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Demente und Betagte richtig ernähren

Betagte Menschen brauchen hohe Nährstoffdichte, da sie nur kleine Portionen essen können. Um einer Mangelernährung entgegenzuwirken sind ausgeklügelte Massnahmen nötig.

von Foodaktuell Importer


Schwere und chronische Erkrankungen gehen häufig mit einem schlechten Ernährungszustand einher. Mangelernährte Patienten in Langzeitpflege haben zudem ein erhöhtes Risiko für infektiöse Erkrankungen oder Stürze und Frakturen, die wiederum die Sterblichkeit erhöhen. Studien haben gezeigt, dass es einen klaren Zusammenhang zwischen Verschlechterung des Ernährungszustandes und funktionellen Defiziten, z.B. weniger Kraft in den Händen oder schlechtere Fähigkeit zur selbstständigen Versorgung (Barthel Index) gibt.

“Alte Menschen benötigen eine ausreichend hohe Nährstoffdichte, weil häufig nur noch kleine Portionen gegessen werden können. Mehr Energie durch Sahne, Butter oder Öle oder auch ein höherer Einweissanteil durch hochwertige Proteinpulver in Süssspeisen oder Saucen ebenso wie das Angebot von Zwischenmahlzeiten und Snacks kann zu einer bedarfsdeckenden Ernährung beitragen und damit der Entstehung oder Verschlechterung einer Mangelernährung entgegenwirken”, sagt Privatdozent Dr. Matthias Pirlich, Charité – Universitätsmedizin Berlin anlässlich der “edi2009” (27. Februar 2009) in Berlin.

Wenn die natürliche Kost nicht mehr ausreiche, können mögliche Defizite durch Energie- und proteinreiche Trinknahrung ausgeglichen werden. Diese haben den Vorteil, jeweils auch mit Mikronährstoffen und Vitaminen angereichert zu sein. Für Menschen mit Demenz oder motorischen Defiziten ist speziell entwickeltes Fingerfood eine Alternative zum konventionellen Essen mit Besteck und Teller.

Erst wenn diese Massnahmen versagen, besteht die Indikation zur künstlichen Ernährung in Form von enteraler Sondenernährung bzw. – wenn der Magen-Darmtrakt nicht nutzbar ist – in Form der parenteralen Ernährung über die Venen. Vielfach wird auch kombiniert therapiert: der Patient kann noch etwas essen, muss jedoch unterstützend, z.B. über Nacht, künstliche Ernährung erhalten.

“Richtiges” Essen in Kliniken und Langzeitpflegeeinrichtungen sollte daher geschmacklich und optisch attraktiv sein, sowie eine energie- und eiweissreiche Kost und Zwischenmahlzeiten anbieten. Der Bedarf muss individuell erfragt werden. Gemessen an den zum Teil immensen Kosten moderner medikamentöser und apparativer Therapien ist eine solche ideale Speisenversorgung als günstig zu bezeichnen. Die Tatsache, dass gutes Essen auch die Kultur eines Landes widerspiegelt und zum Wohlbefinden der Patienten und Mitarbeiter und letztlich auch zum guten Ruf einer Einrichtung beitragen kann, ist vielen Klinikleitungen offensichtlich noch nicht ausreichend bekannt.

Der Ernährung in Kliniken und Pflegeheimen wurde lange Zeit keine Aufmerksamkeit geschenkt. Ernährung gilt vielfach nur noch als beeinflussbarer Kostenfaktor, der so ökonomisch wie möglich gestaltet werden muss. Dabei wurde vielfältig gezeigt, dass durch individuelle Ernährungsberatung und Anpassung der Speisenauswahl die Nahrungszufuhr bei Tumorleiden oder anderen schweren Erkrankungen und auch bei geriatrischen Patienten gesteigert werden kann. Die individuelle Anpassung ist auch deshalb sinnvoll, weil sich bei vielen Erkrankungen und im Alter der Geschmack und damit auch die Nahrungspräferenzen ändern.

Die 2006 publizierte “German Hospital Malnutrition Study” zeigte, dass 27 Prozent aller Patienten, die stationär behandelt werden müssen, bereits am Aufnahmetag Zeichen der Mangelernährung aufweisen, wobei ein hohes Lebensalter den grössten Risikofaktor darstellt. In akut-geriatrischen Kliniken wurden mehr als 50 Prozent aller Patienten als mangelernährt eingestuft. In Langzeitpflegestrukturen werden ähnliche Angaben gemacht. In Deutschland wurden 2007 zwei Studien zu dieser Thematik veröffentlicht.

Norman und Smoliner publizierten in der Zeitschrift Nutrition Daten von 112 Bewohnern aus drei Berliner Seniorenheimen (Durchschnittsalter 85 Jahre). Laut Mini Nutritional Assessment (MNA), einem Erhebungsbogen, mit dem man den Ernährungszustand feststellt, waren nur 20 Prozent als wohl ernährt, jedoch neun Prozent als schwer mangelernährt einzustufen. Bei den übrigen 71 Prozent bestand zumindest ein Risiko, ein Ernährungsdefizit zu entwickeln.

Ein ähnliches Resultat zeigte eine Studie von Bai et al. (Aktuelle Ernährungsmedizin 2007), die in zehn deutschen Seniorenheimen an 779 Bewohnern durchgeführt wurde (Durchschnittsalter ebenfalls 85 Jahre). Hier waren elf Prozent der Senioren schwer mangelernährt. (Medienmitteilung Charité – Universitätsmedizin Berlin)