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Fritz Wyss tritt ab

Mit der morgigen Generalversammlung von Emmi geht eine Ära zu Ende. Der ehemalige Konzernchef und noch Verwaltungsratspräsident gibt sein Amt ab. Ein Blick zurück, auf die Gegenwart und in die Zukunft.

von Alimenta Import

Alimenta: Morgen findet die letzte Generalversammlung von Emmi unter Ihrer Leitung statt. Macht Sie der Gedanke daran wehmütig?
Fritz Wyss: Nein, meinen Ausstieg habe ich seit langem vorbereitet. Vielleicht kommt die Wehmut aber später.

Was motivierte Sie vor 17 Jahren, von Chocolat Frey und Jowa Teigwaren in die Milchverarbeitung zu wechseln?
Einerseits die Grösse; das Firmenkonglo­merat, unter anderem bestehend aus Emmi und der Luzerner Butterzentrale, machte mehr Umsatz mit mehr Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen als die beiden Migros-Betriebe. Andererseits der Gedanke daran, operativ frei zu sein und etwas weiterent­wickeln zu können.

Hatten Sie keine Mühe, als marktorientierte Persönlichkeit in eine zu dieser Zeit stark regulierte Milchwirtschaft einzutreten?
Nein, damals war ich ziemlich unruhig und ehrgeizig. Bei Emmi waren die Vorzeichen für Erfolge im nationalen wie im internationalen Geschäft gut. Die Führung der Mitbewerber lag weitgehend in landwirtschaftlicher Hand und war entsprechend konservativ eingestellt. Im Gegensatz dazu war in Luzern eine gewisse Offenheit spürbar. Ein Beispiel: Nachdem Joghurts nicht mehr nach Deutschland exportiert werden konnten, liess sie Emmi bei der deutschen Südmilch in Lizenz produzieren.

Welches waren Ihre grössten Erfolge?
Meine Vision war, Emmi zum wichtigsten Schweizer Unternehmen im internationalen Geschäft mit Milchprodukten zu machen. Ich war der Ansicht, dass nur zwei selbständige grössere Firmen in der Schweiz über­leben werden. Ersteres ist eingetreten. Dazu war der Käse als Schlüsselsparte nötig.
Richtungweisend war die Übernahme des Verpackungsbetriebes in Kirchberg BE und des Handelsbetriebes Peter Gerber. Dadurch stieg der Umsatz von Käse auf gegen
1 Mrd. Fran­ken. Heute sind es mit rund 880 Mio. Franken etwas weniger.

Und weiter?
Der Börsengang von Emmi im Jahr 2004.Es machte mich stolz, eine breite Öffentlichkeit für ein Unternehmen zu begeistern und zu Investitionen zu bewegen, dessen Aktien­mehrheit in bäuerlichen Händen liegt. ­Dieser Schritt gelang nur, weil das Ansehen von Emmi ausserhalb der Landwirtschaft damals wie heute sehr gross war und ist.

Welche Misserfolge gab es?
Nach dem Nachlassverfahren gegen Swiss Dairy Food handelten die Emmi-Firmen weit über zwei Drittel des Emmentaler Käses. Wir hatten die Absicht, diese Situation zu nützen und den internationalen Handel zu professionalisieren. Dazu gehörte eine Konzentration der Handelsfirmen von vormals 25 auf etwa fünf. Die damit verbundene Umstrukturierung bei den Käsereien führte zu grosser Unruhe, worauf wieder viele kleine Handelsfirmen entstanden. Rückblickend lief der gesamte Prozess für die Käsebranche schlecht. Ich bin noch heute sehr enttäuscht, denn meine Absichten waren immer gut und zum Wohle des Schweizer Käses. Wir wollten nie den gesamten Emmentaler-Markt übernehmen, aber Emmi sollte die Führerschaft im Geschäft haben.

Sie hatten die Vision, die wichtigsten interna­tionalen Märkte für Schweizer Käse unter den Händlern aufzuteilen. Ist man ihr heute einen Schritt näher?
Beim Emmentaler existiert immer noch ein rechter Wirrwarr. Weil zu viele Handels­firmen mit unterschiedlichsten Strukturen mitmischen wollen, gibt es bei einem Überangebot stets jemanden, der verkaufen will oder muss, koste es, was es wolle.

Geben Sie dem Emmentaler gleichwohl eine Chance?
Bestimmt. Aber es wird viel Zeit vergehen, bis die Produktionsmenge wieder erhöht wer­den darf. Die Branche muss die Mengensteuerung langfristig in den Griff bekommen und die verschiedenen Firmen müssen ihren Strukturen und Möglichkeiten entsprechend investieren können.

Übernimmt Emmi in den nächsten Jahren das gesamte Emmentaler-Geschäft Italiens – eine Idee, die letzthin öffentlich angeregt wurde?
Nein, das ist nicht unser Ziel. Aber Italien wird auch in Zukunft für uns ein sehr wichtiger Absatzmarkt für Emmentaler sein, und wir wollen unsere starke Position fes­tigen. Wir können uns aber eine Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen in der Markt­bearbeitung vorstellen. Dies setzt ­jedoch vor­aus, dass Mengen- und Preisbänder festgelegt werden.

Ihre Arbeit bei Emmi war immer wieder geprägt von Turbulenzen auf dem Milchmarkt. Wie hätte sich die derzeitige Situation verhindern lassen?
Unbestritten ist, dass die Milchpreiserhöhungen im letzten Jahr falsch waren, zumindest in ihrem Umfang. Hinzu kommt ihr negativer Effekt auf die Milchmenge. Da die Produzentenorganisationen in dieser Zeit der Überproduktion einen Mischpreis bezahlten, konnten sie die Lieferanten
nicht überzeugen, die Produktionsmenge zu ­drosseln.

Mit einem Anteil von 53% sind die Zentralschweizer Milchproduzenten (ZMP) die Hauptaktionäre von Emmi. Im Milchsektor ist dies zwar gang und gäbe. Dennoch: Hätten Sie sich öfters gewünscht, dass die Firma nicht den Rohstofflieferanten gehört?
Aus Sicht der Milchproduzenten ist diese Lösung langfristig sehr glücklich. Die gesamte Wertschöpfungskette ist in einer Hand. Andernfalls würde Emmi vielleicht zu einem ausländischen Konzern gehören. Die Konzernspitze in irgendeiner europäischen Stadt würde darauf beharren, nur die billigste Milch zu verarbeiten. In der jetzi­gen Situation hingegen können wir darüber diskutieren, wie viel für die Milch bezahlt wird, damit sich gleichwohl genügend Gewinn erwirtschaften lässt, um zu in­vestieren und den Aktionären einen Mehrwert zu bieten.

Trotzdem betrachten nicht alle Milchproduzen­ten diese Besitzverhältnisse als ihr Glück.
Die Unruhen, die den Verband der ZMP diesen Frühling erschüttert haben, habe ich mit einem gewissen Unverständnis beobachtet. Sie hätten wahrscheinlich verhindert werden können, indem die ZMP einen Teil ihrer Emmi-Dividenden im Umfang von 7 Mio. Franken direkt an die Landwirte ausbezahlen würden. So ist die Wertschöpfungskette für viele nicht als solche erkennbar.

Während Ihrer Emmi-Zeit hat das Unternehmen viele Firmen gekauft. Wurden sie problemlos integriert?
Akquisitionen sind etwas sehr Schönes, aber auch etwas sehr Heikles. Wir haben einen guten Leistungsausweis bei Integrationen und sind immer differenziert vorgegangen. Vor einer Übernahme gilt es immer ab­zu­klä­ren, ob sie finanziell und personell zu be­wältigen ist. Das Mutterhaus darf gewisse Führungsinstrumente nicht aus der Hand geben. So sind alle unsere Tochter­gesell­schaften über die Emmi-Holding finanziert, sie fungiert als Bank. Wichtig war mir da-bei immer, nicht zu fusionieren, sondern Firmen zu kaufen. Fusionieren bedeutet, ­Kompromisse eingehen zu müssen. Dieser Grundsatz wurde mir von vielen Seiten übelgenommen.

Bei Ihren Mitarbeitern geniessen Sie ein sehr grosses Ansehen. Wohl nicht zuletzt deshalb, weil Sie als Patron auftreten. Wer wird diese Rolle übernehmen?
Mit Urs Riedener haben wir einen starken, marktorientierten Konzernchef. Der künfti­ge Verwaltungsratspräsident Konrad Graber ist ein Spezialist der Rechnungsprüfung und ist politisch sehr gut vernetzt. Diese Kom­bination bildet eine sehr gute Basis für die Zukunft von Emmi.

Womit werden Sie sich beschäftigen, wenn Sie nicht mehr verantwortlich sind für Emmi?
Schon vor fünf Jahren habe ich ein Haus in Ascona gekauft und bin seither daran, eine Gemäldegalerie einzurichten. Dort werde ich jeweils in der zweiten Wochenhälfte
die Kunden betreuen. Das ist mein neuer Hobby-Beruf, mit Betonung auf Beruf im Sinn einer Berufung. Darauf freue ich mich.