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Neue Organisation unter Zugzwang

Sei es die Entlastung der Butter- und Vollmilchpulverlager oder sei es die Einführung von längerfristig wirksamen Marktinstrumenten: Die Branchenorganisation Milch ist gefordert, rasch Lösungen zu präsentieren.

von Alimenta Import

Die Hoffnungen aller vereinen sich in der neuen Branchenorganisation Milch (BOM), die gestern in Bern gegründet wurde. Nachdem weder die alte ­Branchenorganisation Milch noch der Verein Schweizer Milch vor der Aufhebung der Kontingentierung die nötige Ruhe in den Milchmarkt bringen konnten, soll sie nun als Plattform dienen, um die anstehenden Probleme zu lösen. Im Vorfeld war vielerorts zu hören, ihre Gründung sei «die letzte Chance» für die Milchbranche.
Obwohl die Landwirte in den letzten Wochen weniger Milch abgeliefert haben und sich die Marktlage dadurch etwas entspannt hat, muss sich die neue BOM schnell um die Beseitigung der Altlasten kümmern. Dazu gehören volle Butterlager, die immer noch mehr als 8000 Tonnen umfassen, aber auch die Lager von Vollmilchpulver. Zwar gibt es Anzeichen dafür, dass sich der Buttermarkt in der EU langsam erholt. Immerhin wird Butter seit Kurzem zumindest wieder nachgefragt. Dies jedoch zu einem anhaltend tiefen Preis.
Gibt es keine weiterführenden Interventionen, rechnen die Branchenvertreter damit, dass Ende Jahr zwischen 3000 und 4000 Tonnen zu viel am Lager liegen werden.

Unterstützung des Bundes fällt weg
Hinzu kommt, dass sich der Bund nur im ers­ten Halbjahr an der Entlastung des Milchfettmarktes finanziell beteiligte. Ebenfalls fällt nun die Regelung weg, wonach 5 Prozent der Milch zum Weltmarktpreis gehandelt wird. Ab dem 1. Juli liegt die Räumung der Lager voll und ganz in den Händen der Branchenpartner, was auf den Milchpreis drücken dürfte. Der grösste Milchverarbeiter Emmi kündigte eine Preissenkung und die dazugehörigen Verhandlungen vor Wochen öffentlich an, unter scharfer Kritik der Produzenten. Um die Gründung der BOM nicht zu gefährden, hat der Schweizerische Bauernverband, der als Vermittler zwischen Verarbeitern und Milchproduzenten die Gründung der BOM begleitet hat, verlangt, diese Diskussion auf die Zeit nach dem 1. Juli zu vertagen. Das Moratorium wurde daraufhin von allen Seiten akzeptiert.
Trotzdem wird die Diskussion geführt werden. «Im Januar wurde am runden Tisch zwischen allen Parteien vereinbart, dass ab Juli allfällige Überschüsse durch Milchpreissenkungen kompensiert werden», sagt Markus Willimann, Mitglied der Emmi-Konzern­leitung und Präsident der Vereinigung der Schweizerischen Milchindustrie (VMI). Nun tritt dieser Fall ein. Es werde zu einer der ers­ten Aufgaben des BOM-Vorstandes gehören, dazu Vorschläge auszuarbeiten.

20-köpfiger Vorstand
Der Vorstand der Branchenorganisation umfasst 20 Mitglieder. Die Gruppe der Milchverarbeiter und des Detailhandels setzt sich zusammen aus drei Vertretern der gewerblichen Milchverarbeiter, wobei ein Sitz Fromarte zusteht, sowie je einem Vertreter von Cremo, Elsa, Emmi, Hochdorf und VMI und je einem von Coop und Migros. Die andere Gruppe
besteht aus insgesamt zehn Vertretern der
Produzentenorganisationen, der Produzen­ten-Milchverwerter-Organisationen und der Schweizer Milchproduzenten. Jede Gruppe hat zusätzlich das Anrecht, drei Ersatzvertreter beizuziehen. In einer ersten Phase werden sowohl die Geschäftsführung als auch das Präsidium durch den Bauernverband besetzt. Um die Arbeit zu beschleunigen, sollen für verschiedene Geschäfte kleinere Kommis­sionen eingesetzt werden, die Vorschläge zuhanden des Vorstandes ausarbeiten. Um sie rechtskräftig zu machen, müssen ihnen beide Gruppen des Vorstandes mit einer Dreiviertelmehrheit zustimmen.

BOM muss Pfeiler bauen
Die Branchenorganisation ist ebenfalls gefordert, zwei der wichtigsten, langfristigen Pfeiler der Branchenorganisation, einen Richtpreis­index und die Milchbörse, zu erstellen. Damit beide funktionieren, brauche es vor allem Transparenz, sagt Michel Pellaux, General­sekretär von Cremo. «Die Verarbeiter müssen ihren Bedarf offen auf den Tisch legen, die Produzentenorganisationen die vertraglich zu­gesicherte Produktionsmenge. Und die Zahlen müssen durch die TSM Treuhandstelle kontrolliert werden.» Nur so liessen sich durch den Richtpreisindex auch die Preise für ­Linienmilch transparent machen. Transparenz sei zwingend, denn schliesslich hätten
die Milchproduzenten Anrecht darauf, zu er­fahren, wann sie mit einer Preiserhöhung oder einer -senkung zu rechnen haben.
Damit die Milchbörse einwandfrei funktionieren kann, schlägt Michel Pellaux vor, ­einen Minimalpreis einzuführen. Milch, die diesen Preis nicht erreicht, muss zum Weltmarktpreis exportiert werden. «Dies entlastet den Inlandmarkt und schützt gleichzeitig vor Missbrauch.»
Um von der etwas geringeren Milchmenge der Sommermonate und somit vom ruhigeren Marktverlauf profitieren zu können, müssten beide Instrumente in den nächsten drei Monaten eingeführt werden, meint Pellaux. «Nur so ist es möglich, den Milchmarkt bis Ende dieses Jahres ins Gleichgewicht zu bringen.»

Käse oder standardisierter Fettgehalt?

Ein Grund für das Ungleichgewicht liegt für Michel Pellaux im stockenden Käsegeschäft und den damit verbundenen Produktionseinschränkungen (siehe Kasten). Die Menge der Einschränkungsmilch der ersten drei Monate des Jahres entspricht etwa 1200 Tonnen Butter. So viel, wie mit der 5-Prozent-Regel aus dem Markt entfernt wurde. «Dadurch konnten die Lager nicht geleert werden», stellt ­Pellaux fest. «Die Überschüsse an Milchfett ergaben sich vorwiegend aus der neu ein­geführten Standardisierung des Milchfett­gehaltes von Konsummilch», sagt hingegen Hansruedi Aggeler, der ein Beratungsbüro für gewerbliche Milchverarbeiter führt.
Egal, ob die Fettüberschüsse vom Käse oder von der standardisierten Konsummilch stammen – um den Milchmarkt mittelfristig ins Lot zu bringen, müssen die vollen Lager von Butter und Vollmilchpulver auf ein normales Mass zurückgefahren werden. Diese Aufgabe gehört zu den ersten Bewährungs­proben der neu gegründeten Branchenorga­nisation.