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Aromenvielfalt wird in Frage gestellt

Die neue Aromenverordnung der EU ist seit diesem Jahr in Kraft. Die dazugehörige Positivliste wird voraussichtlich bei über 50% aller Aromen für die Lebensmittelindustrie entscheidende Geschmacksänderungen hervorrufen.

von Alimenta Import

Am 20. Januar 2009 ist die EU-Verordnung 1334/2008 über Aromen und bestimmte Lebensmittel mit Aromaeigenschaf­ten zur Verwendung in und auf Lebensmitteln in Kraft getreten. Die Auswirkungen auf die Lebensmittelwirtschaft betreffen hauptsächlich die Deklaration (siehe Kasten). Viel einschneidender wird sich die Positivliste, die
in der Verordnung verlangt wird und die ­voraussichtlich Ende 2010 publiziert werden wird, auf die Aromastoffe auswirken. «Erscheint diese Gemeinschaftsliste so, wie sie heute vorgesehen ist, dann sind mehr als
50% der Aromakompositionen, die zurzeit in der EU verkauft wer­den, betroffen», sagt ­Cornelius Nussbaumer, Präsident des Schweizerischen Aromen- und Riechstoff-Industrieverbandes (SFFIA).

Über 500 Substanzen in der Schwebe
Die Gemeinschaftsliste Aromastoffe wird die Anlage 1 der EU-Aromenverordnung. Die Deadline für das Inkrafttreten dieser Liste
ist der 31. Dezember 2010. «Im besten Falle sollten 2521 Stoffe und rund 150 neu ange­meldete Substanzen auf der Gemeinschafts­liste erscheinen», sagt Cornelius Nussbaumer. Be­son­deres Bauchweh bereiten der Aroma­industrie 500 Substanzen, die in einer spe­ziellen Aromastoffgruppe zusammengefasst wurden. Diesen Stoffen werden vermutete ­genotoxische Eigenschaften zugeschrieben. «Die Wahr­schein­­lichkeit ist gross, dass diese Substanzen nicht termingerecht evaluiert werden können.»

EFSA verlangt zusätzliche Daten

Margreet de Haan, Frutarom Switzerland, hat Mühe mit der Art, wie die europäische Behör­­de für Lebensmittelsicherheit (EFSA), deren ­Meinung zu den Stoffen auf der Gemeinschaftsliste entscheidend ist, die Evaluation der Aromastoffe vorantreibt. Diese verlangt von den obgenannten Stoffen genotoxische Daten, die nur anhand von Tierversuchen durchgeführt werden können. Diese Studien sind sehr zeit- und kostenaufwendig. Die ­Europäische Vereinigung der Aromahersteller (EFFA) setzt alles daran, für diese noch nicht evaluierten Stoffe die fehlenden Daten der EFSA nachzureichen. Dazu muss man sagen, dass die EFSA im Laufe der Evaluationen ­immer wieder zusätzliche Daten verlangt hat, was die ganze Prozedur verlangsamte. In der Tat fragt sich, weshalb die EFSA für diese ungefähr 500 Stoffe eine genotoxische Evaluation verlangt, wenn man bedenkt, dass die JECFA, die Expertengruppe der WHO/FAO über Zusatzstoffe, nach Angabe der EFFA diese Stoffe bereits als unbedenklich eingestuft hat.

Aromenindustrie wartet ab

Für Cornelius Nussbaumer zieht das voraussichtliche Verbot dieser Stoffe einen enormen Zeit- und Geldaufwand der Aromenindustrie nach sich: «Da die meisten Aromen auf dem Markt aus rund 30 Substanzen zusammen­gesetzt sind, betrifft das Verbot eines Achtels aller Aromastoffe über 50% der Aromen.»
Das zieht bei der Industrie einen enormen Forschungs- und Entwicklungsaufwand nach sich. Daneben ist auch die administrative Seite nicht zu unterschätzen. Industriepartner ­müssen informiert und regelmässig auf dem Laufenden gehalten werden. Genau deshalb wartet die Industrie die definitive Entscheidung ab.
Margreet de Haan von Frutarom sagt dazu: «Wir beobachten die Situation genau und bereiten uns im Hintergrund natürlich entsprechend vor. Trotzdem hoffen wir immer noch, dass sämtliche ausstehenden Evalua­tionen bis zur Veröffentlichung der Gemeinschaftsliste von der EFSA abgeschlossen werden können.»

Sonderzug der Schweiz nicht zu erwarten
Die neue Aromenverordnung der EU wird 24 Monate nach Inkrafttreten am 20. Januar 2011 überall gültig sein. In der Zwischenzeit gilt die nationale Gesetzgebung. In der Schweiz sind die 24 Monate dringend nötig, denn ein Nachvollzug des EU-Rechts ist in diesem Falle kompliziert. Die Aromen sind bei uns als Zusatzstoffe eingestuft, in der EU als Lebensmittel. Deshalb sagt Daniel Dauwalder, Mediensprecher des Bundesamtes für Gesundheit: «Vorausgesetzt wir implementieren die Aro­men­verordnung der EU, werden wir selbstverständlich die Gemeinschaftsliste übernehmen. Denn bisher exis­tierte eine solche Liste in der Schweiz nicht». Was Dauwalder noch nicht weiss, ist, ob in der Schweiz nach wie vor ­vorgegeben wird, in welchen Lebensmitteln ­Aromen eingesetzt werden dürfen. Wobei er annimmt, dass die neue Aromenverordnung keine solche Anwendungsliste haben wird.
Eher keine Kontrolle über Analyse
Wie aber kann die Einhaltung dieser neuen Positivliste kontrolliert werden? Daniel Imhof, Kantonschemiker des Kantons Luzern, schliesst die Anwendung einer Routineanalyse aus. «Die Kontrolle über die Rezepturen ist viel effizienter. Wir haben das Recht, Einsicht in Rezepturen, Lieferscheine und Rechnungen zu verlangen und können so effizient und auf klarer Basis unsere Untersuchungen durchführen. Analysemethoden sind nicht geeignet, da hier zum Vornherein klar sein müsste, nach welcher Substanz gesucht werden muss.»

Keine Reaktion der Lebensmittelindustrie
Erstaunlich ist, dass diese Tatsachen, die seit einiger Zeit bekannt sind (siehe «Alimenta» 11/09), die Lebensmittelindustrie nicht zu beunruhigen scheinen. Weder Margreet de Haan noch Cornelius Nussbaumer haben viele Anfragen, welche Aromen betroffen sein könnten. Erstaunlich eigentlich, wenn man bedenkt, wie sorgfältig sich dieselbe Industrie an eine Senkung des Salzgehalts herangewagt hat, mit der Begründung, dass die Konsumenten einer Geschmacksänderung mit Unzufriedenheit begegnen.