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Nachhaltigkeit bei Fischfang und -zucht

Wettbewerb von Qualität und Angebot, auch bei Labelfisch

von Foodaktuell Importer




«Weniger Fisch essen», appelliert Heinzpeter Studer, Fachstellenleiter fair-fish. «Der Planet gibt einfach nicht genug her». Damit tritt er gegen die Empfehlungen von Ernährungs-Gurus an, die zu mehr Fischkonsum raten.

„Nachhaltige Fischfang/ bzw. Fischzucht“ war das Thema der bionetz.ch-GV 2009. Die Schweizer Bio-Plattform für Verarbeitungs- und Handelsunternehmen lud am Freitag, 4. 09. 2009 eine vielfältige Runde von Fachleuten und Interessierten an eine Tagung im Rahmen der Nachhaltigkeitsmesse Lifefair ein. Die angeregte Fachdiskussion zeigte: Aus Praxissicht ist v.a. die Verfügbarkeit eines breiten Qualitätsangebots wichtig. Dieses Ziel ist mit verschiedenen hochstehenden Nachhaltigkeitsstandards besser zu erreichen als mit einem Wahlfreiheit und Verfügbarkeit einschränkenden Monopol-Label.

Eine Standortbestimmung zeigte Angebote, Labels und Zertifizierungsprogramme und die Perspektiven für die weitere Entwicklung auf. Der Blickwinkel lag bei den Auswirkungen auf die Verarbeitungs- und Handelsunternehmen.

Fachleute gaben Inputs für eine praxisorientierte Diskussion. Toby Herrlich, Geschäftsleiter fish4future zeigte die langjährige Erfahrung seines im Grosshandel tätigen Familienbetriebs auf. Insbesondere in der Belieferung der Gastronomie trete die Bedeutung der einzelnen Labelprogramme in den Hintergrund, zumal sich sein Unternehmen ganzheitlich auf den Einkauf nach Nachhaltigkeitskriterien ausrichte. Herrlich setzte einen Kontrapunkt zur Labelsalat-Diskussion: „So viele Labels wie möglich! Mehrere Nachhaltigkeitsstandards können sich auch positiv auf die Qualität und die Anforderungen auswirken!“.


Michel Steiner, Einkaufsleiter Frisch-
Produkte Manor Food (www.manor.ch): Wir suchen immer neue Wege. Fisch ist wichtig, aber wir sind jetzt ebenfalls daran, die „Nahrung der Zukunft“ zu suchen. Damit starteten wir vor zwei Jahren auf der Suche nach neuen Wegen und neuen Produkten. Fortschritte brauchen aber extrem viel Zeit. Wichtig bei der Suche nach der Zukunftsnahrung sind Algen. Sie kommen auch aus dem Meer, aber sind anders als Fisch eine eher unerschöpfliche Quelle. Dies kann die Problematik rund um Fisch-Nachhaltigkeit vielleicht entschärfen.

Michel Steiner, Einkaufsleiter Frischprodukte Manor Food, gab eine ähnliche Einschätzung. Der Verkauf von hochstehendem frischem Fisch und Meeresfrüchten spielt in den Manor Food-Märkten eine grosse Rolle. „Wir haben uns zum Aufbau eines Vollsortiments nach Nachhaltigkeitskriterien entschieden“, so Steiner. „Das Nachhaltigkeitsprogramm „Friend of the Sea“ bietet uns das gewünschte Angebot.“

Hans Ramseier, Bio Suisse, Qualitätssicherung- und -Entwicklung stellte das Fischzuchtangebot vor, dass mit der Knospe erhältlich ist. Per Definition ist der Wildfang nicht biozertifizierbar, da Seen und Meere im Gegensatz zu Fischzuchtbetrieben nicht klar abgrenzbare Systeme sind. Die Bio Suisse habe keine Pläne, in diesem Bereich mit der Knospe aktiv zu werden, aber natürlich dennoch ein Interesse an der Etablierung hoch stehender Standards, so Ramseier.



Dr. agr. Andreas Stamer, Forschungsinstitut für Biologischen Landbau FiBL, Fachexperte Tiergesundheit (www.fibl.org): Das Problem ist unheimlich komplex und wir brauchen Lösungsansätze von ganz vielen Seiten. Wichtig ist das Bewusstsein etwas zu verändern in Richtung eines Paradigmenwechsels: Weniger Fisch, bewusster Fisch essen – ein Schritt in die richtige Richtung. Gleichzeitig müssen wir auch schauen, wenn wir ene breit abgestützte Lösung ansteuern wollen, dass wir diese Arbeit koordinieren. An der Algenzucht zum Beispiel wird seit Jahren gearbeitet, in Amerika seit Jahrzehnten. Ein sehr grosses Thema ist auch die Ernährung und die Nachhaltigkeit der Fischzucht. Allerdings ist Nachhaltigkeit ein sehr strapazierter Begriff. Man muss in die Details gehen, um wirklich zu sehen, was Nachhaltigkeit ausmacht. Und da hilft Forschungsarbeit.

Unter den versammelten Praxis-Fachleuten zeigte sich der weitgehend gestützte Konsens, dass sich Förderplattformen wie die WWF Sea Food-Group nicht nur auf die Förderung eines einzelnen Labelprogramms konzentrieren sollten, sondern sich für verschiedene Standards, wie etwa das weltweit grösste aber in der Schweiz kaum bekannte Programm “Friend of the Sea” öffnen müssen. Dies mit dem Ziel, durch die Förderung verschiedener Intiativen einen gesunden Qualitätswettbewerb sicher zu stellen. Dadurch müssen die gemeinsamen staatlichen und globalen Basisanforderungen weiter entwickelt werden, die bereits existieren, aber noch zu wenig weit gehen.

Hans Ramseier, Bio Suisse, Leiter Qualitätssicherung- und -Entwicklung (www.bio-suisse.ch) appelliert an die Konsumenten: Fragt beim Fischkonsum nach nachhaltigen Produkten und nach Labels, auch in der Gastronomie. Im Moment wird in der Schweiz sehr viel Fisch konsumiert ohne Wissen, woher er kommt. Das liegt auch daran, dass sich die Konsumenten nicht um die Nachhaltigkeit kümmern.

Andreas Stamer, Fachexperte Tiergesundheit beim FiBL, zeigte den Stand der Forschung. Er wies insbesondere auf die Fischfutterproblematik hin, die sich auch in der Biozucht stelle. Er verwies auf Forschungsarbeiten, bei denen vermehrt Futter auf pflanzlicher Basis (z.B. Algen) oder Insektenproteine (z.B. Fliegenlarven) im Zentrum stehen. Stamer dazu: „Dies entspricht oft der natürlichen Nahrung und entlastet darüber hinaus die Fischbestände.“ Wichtig sei auch, vermehrt die Fischzucht von pflanzenfressenden Fischen zu fördern, was ein entsprechendes Bewusstsein bei KonsumentInnen bedinge.

Die Organisation fair fish hat eigene Vermarktungsprojekte und setzt einen Schwerpunkt beim Tierschutz, namentlich den Tötungsmethoden. Heinzpeter Studer, Fachstellenleiter von fair-fish kommentierte die Ernährungsempfehlung „Viel Fisch essen“ und stellte die kritische Frage „Woher sollen die Fischmengen kommen?“ Sein Rat: „Kauft Omega-3-Kapseln auf Algenbasis, denn auch die Fische beziehen es von den Algen!“


Heinzpeter Studer, Fachstellenleiter fair-fish (www.fair-fish.ch)
Ich möchte alle Akteure – ob Konsumenten, Anbieter, Label-Inhaber – auffordern, den Fisch anders wahrzunehmen: als Luxusprodukt, nicht als Massenware. Etwas, das man mit Genuss isst. Ein Produkt, das man nicht täglich isst. Dafür darf es mehr kosten und ich gebe ihm mehr Zeit bei der Zubereitung. Es wäre ein Paradigmenwechsel, wie man mit Fisch umgehen sollte in einem Land wie der Schweiz, in dem Fisch ja keine lange Tradition hat.

(Text: Peter Jossi, Bilder: Gotthard Klingler, Bildlegenden: Erika Schumacher)

Siehe auch bionetz.ch-Hintergrundbericht Nr.: 256, “Welcher Fisch darf auf den Tisch?” von Matthias Wiesmann. www.bionetz.ch und www.lifefair.ch

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