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Bauern wollen Aufstand machen

BIG-M verlangt eine allgemeinverbindliche Mengenregelung im Markt mit grossem Mitspracherecht der Produzenten. Co-Präsident Martin Haab gibt sich überzeugt, dass dadurch vieles besser würde.

von Alimenta Import

Alimenta: Weshalb mobilisieren Sie die Bauern für den Aufstand in Sempach?
Martin Haab: Um gegen den sehr tiefen Milchpreis und das dafür verantwortliche System zu protestieren. Lange Zeit versprachen Politiker, Beamte, Verbandsleute und Verarbeiter, den Übergang von der Kon­tingentierung zum freien Milchmarkt ohne Chaos zu gestalten. Inzwischen müssen alle zugeben, dass dies nicht gelungen ist.

Als Hauptgrund dafür wird ein Überangebot im Markt angeführt.
Darin sind sich alle einig. Leider fehlen die Instrumente, um dieses Problem zu lösen. Die Segmentierung von Menge und Preis in gewissen Organisationen zeigt, dass es immer einige Landwirte gibt, die bereit sind, zu einem tiefen Preis zu produzieren. Diese verantworten dann einen grossen Preisdruck auf die gesamte Milchmenge.

Welche Lösungen werden Sie in Sempach präsentieren?
Wir brauchen einen Systemwechsel im Milchmarkt. Nicht mehr die Milchhändler sollen die Menge steuern, sondern die ­Produzenten. Das ist der wichtigste Punkt. Wir müssen die Produktionsmenge in den Griff bekommen. Hier ist der Bund gefordert, die gesetzlichen Grundlagen für eine Allgemeinverbindlichkeit der marktkonfor­men Produktionsmengen zu schaffen.
Man könnte auch sagen, Sie fordern die Einführung des Milchpools, der mit gesetzlichen Leitplanken durchgesetzt wird. Sind beide Punkte nicht seit längerem vom Tisch?
Es gibt genügend Beispiele, in denen in Bern ein Entscheid revidiert wurde, nachdem man die Auswirkungen eins zu eins vor Augen hatte. Nur eine allgemeinverbindliche Mengenregelung kann verhindern, dass ein paar wenige Bauern marktfremde Milchmengen produzieren und so den Preis der 90 Prozent «Vernünftigen» einbrechen lassen.

Die Mengensteuerung durch die Produzenten und die Allgemeinverbindlichkeit; reicht das?

Zusätzlich brauchen wir eine unabhängige Monitoringstelle, die evaluiert, wie viel Milch auf dem Markt abgesetzt wird.

Diese Aufgabe hat kürzlich das Bundesamt für Landwirtschaft übernommen.
Das stimmt. Ich glaube aber nicht daran, dass es das BLW schaffen wird, die nötigen Informationen bei den Händlern und Verarbeitern einzufordern und dadurch Transparenz zu schaffen. Dafür hat das BLW seine Rolle bei der Bewilligung von Mehrmengengesuchen zu schlecht gespielt.

Haben Sie selber Mehrmengenmilch produziert?
Davon habe ich weder beantragt noch produziert.

Zurück zu Ihren Lösungsansätzen. Was erhoffen Sie sich aus der zentralen Mengensteuerung in Produzentenhand?
Nur so lässt sich die Milchmenge dem effektiven Marktpotenzial anpassen. Als Vorbild dient das kanadische System; eine Monitoringstelle, die sich aus Produzenten, Verarbeitern, Detailhandel, Konsumenten und Politikern zusammensetzt. Die Stelle definiert monatlich die Menge Milch, die der Markt aufnehmen kann. Extreme Preisschwankungen nach oben und nach unten lassen sich so vermeiden.

Ihre Beschreibung gleicht der Branchenorganisation Milch sehr. Weshalb etwas Neues fordern, wenn es bereits besteht?

Weil BIG-M nicht daran glaubt, dass es die BO Milch schafft, die Milchmenge in den Griff zu bekommen. Grund dafür ist die Zusammensetzung ihres Verwaltungsrates. Meine Haare sträuben sich bei der Betrachtung der sogenannten Produzentenvertreter. Wie soll ein Milchkäufer die Interessen der Produzenten vertreten? Mit wenigen Ausnahmen haben sie ein Interesse an einem tiefen Milchpreis, weil sie als Geschäftsführer von Handelsorga­nisationen möglichst viel Milch verkaufen möchten.

Wer sollte stattdessen im BO-Milch-Vorstand sitzen?
Produzenten, die morgens und abends Kühe melken.

Wie wollen Sie vermeiden, dass aus dem ­«Diktat der nachgelagerten Stufe», wie Sie die aktuelle Situation schon bezeichnet haben, ein Diktat der Vorgelagerten wird?

In der Tat: Was wir jetzt erleben, ist ein Diktat der nachgelagerten Stufe. Mit unserer  Mitsprache in der Mengensteuerung wollen wir Produzenten einzig erreichen, dass unser Milchpreis produktionskostendeckend wird. Die breite Zusammensetzung der zukünftigen Monitoringstelle garantiert, dass keine Fantasiepreise entstehen können.

Wie hoch müsste demnach der Milchpreis sein?
Rund 90 Rappen pro Kilo.

Ist diese Zahl realistisch?

Vor einem Jahr, nach dem Lieferboykott, lag sie bei 81 Rappen. Und die Verarbeiter erwirtschafteten mehr Gewinn denn je.

Wie kann die Wertschöpfungskette ­international konkurrenzfähig bleiben, wenn der Milchpreis 20 Rappen oder mehr über dem internationalen Niveau liegt?
Es ist fraglich, ob sie das sein muss. Ich stelle fest, dass sich die Verarbeiter seit der Einführung der Mehrmengen international auf Billigprodukte konzentriert haben: Null­achtfünfzehn-Grosslochkäse, Mozzarella oder gar Vollmilchpulver. Auf diesen Märkten haben wir jedoch nichts verloren. Konkurrenzfähig sind wir nur mit Produkten, die eine grosse Wertschöpfung haben.

Eine Beschränkung auf den Inlandmarkt hätte unter anderem zur Folge, dass die Milchverarbeiter an Konkurrenzfähigkeit verlören.
Dem bin ich mir bewusst. Es fragt sich, ob es Sinn macht, international zu wachsen. Denn durch das Preisgefälle kann dies nur auf dem Rücken der Bauern geschehen. Und das darf nicht sein.

Der «Bauernaufstand» wird das Klima zwischen Verarbeitern und Milchproduzenten wohl nicht verbessern.

Derzeit ist das Klima ohnehin sehr frostig. Wir sind aber gezwungen, jetzt etwas zu ­unternehmen, damit die Landwirte auch in Zukunft von ihrer Arbeit leben können. Kein Unternehmen kann über längere Zeit unter den Produktionskosten verkaufen.