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Europa verliert an Marktanteilen

Die europäische Milchwirtschaft dominiert den Welthandel zwar noch ­immer, sie büsst aber rasch Marktanteile ein. Weshalb? Wegen der Milchquote. Zu diesem Schluss jedenfalls kommen niederländische Forscher.

von Alimenta Import

Der Weltmilchmarkt wuchs in den vergangenen Jahren schneller als die Ausfuhren der Europäischen Union. Grösster Profiteur dieser Entwicklung ist ­Neuseeland, dessen Milchpulverproduktion inzwischen fast an das europäische Niveau heranreicht. Das geht aus einer Vergleichs­studie hervor, die das Landbauökonomische Institut (LEI) der niederländischen Universität Wageningen für die EU-Kommission und die Milchindustrie erstellt hat und die Mitte August veröffentlicht wurde.

Pulver in Neuseeland, Käse in der EU

Zwar ist die EU nach wie vor der weltweit grösste Exporteur von Milchprodukten. Doch ihr Anteil am Weltmilchmarkt schrumpft. Während die EU wertmässig Mitte der 1990er-Jahre noch 79 Prozent ihrer Milcherzeugnisse ausführte, waren es zwischen 2004 und 2006 noch 72 Prozent. Dies entspricht einem Warenwert von 31,8 Mrd. ­Franken. Australien und Neuseeland führen Milchprodukte im Wert von 5,7 Mrd., Kanada und die USA von 1,7 Mrd. Franken aus. Mengenmässig ist der europäische Anteil am ­Weltmarkt in diesem Zeitraum von 18 auf 14 Prozent zurückge­gangen. Australien und Neuseeland haben in ­derselben Periode stark aufgeholt.

Um dem grossen Exportwachstum Neuseelands, das vorwiegend auf Milchpulver setzt, entgegentreten zu können, spezialisieren sich die Milchverarbeiter der EU mehr und mehr auf die Produktion von Käse. Vom ­Weltkäsemarkt stammen inzwischen 45 Prozent aus Frankreich, den Niederlanden und Deutschland.
Demgegenüber haben sich die Vereinigten Staaten und Kanada entschieden, ihre Marktposition mit der gesamten Produktpalette (Milchpulver, Käse und Butter) zu verteidigen, mit der Folge, dass Kanada Anteile am Weltmarkt verliert.

Auch Parameter wie die Grösse der Milchproduktionsbetriebe wurden in der ­Studie verglichen. Dabei zeigte sich, dass seit dem Jahr 2000 die Betriebe der Milacahbauern gerade in Italien, Grossbritannien und in den Niederlanden stark gewachsen sind. Deutsche und französische Milchbauern expandierten in dieser Periode weit weniger. Hingegen wuchs dort die Wertschöpfung pro Betrieb überproportional stark an.

Grosse wachsen schnell, kleine langsam
Nicht nur die Milchproduzenten, auch die Verarbeiter setzen teilweise auf Grösse. Gerade im Nordwesten Europas wird die Milchin­dus­trie von grossen Unternehmen dominiert, während die Milchverarbeitung in Frankreich und Deutschland klein oder mittelgross strukturiert ist. Es gibt nur eine kleine Zahl von grossen Industriebetrieben. Ähnlich zeigt sich das Bild in Italien, dem Land, das in der ­ Studie mit der grössten Zahl an neuen Milchverarbeitern aufwartet.

Generell wachsen die kleinen und mitt­leren Betriebe in der gesamten EU nur langsam. Die Grossen tendieren aber dazu, durch ­Fusionen und Übernahmen rasch von der Economie of Scale, dem Grösseneffekt, zu profitieren. Am beliebtesten sind Übernahmekandidaten, die sich mit Produktinnovationen profilieren. Oft sind die Übernahmekandidaten kleinere Firmen, denen die Kosten für die Marktbearbeitung zu hoch geworden sind.

Die Entwicklung neuer Produkte gehört zu den grossen Stärken der EU-Milchverar­beiter. Im Innovationsbereich sind britische, französische und dänische Firmen führend. Weniger innovativ seien die Europäer im Marketing, Processing und in der Optimierung von Organisationen, heisst es in der Studie des LEI.

Die These, wonach innovative Unternehmen grössere Gewinne ausweisen könnten, konnte indes durch die Wissenschaftler nicht erhärtet werden. Hingegen wurde nachge­wiesen, dass grössere Unternehmen einen grösseren Umsatzzuwachs erwirtschafteten als kleinere. Diese Erkenntniss könnte gemäss den Studienverfassern darauf hinweisen, dass Gewinne, die durch Innovationen erzielt werden, rasch in eine verbesserte Wettbewerbs­fähigkeit dieser Produkte investiert werden. Das heisst, die neuen Produkte werden rasch billiger, was zur Folge hat, dass die Konsumen­ten am meisten von Innovationen profitieren.

Manko durch Produktivität wettgemacht
In den meisten EU-Ländern haben sowohl die Arbeitsproduktivität der Milchindustrie als auch deren Umsätze in den letzten Jahren zugenommen. Die gesteigerte Arbeitsproduktivi­tät sowie die im Allgemeinen verbesserte Wertschöpfung haben dazu beigetragen, dass der Marktanteilsverlust der europäischen Milchindustrie insgesamt kompensiert werden konnten.

In der Bewertung der Wettbewerbsfähigkeit figuriert die Milchindustrie in der Europäischen Union knapp unterhalb des ­globalen Durchschnitts. Dies trotz dem Verlust von Marktanteilen. Weil Neuseeland ­massiv Marktanteile gewonnen hat, ist die dortige Milchindustrie an der Spitze der Wettbewerbsfähigkeit-Skala. Die USA punkten in allen berücksichtigten Wettbewerbsindikato­ren, obwohl sich dort die Unternehmen nicht spezialisiert haben. Australien hat seine Position dank einer grösseren Wertschöpfung in den letzten Jahren verbessert, Kanada hingegen hat auf der ganzen Linie verloren. ­Brasilien ist nach wie vor unbedeutend auf dem Weltmarkt.

Innerhalb Europas sind die Unternehmen Österreichs, Italiens und Grossbritanniens am wettbewerbsfähigsten. Aussergewöhnlich ist die Situation in Grossbritannien, wo die ­Milchquote nicht vollständig ausgeschöpft wird. Der Zuwachs der Wertschöpfung ist dort zwar gering, aber die Briten haben in der Arbeitsproduktivität sehr stark zugelegt.

Szenarien der Zukunft
In der Studie wurde auch untersucht, wie sich eine neue politische Ausrichtung auf die europäischen Unternehmen im Weltmarkt auswirken könnte. Ebenfalls wurden die Auswirkun­gen eines allfälligen Abkommens der Welthandelsorganisation WTO aufgezeigt. Die Aufhebung der Milchlieferquote, die für das Jahr 2015 vor­gesehen ist, würde demnach einen positiven Effekt auf Europa haben. Der Grund dafür liegt in der steigenden weltweiten Nachfrage nach Milch und nach Milchprodukten. Ohne Quote würde die EU vor allem die Position Neuseelands und Australiens angreifen.

Eine vollständige Liberalisierung des Welthandels würde viele EU-Bauernbetriebe unrentabel machen, was das Produktions­volumen der EU senken würde.

Die Wissenschafter gehen davon aus, dass unter der vollständigen Liberalisierung die Wertschöpfung der EU-Lebensmittelverarbeiter konstant bliebe, gleichzeitig Australien und Neuseeland weiter aufholen könnten. Auch wird erwartet, dass sich Chinas Position kaum verbessern würde: Dadurch, dass der Wohlstand der chinesischen Bevölkerung ­stetig wächst, wird sie die Mehrproduktion von Milch und Milchprodukten gleich selber konsumieren.