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Produktivität verbessern

Der Nahrungsmittelbedarf der Weltbevölkerung wird sich bis 2050 ver­doppeln. Dazu braucht es neue Rahmenbedingungen wie klare Regelungen, fairen Handel, interdisziplinäres Denken, verbesserte Produktivität.

von Alimenta Import

In einem Interview mit «Alimenta» spricht Bernhard Lehmann über seine Ideen, wie die Sicherheit der Nahrungsmittelversorgung in den nächsten 50 Jahren gewährleistet werden kann. Bernhard Lehmann ist Professor an der Abteilung für Agrar- und ­Lebensmittelwissenschaften der ETH Zürich. Er liest am Institut für Umweltentscheidun­gen, wo er sich mit der agrarischen Nutzung natürlicher Ressourcen und den damit verbundenen Wertschöpfungssystemen im Nahrungs­mittelsektor befasst. Er war Gesprächsleiter
an der vom VIAL organisierten Podiums­dis­kussion.

Alimenta: Welche Wege sehen Sie, die globale Nahrungsversorgung in den nächsten Jahrzehn­ten zu sichern?
Bernhard Lehmann: Es besteht die Hypothese, dass im Zeitraum 2050 ungefähr zweimal so viel Kalorien und Proteine gegessen werden wie heute. Man geht davon aus, dass 20% über eine Agrarflächenausdehnung und 80% über eine Verbesserung der Produktivität und Einsparungen von Verlusten zu erreichen sind. Entscheidend wichtig ist die Verbesserung des Zugangs zur Nahrung in den Entwicklungsländern.

Was sollte sich dafür verändern?
Es braucht eine bessere Verfügbarkeit der Nahrungsmittel dort, wo die Bevölkerung effektiv ist und wächst. Dazu muss die lokale Landwirtschaft in den Entwicklungsländern mehr und besser produzieren und den Zugang zum Markt haben. Auch müssen es die Anbaumethoden, die Verfahren, das Saatgut und die Düngung ermöglichen, die Effizienz zu erhöhen, das heisst mehr zu produzieren und dabei die natürlichen Ressourcen zu schonen, und zwar besser zu schonen als heute. Aber auch der Weltagrarhandel muss so umreguliert werden, dass die Entwicklungsländer bessere Voraus­setzungen haben, das zu exportieren, was sie lokal produzieren. Da­zu müssen auch vor Ort institutionelle Änderungen vorgenommen werden.

Welche Rolle kommt dabei der FAO zu?
Die FAO hat viele Aufgaben. Erstens ist sie die wichtigste Monitoringstelle für Landwirtschaft und Ernährung auf der Welt. Die dort erstellten Statistiken ermöglichen, sich ein Bild über die gesamte Situation zu verschaffen. Zweitens ist sie der Ort, wo sich Fachleute aus allen Ländern treffen, um Problemlösungen auszuarbeiten, sei es für die internationale oder die nationale Agrarpolitik oder auch für Unterstützungs­projekte. Drittens führt die FAO sehr viele Projekte zu Unterstützung der Landwirtschaft und  der Ernährung in Entwicklungsländern durch.

Welchen Einfluss wird die Welthandelsorganisation WTO auf dieses Geschehen haben?
Die WTO ist der Ort, wo multilaterale Abkommen zur Harmonisierung des Welthandels angestrebt, ausgehandelt und umgesetzt werden. Die Prämisse ist dabei, dass ein funktionierender Welthandel ohne zu viele Hindernisse letztlich allen dient, indem er global Wohlstand generiert. Im Bereich Landwirtschaft heisst dies, dass heute in ­erster Linie Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit die Entwicklungsländer ihre Landwirtschaft für die künftigen Bedürfnisse hochfahren können. Dazu braucht es eben auch devisenbringende Agrarexporte. Dafür ist geplant, die schädlichen Exportsubventionen abzuschaffen und auch den Marktzugang zu verbessern.

Welche Rolle kann die Schweiz spielen?
Die Schweiz ist ein wichtiger Agrarim­por­teur, dies ist an sich schon positiv für
die Entwicklungsländer. Auch hat die Schweiz – wie die EU – ein Zollpräferenzabkommen mit den 50 ärmsten Staaten. Die Schweiz kann die Entwicklungshilfe und -zusammenarbeit ausbauen und dabei den Anteil zugunsten der Landwirtschaft und Ernährung von rund 5% wieder ausbauen, wie es früher war (10 bis 15%). Die Agrar­forschung in der Schweiz befasst sich stark mit Fragen der Entwicklungsländer, sowohl im biologisch-agronomischen wie im sozio­ökonomischen Bereich. Es geht unter an­de­rem auch darum, Pflanzeneigenschaften so weiterzuentwickeln, dass sie eine bessere  Trockenheitsresistenz oder einen besseren Nährgehalt aufweisen. Im ökonomischen Bereich spielen die institutionellen und wirtschaftlichen Bedingungen als Voraussetzungen für die Planung und die Investi­tionen eine zentrale Rolle.

Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach die ­Lebensmittelindustrie und -verarbeitung in ­diesem Kontext? Und wie werden Schweizer ­Unternehmen daran teilnehmen?
Die Lebensmittelindustrie der Schweiz ist weltweit stark verknüpft. Mit den Lebensmittelstandards haben die beschaffende ­Industrie und der Handel einen grossen Einfluss auf die Landwirtschaften der Lieferländer. Dies kann teils den Fortschritt vor Ort unterstützen, aber auch zugleich ein nicht tarifäres Handelshemmnis darstellen. Internationale Unternehmungen investieren auch in Entwicklungsländer. Dort werden sie lokale Rohstoffe verarbeiten. Bekannte Schweizer Unternehmungen und in der Schweiz tätige Lebensmittelindustrien haben im Rahmen ihrer Corporate Social ­Responsability grosse Anstrengungen zugunsten der lokalen Landwirtschaft und der Förderung von deren Nachhaltigkeit unternommen.

Wie schätzen Sie den Einfluss der WTO und eines FHAL-Abkommens auf die Schweiz ein?

Die Schweiz als Volkswirtschaft würde profitieren, die Landwirtschaft und die Lebensmittelindustrie müssten sich neuen Bedingungen anpassen, um ihre Wettbewerbs­fähigkeit unter diesen Bedingungen aufrecht zu erhalten. Je besser dies gelingt, ­desto grösser der Marktanteil der Schweiz. Mangelnde Anpassung würde schnell zu einem Abbau der Wertschöpfung führen.

Wie bereitet eine Hochschule ihre Studenten auf die grosse Herausforderung zwischen vertieftem technologischen Wissen und interdisziplinärem Denken vor?

Die ETH ist eine technische Hochschule, in welcher die Lehre auf Forschung aufbaut. Forschung ist primär disziplinär. Auf dieser Disziplinarität aufbauend, fördern wir die Zusammenarbeit zwischen den disziplinä­ren Zugängen in Projekten. Auch die Forschung hat stets eine interdisziplinäre Komponente, indem Projekte kaum mehr isoliert, sondern im Verbund angegangen bzw. auch finanziert werden. Die ETH Zürich fördert zudem die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft.