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«Die Konkurrenz wurstet auch mit Wasser»

Der Freihandel spaltet nicht nur die Nahrungsmittel- und Landwirtschaft. Auch in einer Branche, die den Freihandel befürwortet, gibt es einzelne Gegener. Alle sind sich jedoch einig: Leichter wird es nicht.

von Alimenta Import

«Bei Schweinefleisch haben wir in der Schweiz noch eine viermal höhere Marge als in Europa.» Für Christoph Jenzer ist klar, dass es für die Metzger in einem freien europäischen Markt härter wird und die Margen sinken werden. Jenzer, der in der Region Basel ein Metzgereifachgeschäft mit drei Filialen betreibt, ist täglich mit dem europäischen Markt konfrontiert. Dieser hat im Grenzgebiet bereits Einzug gehalten.

rischmärkte aus Südbaden würden aktiv als Konkurrenten im Wettbewerb um die einheimische Kundschaft auftreten. Besonders bei Frischfleisch stellen die tieferen Margen der ausländischen Konkurrenten das einheimische Gewerbe vor Probleme. Gerade bei Schweinefleisch sind die Margen in der Schweiz immer noch mit 4 bis 5 Franken pro Kilo gegenüber den deutschen mit 1.25 geradezu fürstlich. Bei Rindfleisch sind sie etwas moderater. So präsentierte Jenzer an der 14. Schweizerischen Fleischfachtagung am 23. November 2009 in Basel eine Werbung des deutschen Händlers Hieber’s, der das Kilogramm Schweinefilet für Euro 7,90 verkauft.

Alles billiger jenseits des Rheins
Natürlich gibt Hieber’s auch den Frankenbetrag für Schweizer Kunden an, denn diese sollen über den Rhein kommen. 600 Mio. Franken würden laut Fleischfachverband jährlich für Fleisch, das im Einkaufstourismus gekauft wird, ausgegeben. Zusammen mit den jährlichen 200 Mio. Franken für die Importversteigerung gehen der Schweizer Fleischbranche 800 Mio. Franken verloren.

Der steigende Importdruck ist für Rolf Büttiker, Präsident des Schweizerischen Fleischfachverbandes (SFF), zentral, um mit dem Agrarfreihandelsabkommen vorwärtszumachen. Die Schweizer Fleischwirtschaft leide zunehmend unter dem «Pizza-Effekt», wobei Fleisch, versteckt in Convenience-Produkten, in die Schweiz eingeschleust werde. Denn jetzt wird das verarbeitete Produkt weniger geschützt als das Rohmaterial.

Nur auf das Scheitern der WTO-Verhandlungen mag Büttiker nicht setzen. Die G-20-Länder würden die Schweiz nicht fragen, ob ein WTO-Vertrag zustande komme oder nicht, sagte er. Anton Schmutz, Direktor von Gastrosuisse, bemerkte, dass sich die Käser vor zehn Jahren beim schwierigen Eintritt in die EU ebenfalls beklagt hätten; heute seien es die Metzger. «Die Käser wissen jedoch, dass es einen freien Marktzugang in die EU braucht, um wirtschaftlich Erfolg zu haben.»

Diesen wirtschaftlichen Erfolg sucht auch Bundesrätin Doris Leuthard mit Freihandel. Der langfristige Trend, die stärkere Nachfrage nach Lebensmitteln, wachse weltweit. In vielen Ländern würden die Menschen, die es sich leisten könnten, von einer auf zwei Mahlzeiten umstellen. Diese Chance müsse die Schweiz, die angewiesen sei auf offene Märkte, nutzen. Hier heisse es, die Freihandelsabkommen vor der Konkurrenz abzuschliessen, wie etwa dasjenige mit Japan. Auch Leuthard verweist auf die WTO. Der Durchbruch könne, wenn der politische Wille da sei, in einer Woche gelingen. Doch vorallem aus der US-Handelsagenda lasse sich momentan noch keine klare Linie erkennen.

Für Leuthard wäre es schon nur aus Gründen der Verlässlichkeit wünschenswert, einen Abschluss zu errreichen. Doch die Schweiz müsse auf einen tieferen Grenzschutz vorbereitet sein. «Hier sei die EU elementar.» Der Handel mit dem wichtigsten Handelspartner hat sich von 2003 bis 2007 um jährlich 9 Prozent gesteigert. Von sektoriellem Freihandel will die Bundesrätin nichts wissen. Hier gebe es für gewisse Branchen immer Kosten, die sich nicht reduzieren lassen. Zur kürzlich vorgestellten Swissness-Botschaft meinte Leuthard, dass – obwohl an der 80%-Regelung festgehalten werde – mit der Vorlage keine Absatzkanäle abgewürgt werden sollen. Die Ausnahmen würden Raum für eine vernünftige Flexibilität zulassen.

Swiss Cheese Award als Vorbild
Die Gäste, die in die Schweiz kommen, wollen Authentizität und Echtheit, sagte Dominique de Buman, Präsident des Schweizer Tourismus-Verbandes (STV), zu den Metzgern. ?So auch beim Bündnerfleisch. Bumann rief die Fleischbranche dazu auf, mit Events wie einem Salami-Festival oder einem Wurstweggen-Wettessen, auch mit Touristikern gemeinsame Sache zu machen. Bumann führte als Beispiel den Swiss Cheese Award als Vorbild auf.

Ausländische Übermacht?
Doch können die Schweizer Fleischverarbeitungsbetriebe überhaupt im freien Wettbewerb mit europäischen bestehen? Adolphe R. Fritschi, Chef der Bell AG, meint Ja. Wenigstens was die Leistung der grossen Schweizer Schlachthöfe anbelangt, die auf vergleichbarer Leistung mit ausländischen sind. Das Gros der Schlachthöfe hat gemäss dem Firmenchef eine ungenügende Auslastung, und diese sind nicht zuletzt wegen der Enge des Schweizer Marktes und im Windschatten des Agrarprotektionismus wenig spezialisiert und nicht zukunftsgerichtet strukturiert.

Doch Fritschi sieht die Schweizer Fleischwirtschaft gerade wegen der getätigten hohen Investitionen der letzten Jahre in einem Europa mit freiem Fleischwarenverkehr (in der EU herrscht seit 1992 freier Fleischverkehr) konkurrenzfähig. In Europa und in der Welt entstehen riesige Schlachtereien wie die holländische Firma Vion mit 40 Schlacht- und Zerlegestandorten. In Brasilien erzielt JBS 30 Mrd. Dollar Umsatz, in den USA schlachtet Smithfield in einer Woche mehr Schweine als Bell in einem ganzen Jahr. In Anbetracht dieser Tatsachen müsse der Schweizer Braten doch sehr innovativ mariniert sein, meinte Touristiker Bumann, doch schliesslich würden die ausländischen Metzger auch nur mit Wasser wursten, sagte Metzgermeister Jenzer.