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Geniessen und entdecken

Detaillisten im urbanen Umfeld sehen sich hohen Erwartungen gegenüber. Fachberatung und erstklassige Produktqualität wird vorausgesetzt. Was Neugierige ins Geschäft lockt, ist das einmalige Kundenerlebnis.

von Alimenta Import

Wer Genuss entdecken und erleben will, braucht nicht die Grossstadt aufzusuchen. Ein kleines kulinarisches Paradies lässt sich auch in der Agglomeration verwirklichen. Das Feinkostgeschäft «Gnuss-pur» an Thalwils Gotthardstrasse liegt in unmittelbarer Nähe zur Passerelle, die zum stark frequentierten Bahnhof führt. Auf einer Fläche von 320 m2 bietet sich dem Besucher eine breite Palette von Möglichkeiten, kulinarische Genüsse zu sehen, zu hören, zu riechen und schliesslich auch zu kosten. Das Zentrum des Ladens wird von der eckigen U-Form dreier Bedientheken dominiert.
Hier geschieht das tägliche Schauspiel
des Lebensmittel-Handwerks und -Verkaufs: Rindfilets werden in Tranchen geschnitten, Käse gerieben, Traiteursalate aus den Schüsseln in Becher abgefüllt und vieles mehr. ­Wendet sich der Blick nach rechts, kommen die Backwaren ins Blickfeld. Verfolgt das Auge die langgezogene Bäckerei-Verkaufsfläche nach hinten, entdeckt es im Hintergrund einen Gang, wo eine Imbissecke zum Verweilen einlädt. An den Wänden des geräumigen, recht­eckigen Ladengeschäfts wechseln sich Regalmöbel mit Stufenkühlern ab, wo Kunden in Selbstbedienung Teigwaren, Saucen, Zutaten für Fleischgerichte, Antipasti, Joghurts, ja ganze Geschenkkörbe entnehmen können. Fast etwas eigenartig erscheint dem Betrachter, wenn junge Damen mit einem vollen Teller an den Auslagen vorbei flanieren und den Imbiss­tisch aufsuchen.
Ein klares Zeichen, dass jeden Moment die zweite Takeaway-Rushhour im «Gnuss-pur» beginnt. Zur Mittagszeit bietet das Geschäft zwei warme Mahlzeiten an, wovon nicht weniger als 60 Portionen verkauft werden. Zeitgleich decken sich Passanten bei
der Bäckerei mit Brötchen und Fertigsalaten ein. Doch sehr belebt ist «Gnuss-pur» in den ­frühen Morgenstunden. Dann holen sich nämlich zahlreiche Pendler ihre Znünis und Take-away-Kaffees in der integrierten Bäckerei-Filiale, die schon ab 6 Uhr bedient wird.

Zwei Gewerbler spannen zusammen
«Wir hatten Glück», erinnert sich Marcel Kraus, Inhaber und Metzgermeister sowie ­Initiator der Genussinsel am Zürichsee: «Die zentrale Lage akzentuierte sich noch, als die Post an die Einkaufsmeile von Thalwil zog und vis-a-vis von uns eine Bäckerei-Filiale eingerichtet wurde». Zudem befand sich in Fortsetzung zur Metzgerei ein Milchgeschäft. Dessen Inhaber gab 2002 altershalber auf, sodass sich Kraus entschloss, auch Milchfrischprodukte und Käse ins Sortiment aufzunehmen. «Ich hatte Riesenerfolg damit; die Produkte brachten mir deutlich mehr Frequenz», sagt sich Kraus.
Im zu klein gewordenen Ladengeschäft, das er seit 1987 mit seiner Frau führte, platzte alles aus den Nähten. Kraus, dem die Liegenschaft am Traumstandort gehört, wollte die Verkaufsfläche erheblich vergrössern, das Angebot erweitern und Platz für eine kleine Verpflegungsstätte schaffen. Hansruedi Kölliker, der bekannteste Bäcker-Konditor in Thalwil mit drei Filialen, war Kraus’ Wunschpartner. «Er musste sich entscheiden und seine Filiale auf der anderen Strassenseite schliessen. Ich hätte die vergrösserte Lokalität mit jemand anderem teilen müssen», sagt der unternehmerische Metzger. Anfänglich wollten die ­beiden Gewerbetreibenden eine gemeinsame Aktiengesellschaft gründen. Das habe sich aber schnell als ein zu komplizierter Entwurf erwiesen, da die beiden Partner Lebensmittel-Lieferungen an ihre gemeinsame AG hätten fakturieren müssen. Allein die Mehrwertsteuer-Abwicklung wäre viel zu personal­intensiv gewesen. Über das Wie der Ladeneinrichtung und über finanzielle Beteiligungen wurde debattiert, zu lange für den umtriebi­gen Macher Kraus: «Ich ging eines Morgens zu ihm und sagte: Ich bezahle alles.»
Die Bäckerei Kölliker ist nun einer der Hauptlieferanten des Geschäfts. Zudem wird das Bäckerei-Personal, das Brot, Backwaren und Konditoreiwaren einsortiert und über die Bäckereitheke verkauft, dauerhaft vom Metzgerei-Unternehmen (Kraus Metzgerei AG) aus­ge­mietet. Je zwei weitere Stammlieferanten bei den Milchprodukten und bei den Weinen ­sichern die Belieferung des «Fine Food Centers».

Die Rezept-Etikette
«Etwas vom Kostspieligsten war das EDV-Kassensystem, das sich aber bewährt und innovativ ist», erläutert Kraus: «Der Kunde hat ja das Gefühl, er sei in einem einzigen Laden.» Nebst der automatischen Verbindung der Waagen zur Kasse und zum Büro, was heutzutage als moderner Standard vorausgesetzt werden darf, bietet das System noch mehr. Die durchgehende Erfassung aller Artikel (auch aus der Bedienung) mit Strichcodes erlaubt die Zuord­nung der Erträge auf die beiden «Gnuss-pur»-Geschäftspartner, sei es die Kraus-Metzgerei oder der Kölliker-Beck. Nicht nur Verkaufs­datum und Gewichtsangaben, sondern auch Informationen zur Zubereitung des Fleisches werden auf der Etikette ausgedruckt, zum Beispiel: «Schweinefleisch – aus eigener Fabrikation, in vorgewärmtem Backofen bei 200 °C goldbraun backen.» Dieser zusätzliche Service kommt den Detailinformationen der Selbstbedienung im Supermarkt sehr nahe. «Fürs Kühlschrank-Management im Single-Haushalt», sagt Kraus mit einem Augenzwinkern.
Das Geschäft ist sieben Tage in der Woche geöffnet. Aus arbeitsrechtlichen Gründen wird sonntags nur der Bäckereiteil persönlich bedient. Über die längeren Spiesse bei den Laden­öffnungszeiten für Bahnnebenbetriebe kann sich Kraus eine Bemerkung nicht verkneifen: «Im Zürcher Hauptbahnhof ist jedes Geschäft weiter von den Geleisen entfernt als ich hier.»