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Den Letzten beissen die Hunde

von Alimenta Import

Ist Landwirtschaft ohne Familienbetrieb überhaupt denkbar? Für einen längeren Artikel zum Thema weilte ich kürzlich auf einem grösseren Landwirtschaftsbetrieb in der Region Bern. In ­längeren Gesprächen mit Bauer, Bäuerin, Jungbauer und Grossmutter haben wir unter anderem die eingangs erwähnte Frage diskutiert. Das Fazit war klar: Ohne Familienstruktur geht es nicht.
Für diesen Sachverhalt spricht unter anderem
die Tatsache, dass die Experimente mit Staats­landwirtschaft im realen Sozialismus kolossal ­gescheitert sind.
Man braucht aber nicht Beispiele aus der ­Kollektivierungszeit zu bemühen, um die These zu ­untermauern. Ein Blick auf die gegenwärtige Schweizer Landwirtschaftspolitik genügt. Klar könnte man einen Bauernhof wie einen Gewerbebetrieb führen, aber das lässt sich schlicht nicht bezahlen.
Der Meisterbauer, den ich besuchte, findet es «fast hinterlistig», wie selbstverständlich sehr komfortabel bezahlte Behörden und Verwaltung die Gratisarbeit der zahlreichen Familienhände auf den Bauernhöfen mit einkalkulieren. Man ­verlange ständig Innovation und Rationalisierung, sagt der Bauer. Aber dass Konzepte wie Ferien auf dem Bauernhof, Schlafen im Stroh, Direkt­verkauf und Schule auf dem Bauernhof nur ­funktionieren, wenn der Stundenlohn gegen null tendiert, davon redet man ungern, wenn bei der Verleihung von Innovationspreisen schöne Reden gehalten werden.
Der Berner Bauer hat ein anderes Beispiel zur Hand: «Wenn ich ein Haus baue, dann wird kalkuliert. Der Aushub kostet so und so viel, der Maler so viel und das Haus unter dem Strich deshalb die Summe dieser Kosten.» Beim Bauern sei es umgekehrt. Dort geht die Kalkulation vom Ladenpreis aus, die ganze Wertschöpfungskette nimmt ihre Marge und am Schluss bleibt dem Landwirt der Rest, und daraus kann er sich seine Arbeit ­finanzieren. So erhalte er zum Beispiel für das Getreide ganze 14 Rappen von einem Franken, den der Konsument fürs Brot ausgibt. Den Letzten beissen die Hunde, oder eben die Bauernfamilie.