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Gemeinsamer Nenner gesucht

Nicht immer ist klar, mit welchen Substanzen Verpackungen für Lebensmittel bedruckt werden. Jüngstes Beispiel ist das kürzlich in Zerealien gefundene 4-Methylbenzophenon. Ein durchlässiger Informationsaustausch wäre nötig

von Alimenta Import

Im Februar dieses Jahres geis­terte wieder ein Verpackungsthema durch die Medien und durch das Schnellwarnsystem der EU (Rapex). Es wurde 4-Methylbenzophenon, ein UV-Initiator für UV-Farben und UV-Lacke, im unteren mg-Bereich in Zerealien und Pasta gefunden. Dieses aktuelle Thema dient einmal mehr als ausgezeichnetes Lehrbeispiel, wie die Marktmechanismen immer noch im Bereich Verpackungsmaterialien ablaufen. Seitens der Retailer, bevorzugt im deutschen Raum, wurde Lieferanten einen Tag Zeit ge­geben, zu bestätigen, dass diese Subs­tanz nicht in Verpackungen und somit in ­Produkten enthalten ist. Dieses zu bestätigen hätte voraus­gesetzt, dass alle betroffenen Lebensmittel­verarbeiter genau über die eingesetzten Ver­packungen und deren migrationsfähigen ­Inhaltsstoffe Bescheid gewusst hätten. Die Realität sieht natürlich so aus, dass dieses Wissen aus verschiedenen Gründen nicht ­vorhanden ist. Es werden erst jetzt und damit vielleicht zu spät Rezepturprüfungen und Analysen vorgenommen.

Muss das so sein?

Zugegebenermassen ist das Thema Lebensmittelverpackungen sehr komplex, und es treffen verschiedenste Interessen aufeinander. Verpackungen sollen generell schön glänzende Effekte aufweisen, die sich am Markt gut verkaufen lassen. Hierzu ist das Mittel der Wahl UV-Druck/UV-Lack. Eigentlich keine schlechte Wahl, aber es ist hinlänglich bekannt, dass migrationsfähige Substanzen enthalten sind, sofern man nicht auf Polymer basierte modernere Varianten wechselt. Folglich ist der Wechselwirkung zwischen Verpackung und Lebensmittel viel grössere Aufmerksamkeit entgegenzubringen, um unliebsame Überraschungen zu vermeiden. Leider werden genau diese Wechselwirkungen vernachlässigt oder zu wenig mit Dritten, wie spezialisierten Instituten, diskutiert bzw. analysiert: Der Lebensmittelhersteller beschäftigt sich zu Recht mit seinem Produkt, der Verpackungshersteller ausschliesslich mit seinem. Wer aber übernimmt die Verantwortung für die sicher auftretenden Wechselwirkungen?

Den Dialog frühzeitig suchen
Welche Informationen sind von wem an wen zu liefern? Der Lebensmittelhersteller muss frühzeitig bei der Neuentwicklung einer Verpackung neben den Verpackungsentwicklern, dem Marketing, den Einkäufern auch die ­Produktkenner (Chemiker/Technologen) mit­einbeziehen, um klare Spezifikationen auf­zustellen. Diese sollten nicht nur technische und Preis bestimmende Aspekte enthalten, sondern auch mögliche Wechselwirkungen des Lebensmittels mit dem Packmaterial der Wahl aufzeigen. Die Qualität einer Lebensmittelverpackung wird zu Beginn des Entwicklungsprozesses festgelegt und kann nicht nach Markteinführung durch Analysen hinein gemessen werden. Ein komplettes Informa­tionspaket sollte an den Verpackungshersteller gehen, damit sich dieser auch mit Wechselwirkungen frühzeitig auseinandersetzen kann. Diese Daten müssen in der gesamten Wertschöpfungskette der Packmaterial­herstellung weitergegeben werden.
Im Gegenzug müssten die einzelnen Stufen in der Packmittelherstellung lebensmittelrelevante Informationen, wie Migrationspoten­zial oder Listung in einschlägigen Richtlinien weitergeben. Die dann immer noch auftreten­den Wechselwirkungen zwischen Packung und Lebensmittel sind analytisch zu bestimmen und zu bewerten. Bei «kooperativer» Zusammenarbeit an dieser Entwicklungsstelle lassen sich die Kosten überschaubar halten.

Zurückhaltend mit Information

Wahrscheinlich wird in vielen Firmen so oder so ähnlich vorgegangen, aber es existieren noch diverse «Bremsen». Auf der einen Seite werden Rezepturinformation seitens der Packmaterialhersteller noch sehr zurückhaltend preisgegeben (Intellectual Property) – nicht gelistete Substanzen mit Migrationspotenzial werden nicht ausreichend benannt, auf der ­anderen Seite werden seitens Lebensmittel­hersteller keine detaillierten Angaben über das zu verpackende Lebensmittel angegeben.
 
Klare Gesetzesvorgaben fehlen
Zu guter Letzt fehlen eigentlich klare Vorgaben für alle Arten von Packmaterialien seitens
des Gesetzgebers. Die Rahmenverordnung 1935/2004, die ihre Entsprechung in der Schweizer Lebensmittel- und Gebrauchsgegenstände-Verordnung hat, beschreibt ja nur allgemeine Anforderungen (keine Gesund­heits­gefährdung, keine Zusammensetzungsänderung, keine organoleptische Veränderung). Zumindest im Plastikbereich werden künftig alle Anforderungen wieder in einer Richtlinie zusammengefasst (EU-Arbeitsdokument EMB/11371). Welche wahrscheinlich in 2010 in Kraft gesetzt wird. Das EU-Arbeitsdokument (EMB/11382) hingegen fasst die Durchführungsbestimmungen für Migrations­untersuchungen zusammen. Für andere Mate­rialien, wie zum Beispiel Papier und Karton, bleibt es weiterhin sehr vage.
Und schon ziehen neue Materialien am Horizont auf. Das Stichwort ist hier Nanotechnologie. Gemäss einer Studie des Öko­instituts im Auftrag der TA Swiss3 ist der Problematik von Nanotechnologie im Zusammen­hang mit Lebensmittelverpackungen erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen. Daher ist es jetzt eigentlich umso ratsamer, den Dialog innerhalb der Wertschöpfungskette zu intensivieren, gegebenenfalls auch unter Zuhilfenahme von auf diesem Gebiet spezialisierten Institu­ten. Denn eine gute, das Lebensmittel unterstützende und Schlagzeilen freie Verpackung ist immer noch die beste Verpackung.
*Der Autor ist Leiter des Ressorts Food/Non Food bei SQTS – Swiss Quality Testing Services. www.sqts.ch