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Fortbildung für jeden

Trotz oder gerade wegen der Wirtschaftkrise liegen Weiterbildungen im Trend. In der Lebensmittelwirtschaft setzen die Unternehmen auf Konstanz nach dem Motto: «Nicht mehr und nicht weniger».

von Alimenta Import

Der Aus- und Weiter­bildungsmarkt boomt. Nachdem in den letzten Jahren die Angebote generell stark zu­genommen hatten, wirkt sich nun zusätzlich die Wirtschaftskrise darauf aus. Viele Arbeitnehmer investieren in Krisenzeiten in ihre Weiterbildung, um als Arbeitskraft attraktiv zu bleiben. Eine Umfrage der Forsa Gesellschaft für Sozialforschung hat ergeben, dass in Deutschland jeder dritte Arbeitnehmer seit Beginn der Wirtschaftskrise verstärkt über eine berufliche Weiterbildung nachdenkt. In der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen ist
es sogar fast jeder zweite. Hinzu kommen die Arbeitslosen, die die Zeit nutzen, um ihre ­Attraktivität für den Arbeitsmarkt zu erhalten oder zu steigern.

Kontinuität gefragt

Die Lebensmittelwirtschaft wurde von der Krise weit weniger getroffen als viele andere Wirtschaftszweige. Deshalb setzt man in ­diesem Bereich auf Kontinuität in der Weiterbildung. Für Michel Pellaux, Generalsekretär des Milchverarbeiters Cremo, ist es wichtig, dass die Mitarbeiter stets dazu animiert werden, sich weiterzubilden: «Wir brauchen heute gut ausgebildete Leute, aber wir brauchen sie auch in Zukunft.» Deshalb wäre es seiner ­Ansicht nach falsch, wenn ein Unternehmen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten bei der Weiterbildung sparen würde.
Dass Cremo mit ihrer Philosophie nicht alleine steht, zeigt die Zahl der Anmeldungen für die verschiedenen Weiterbildungskurse des Berufsverbandes Molkereifachleute (BVM). Dort sind einige der zwei Tage dauernden ­Basiskurse, Maschinen- und Anlagenführerkurse, die sich an angelerntes Personal richten, seit Monaten ausgebucht. «Wie im letzten Jahr müssen wir auch in diesem Jahr eine Warte­liste erstellen», sagt BVM-Geschäftsführer Franz Birchler. Neben der Absicht, gut aus­gebildetes Personal zu beschäftigen, sieht er in der wachsenden Motivation der Teilnehmer einen weiteren Grund für die Milchverar­beiter, ihre Mitarbeiter diese Weiterbildung absolvieren zu lassen. «Mit 440 Franken pro Kurs sind die Kosten dafür verhältnismässig gering.»
Auch am Ausbildungszentrum für die Schweizer Fleischwirtschaft (ABZ) nimmt
die Nachfrage nach Weiterbildungsangeboten
zu. Im Jahr 2008 stieg die Anzahl Kurstage gegenüber dem Vorjahr um 5%. In diesem Jahr wird sie konstant bleiben, schätzt Direktor Sepp Zahner. Er gibt jedoch zu bedenken, dass die Anzahl Kurstage pro Mitarbeiter und Jahr in der Fleischbranche tief ist. «Unsere Leute besuchen gerne Kurse mit einem grossen Bezug zur Praxis, wenn möglich gar mit praktischer Arbeit», sagt er. Zu den «Rennern» gehören denn auch der Grillkurs, «Verblüffend mehr verkaufen» oder «Partyservice». Weniger Interesse zeigen die Metzger an Kursen mit einem grossen Theorieanteil.

Eine Frage der Finanzierung

Mitarbeiter in gewerblichen Betrieben besuchen in der Regel seltener Weiterbildungen
als diejenigen in industriellen. Fehlende Zeit und finanzielle Unterstützung dürften zwei Gründe sein, die dafür schwergewichtig mitverantwortlich sind.
Die Kosten sind auch ein Thema beim Schweizerischen Verband für Weiterbildung. Während die Weiterbildungskosten der Hochschulabsolventen und der Kadermitglieder häufig vom Arbeitgeber finanziert würden, müssten andere ihre Weiterbildung selbst bezahlen, stellt Direktor André Schläfli in einem Interview mit dem Kaderstellenportal «Alpha» fest. Eine Lösung sieht er in der Verteilung von Bildungsgutscheinen oder von Steuerabzügen für Weiterbildungskosten.

Kader übt sich in Management und Technik

Bei oberen Kaderleuten steht die Unternehmensstrategie an erster Stelle, wenn es um Weiterbildung geht. Dies hat eine Erhebung des Instituts für Unternehmensführung der FHS St. Gallen ergeben. Zunehmend wichtiger werden die Schwerpunkte Management und Technik, die Weiterbildungen für Verkauf und Marketing verdrängen. Dafür besuchen sie meistens eine Universität oder eine Fachhochschule.
Leute, die im mittleren und unteren ­Kader arbeiten, setzen derzeit am liebsten
auf Prozess- und Changemanagement sowie auf nachhaltige Betriebsführung. Ihre soziale Kompetenz wollen sie mit Lehrgängen zu Konfliktmanagement und zu angewandter Kommunikation verbessern.

Alles eine Lüge?

Weiterbildung ist nicht gleich Weiterbildung. Nicht nur haben die Angebote in den letzten Jahren stark zugenommen, auch werden sie stärker und aggressiver beworben. Bislang führen in der Schweiz über 900 Weiterbildungsstätten das Qualitätszertifikat Eduqua. Dessen Rückgrat bilden die Minimalstandards in sechs Kriterien. Branchenkenner gehen ­davon aus, dass das Angebot und somit der Wettbewerb unter den Weiterbildnern in den nächsten Jahren zunehmen wird.
Nicht alle stehen dem anhaltenden Trend zu Weiterbildung und lebenslangem Lernen positiv gegenüber. Ein Fortbildungsinsider, der unter dem Pseudonym Richard Gris das Buch «Die Weiterbildungslüge» veröffentlicht hat, brandmarkt darin nicht nur die Anbieter von Weiterbildungen als Profiteure und ­Ab­zocker, sondern bezeichnet ebenso die ­Unternehmen als Opfer der grossen Geldver­schwendungsmaschinerie. Richard Gris ist der ­Meinung, dass die von den Auftraggebern ­gewünschte Verhaltensanpassung ihrer Mitarbeiter nicht durch kurze Seminare und Workshops erreicht würden. Vielmehr wäre bei ­vielen Angestellten eher eine handfeste Psychotherapie nötig, um festgefahrene Denkmuster und Handlungsschemata zu durchbrechen.