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«Ich will am Reformkurs festhalten»

Seit rund 50 Tagen führt Jacques Gygax die Geschäfte des Verbandes der gewerblichen Milchverarbeiter – genug Zeit, um sich mit dem Milchmarkt, der Beziehung zur EU oder Fromarte an sich zu befassen.

von Alimenta Import

Alimenta: Mitte August haben Sie das Direk­torium von Fromarte übernommen. Wie fühlen Sie sich?
Jacques Gygax: Sehr gut. Meine Aufgabe gefällt mir. Sowohl die Mitarbeiter der
Geschäftsstelle als auch die Fromarte-
Mitglieder haben mich positiv empfangen.

Zu Ihrem breiten Arbeitsfeld gehört die Organisation des Milchmarktes. Am letzten Donnerstag fand eine Sitzung der Arbeitsgruppe «Mengenführung» der Branchenorganisation Milch (BO Milch) statt. Worüber wurde diskutiert?

Nachdem sich der BO-Milch-Vorstand für das dreistufige System mit den Instrumen­ten Vertragsmilch, Börsenmilch und Markt­abräumung ausgesprochen hat, haben wir über die Details debattiert.

Dazu dürfte die Festlegung der Vertragsmenge gehören, die sehr umstritten ist.
In der Tat. Eine Mehrheit der Vertreter der Milchproduzenten möchte, dass beispielsweise die BO Milch darauf Einfluss nimmt.

Was wollen die Verarbeiter?
Wir, Fromarte, aber auch die Vertreter der Milchindustrie, wehren uns gegen eine ­privatrechtliche Einschränkung der Vertragsfreiheit, nachdem die staatlichen Kontingente abgeschafft wurden.

Der BO-Milch-Vorstand hat sich auch für eine Vertragspflicht zwischen Erstmilchkäufern und Verarbeitern ausgesprochen. Weshalb?
Es hat sich gezeigt, dass die Vertragsmenge der Erstmilchkäufer, häufig sind das Produzentenorganisationen (PO), grösser sein kann als die von den Verarbeitern gekaufte.

Welche dieser Mengen soll künftig als Vertragsmenge gelten?
Meiner Meinung nach ist es diejenige, die von den Verarbeitern mit ihren Lieferanten vertraglich vereinbart wurde. Wenn also eine PO ihren Produzenten die Abnahme von 120 Mio. Kilo Milch vertraglich garantiert, sie ihrerseits aber nur für die Hälfte davon Abnahmeverträge abgeschlossen hat, muss sie dafür geradestehen und 60 Mio. an der Börse verkaufen. Das ist ihr Risiko, das sie eingegangen ist.

Reicht es, dieses dreistufige System innerhalb der Branchenorganisation als verbindlich zu erklären? Oder braucht es eine durch den Bund verordnete Allgemeinverbindlichkeit, um alle zum Mitmachen zu zwingen?
Zwar war die Milchbranche fähig, die Markt­abräumung mit der 5-Prozent-Regel selber durchzusetzen. Aber aus politischen Gründen wäre es nun besser, dem Bundesrat eine Allgemeinverbindlichkeit zu beantragen.

Inwieweit betreffen die Milchmarkt-Diskussio­n­en überhaupt die gewerblichen Verarbeiter, die Fromarte angehören?

Die Sortenkäse verfügen über ihre Refe­renz­mengen und damit über Verträge zwischen Produzenten und Verarbeitern. Die Dis­kussionen werden dann wichtig, wenn die Käse­produktion eingeschränkt werden muss. Nach den vorliegenden Plänen muss die nicht verkäste Milch an der Börse abgesetzt werden.

Unter diesen Vorzeichen müsste sich Fromarte nicht so stark in der BO engagieren.
Doch. Wir sind interessiert daran, dass der Milchmarkt in geregelten Bahnen verläuft. Und wir wollen dafür kämpfen, dass die Branche einen Schritt vorwärts und keinen zurück in alte Zeiten macht.

Sie haben schon als Miba-Geschäftsführer Farbe bekannt und sind dem Verein Schweizer Milch beigetreten, was Ihnen harsche Kritik eingetragen hat. Was ist aus dem Verein geworden?

Der befindet sich im Standby-Modus. Der Vorstand hat die Möglichkeit, ihn innert Jahresfrist aufzulösen.

Zu Ihren Aufgaben gehört auch die politische Vertretung von Fromarte, beispielsweise beim Agrarfreihandel mit der EU. Er steht derzeit arg im Gegenwind. Ist das Abkommen gefährdet?

Die Opposition ist lauter geworden. Aber ein Freihandelsabkommen ist gerade für
die Milchwirtschaft nach wie vor eine gute ­Perspektive. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass sich unsere Preise an das EU-Niveau an­nähern werden. Und wir übernehmen die gemeinsamen Gesetze der EU. Aber wir werden auch künftig noch mit Schweizer Kosten produzieren müssen. Das heisst, ein Freihandelsabkommen entspricht für die Land- und Milchwirtschaft faktisch einem EU-Beitritt – mit Ausnahme des Kosten­umfeldes. Man kann sich deshalb sogar die Frage stellen: Wäre ein EU-Beitritt nicht die bessere Alternative? Diese Frage steht zurzeit jedoch nicht im Raum und soll nicht unnötig provozieren. Ein Tabu soll sie aber auch nicht sein.

Der Käsemarkt ist ohnehin schon liberalisiert – mit durchzogener Bilanz.
Die Wirtschaftskrise trägt das Ihrige dazu bei. Trotzdem müssen wir im Export akti­ver werden. Die Energie, die die Freihandels­gegner für ihre Opposition verwenden, soll­ten sie in eine bessere Marktpositionierung investieren. Aber – das ist eine Tatsache – die schweizerische Milchwirtschaft verliert Marktanteile.

Wer muss Gegensteuer geben?
In erster Linie sind Handel und Verkauf gefordert. Unter Umständen müssen wir mehr Geld in die Verkaufsförderung investieren.

Was steuert Fromarte dazu bei?
Die Organisation muss die Stossrichtung im Inland vorgeben. Dazu gehört, in den Sorten­organisationen Einfluss zu nehmen. Schweizer Käse soll die Marktanteile nicht nur halten, sondern ausbauen.

Ausschliesslich mit Premium-Produkten, die eine geografische Ursprungsbezeichnung aufweisen? Oder soll es auch industriell hergestellter Käse sein?

Ich bin überzeugt von der Qualitätsstrategie. GUB-Rohmilchkäse hat Potenzial. Unsere Chance liegt nun einmal in dieser Sparte. Es gibt aber Platz für anderes; seien es Spezialitäten oder auch gewisse Billigkäse.

Als Sie sich im Frühling den Fromarte-Delegierten als neuer Direktor vorstellten, haben Sie ­angekündet, ein grosses Gewicht auf die Dienstleistungen für die Mitglieder zu legen. Was konnten Sie davon umsetzen?

Im Zentrum steht das Handbuch für das Qualitätsmanagement, worauf wir ein sehr gutes Echo erhalten haben. Es wird bald auch online verfügbar sein. Nach wie vor aus­stehend ist ein Entscheid des Bundesamtes für Gesundheit, das Handbuch als Branchen­leitlinie zu akzeptieren. Und mit der Umsetzung, beispielsweise der Organisation der Akkreditierung und der Kontrollen, sind wir im Rückstand. Dieser Schritt ist wichtig für die Akzeptanz durch den Handel.