee war der Kormoran früher ein seltener und gern gesehener Wintergast. Jetzt fressen einige Tausend Kormorane am Bodensee den Fischern die Fische aus den Netzen und beschädigen diese auch. Görtz sagt, er sehe die Kormorane jeweils aus seinen Netzen auftauchen, wenn er sich diesen in seinem Boot nähert. Der Kormoran frisst gut und gerne ein halbes Kilo Fisch pro Tag. Nach Auskünften vom Bundesamt für Umwelt hält der schweizweite Massnahmenplan zur Abwehr von Kormoranen diese vor allem von “sensiblen” Flussgewässern fern sowie von Gewässern, die kleiner als 50 Hektaren sind. Der Kormoran ist aber ein normal jagdbarer Vogel in der Schweiz.

Was Görtz als grösste Einschränkung mit gravierenden Auswirkungen auf den Fischertrag nennt, ist die vorgeschriebene Grösse der Netzmaschen. Die Bodenseefischer leben hauptsächlich vom Felchenfang. Die kleinste erlaubte Maschengrösse für Felchenfang liegt bei 40 Millimetern. Laut Görtz müssten sie jetzt im Winter, wenn die Felchen noch magerer sind als sonst schon im Vergleich zu früher, auf 38 oder noch besser 36 Millimeter runtergehen können. Bild: Berufsfischer auf dem Bodensee.

Am Bodensee ist es unmöglich, innert nützlicher Frist eine solche Anpassung an natürliche Gegebenheiten zu erwirken, weil sich alle Anrainerstaaten an die so genannte Bregenzer Übereinkunft halten müssen. Am Zürichsee wird die Fischerei flexibel gehandhabt: die Berufsfischer können sich an die Fischereiverwaltung wenden, die die Vorschriften dann lockert und für einige Tage oder Wochen das Fischen mit engeren Netzen zulässt.

Auch die Tageszeiten für den Fischfang sind am Bodensee streng reglementiert. So erhält jeder Berufsfischer eine Tabelle mit den Uhrzeiten des Sonnenaufgangs. Im Winter darf erst eine Stunde vor Sonnenaufgang auf den See gefahren werden. Sieht der Fischereiaufseher, dass ein Fischer zwei Minuten zu früh abgefahren ist, kann dies den Fehlbaren bis zu 1’000 Franken kosten.

Den Schlusspunkt in dieser Vorschriftenflut setzt seit anfangs Jahr die Einhaltung von Artikel 5a in der Tierschutzverordnung. Dieser schreibt vor, dass nach dem oft nur betäubend wirkenden Schlag aufs Gehirn des Fischs umgehend ein Kiemenschnitt folgen muss. Görtz sagt, diese neue Vorschrift verunmögliche ihm praktisch die Fischerei. Wie solle er jedem Fisch, den er aus dem Wasser zieht, einen Kiemenschnitt verpassen, wenn es wellt und stürmt? Oder wenn er während der besten Fangzeit 200 Kilo aus dem See fischt?

“Jammern allein bringt nichts”, kommentiert Görtz die Lage der Berufsfischer und meint pragmatisch: “Vorschläge muss man bringen”. Nur: obwohl die Berufsfischer seit ein paar Jahren dem Landwirtschaftsverband angeschlossen sind, erhalten sie weiterhin wenig Rückhalt oder gar Ansehen aus der breiten Bevölkerung. Und auch keine Direktzahlungen wie die Landwirte. Was den 320 Berufsfischern in der Schweiz am meisten fehlt: eine Lobby.
Auch wenn das nährstoffarme Wasser den Fischern den Ertrag schmälert, so hat es Ihnen doch auch zu einem Vorteil verholfen: die Vielfalt an Fischarten hat nämlich wieder zugenommen.

Auch an diesem kalten Märztag fischt Görtz eine ganze Fisch-Palette aus dem Bodensee: Edelfische, Raubfische und auch Weissfische. Nach Hause trägt er aber nur die Felchen, Egli und Saiblinge, insgesamt weniger als 10 Kilo. Die Trüschen und den Hecht, die er lebendig in einem Wasserkübel auf dem Boot gefangen hielt, entlässt er wieder in die Freiheit. Das Rotauge und die weiteren Weissfische verfüttert er den Möwen, die kreischend das Boot begleiten. Der Fischreiher stellt sich zu dumm an, um von der Fischbeute etwas zu ergattern.

In der Fischküche filettiert Claudio Görtz zusammen mit seiner Frau Claudia, die auch das Fischerpatent gemacht hat, die Felchen und Egli. Die Saiblinge werden nur geschuppt und als ganze Fische an die Kunden geliefert. Die ganze Ausbeute zeigt auf der Fischwaage etwa sechs Kilogramm an.



Importanteil steigt


2006 wurden 95 Prozent der in der Schweiz konsumierten Fische, Krustentiere, Muscheln und Tintenfischen von insgesamt 47’078 Tonnen importiert. Bei den fünf Prozent inländischen Fischen von 2’700 Tonnen stammen 1’200 Tonnen aus Zuchtbetrieben und 1’500 Tonnen vom Wildfang. 1988 stammten noch acht Prozent des in der Schweiz konsumierten Fischs und Seafoods aus dem Inland. Die Wildfangmenge war 1988 mit 2’733 Tonnen auch entsprechend höher. In Schweizer Gewässern werden wild hauptsächlich Felchen gefangen, gefolgt vom Egli und dem Rotauge, einem Weissfisch.

(Quelle: LID / Brigitte Weidmann)

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