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Logistikerfahrungen mit Aldi & Co.

Discounter setzen voll auf «regalgerechte Verpackungen» (SRP). In ­Schweizer Vollsortiments-Supermärkten testet man die Vorteile des ­Systems, ohne am traditionellen Ladenbild allzu fest zu rütteln.

von Alimenta Import

Discounter sind nicht nur «billige Jakobs»; bei ihnen lernt der etablierte Detailhandel auch sparen. Der Dauertiefpreis bei Aldi und Lidl ist Ausdruck eines rigorosen Kostenmanagements in der Filiale und in der Logistik: Das Warensortiment ist schmal und überschaubar, die Verkaufsflächen sind klein und die Warenpräsentation ist einfach. Ein Mittel, um die Kosten am Verkaufspunkt tief zu halten, heisst «Shelf Ready Packaging» (SRP): Dank einfachen Öffnungsmechanismen lassen sich die Schutzhauben der Wellkarton-Transportverpackungen ohne Werkzeug-Einsatz entfernen und nach Abverkauf des Inhalts durch einfaches Zusammenfalten leicht entsorgen. Zum Konzept gehört auch eine attraktive Gestaltung der Aussenhülle.
Tatsächlich sind die Verpackungsspezialisten heute in der Lage, Umverpackungen
zu produzieren, die sowohl ästhetischen wie funktionalen Kriterien optimal genügen: Schweizerische Wellpappehersteller bieten ­ihren Kunden aus der Konsumgüterindustrie schon seit Längerem Schutzverpackungen mit integrierten Trays (Mulde zur Fixierung der Ware) in jeder Form und in allen Dimen­sionen an. «Mit dem Eintritt von Aldi und Lidl in den Schweizer Markt ist eine zusätzliche Nachfrage nach SRP entstanden, die wir mit unserem Know-how gerne abdecken», sagt Hansulrich Brauchli, Geschäftsführer der Schelling AG in Schafisheim: «Häufig wird Wert darauf gelegt, dass Regalbehälter auch dann noch gut aussehen, wenn sie halb leer verkauft sind.» Dies geschieht durch hochwertiges Bedrucken der Innenseite des Wellkarton-Trays. Die bequeme Produktentnahme ist eine weitere Forderung an ein gutes SRP-Konzept. Hierzu dienen beispielsweise gestanzte Behälter mit U-förmigen Öffnungen auf der schmalen Seite.
Discounter ist König Kunde
Man rufe sich in Erinnerung: Im Frischebereich dominierten noch vor kurzem die x-fach verwendbaren Kunststoffgebinde der Grossverteiler zur Belieferung der Kühlregale. Nun setzen gerade bei Frischprodukten die Harddiscounter auf Schweizer Ware. So präsentiert Aldi Schweizer Hartkäseportionen in einer durchaus adrett gestalteten Shelf-Ready-Box. Der Discounter gibt das Design vor. «Regal­vorgaben und Design sind je nach Kette individuell. Deshalb ergeben sich kunden­spe­zi­fische SRP-Lösungen. Und diese sind Teil unserer Produktionskosten», wie ein Käse­affinage-Unternehmen aus dem Kanton Zug mitteilt.
Schweizer Zulieferer, die mit den neuen Handelspartnern ins Geschäft kommen wollen, halten sich mit Kritik zurück. Denn mit den Harddiscountern eröffnen sich für kleine und mittlere Betriebe neue attraktive Absatzkanäle, und die Beziehungen zum Abnehmer möchte man sich durch eine journalistische Anfrage nicht verderben. «Zum Glück gibts Aldi, sonst würden noch mehr KMU zu Grund gehen», lässt sich der Inhaber einer Ostschweizer Metzgerei entlocken. Ungeachtet der Grösse und der Einzelverpackungsform (Tiefzugschale, Schlauchbeutel usw.) dominieren bei Wurstwaren und Käse eine gleich dimensionierte, gut beschriftete Umverpackung mit Sichtfenster und abgeflachtem Rand auf der Entnahmeseite. Andererseits braucht es bei Fertigsalaten in Tiefzugschalen wieder eine individuell konstruierte Umverpackung, die aber mit zwei Sorten befüllt ­werden kann. Das Einwegsystem lohne sich bei Grosskunden, bestätigt der Key-Accounter eines Convenience-Spezialisten in Lenzburg, während die Tankstellenshops noch immer
im Mehrwegbehälter beliefert würden. Anders eine Molkerei, die Joghurts für alle (Discount, Kleinkunden) jetzt durchwegs in 10er- und 20er-Kartoneinsätzen zustellt.

Fehlende Standardisierung
Hingegen haben einige Hersteller manchmal die knifflige Aufgabe, ihre Produkte für Exportkunden in regaltauglichen Behältnissen bestimmter Grösse bereitzustellen, währenddessen sie sich in der Schweiz je nach Absatzkanal wieder anderen SRP-Vorgaben beugen müssen. «Ineffizienzen gibt es noch sehr viele», sagt Valentin Wepfer, Geschäftsleitungsmitglied beim Fachverband GS1 Schweiz. «Wenn der Schweizer Detailhandel SRP im grösseren Stil umsetzen will, würde sich eine gewisse Standardisierung lohnen.» Für Grossverkaufsflächen ausländischer Handelsketten hätten sich zumindest Beinahe-Standards für gewisse Packungsgrössen herausbilden können. Im Vergleich zum begrenzten Bedarf in der Schweiz nach Shelf-Ready-Lösungen sei die Nachfrage danach bei den zahlreichen euro­päischen Handelsketten wesentlich grösser, führt Wepfer weiter aus. Ein Standard, der
auf Schweizer Bedürfnisse Rücksicht nehmen würde, wäre die Voraussetzung, dass SRP sich auch für hiesige Marktakteure sinnvoll umsetzen liesse.

Homöophatische SRP-Versuche bei Coop
Ob sich das SRP-Konzept im Schweizer ­Detailhandel insgesamt durchsetzen wird? Immerhin ist im Land der (von innen) schönen Supermärkte diese Frage auch unter dem ästhetischen Aspekt zu diskutieren. Coop nutzt explizit bei grossen Verkaufsflächen die Vorteile des Shelf-Ready-Konzepts der Warenpräsentation nach ganz bestimmten Gesichtspunkten. «Vorteile ergeben sich vor allem bei Aktionen (beispielsweise für Pomy Chips), um grosse Mengen abzusetzen. Durch die Präsentation in vorkonfektionierten Trays ­verringert sich der Aufwand der Verkaufsstelle», teilt Coop-Mediensprecherin Denise Stadler mit.
Kleine, flache Artikel (wie Tiernahrung in Aluschalen) kommen in Karton-Display-Aufbauten an der Stirnseite der Regalmöbel besser zur Geltung. Und schliesslich unterstützen kleindimensionierte Umverpackungen und Halterungen die Warenpräsentation unstabiler Artikel (Thomy-Senftuben, Beutelsuppen, Käsescheiben).