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Der Klassiker wird sechzig

Seit 60 Jahren schmieren sich Schweizerinnen und Schweizer Le Parfait aufs Brot. Neben der unveränderten klassischen Geschmacksrichtung haben es neue Varianten schwer.

von Alimenta Import

Kaum ein Schweizer Haushalt, in dem die rote Tube nicht schon im Vorratsschrank lag: Le Parfait ist hierzulande der Klassiker der Brotaufstriche. Mit der Paste, die Claude Blancpain und Erwin Haag 1941 auf der Basis von Bierhefe – einem Abfallprodukt der Brauerei Cardinal in Freiburg – herstellten, trafen sie den Zeitgeist. Denn während der Kriegsjahre war die einheimische, kalorienreiche Paste gefragt. Nach den Mangeljahren des Kriegs jedoch wurde das «Ersatzlebensmittel» geschmäht. Die Bevölkerung wollte keine Kriegskost, sondern kehrte zu ihren gewohnten Essgewohnheiten zurück.

Erst mit einer neuen Kombination aus Hefe und Leberpastete gelang es den Erfindern 1950, an ihren ersten Erfolg anzuknüpfen. Die Mischung aus Hefe, Sonnenblumen- und Palmöl, Schweinsleber, Stärke, Kochsalz, Herbsttrompeten und verschiedenen Gewürzen wurde «Le Parfait» genannt. So wenig wie der Name änderte sich seither die Zusammensetzung des Aufstrichs. Selbst die Tube für die praktische Aufbewahrung wurde bis heute beibehalten.

Geändert haben sich allerdings die Besitzverhältnisse: Die Firma Dyna wurde vom Unternehmen Ursina Franck übernommen, das 1971 wiederum von Nestlé akquiriert wurde. Vor einem Jahr zügelte die Produktion von Freiburg nach Basel in die Thomy-Fabrik, wo auch weitere nasskulinarische Produkte wie Senf, Mayonnaise oder Salatdressing, aber auch Incarom-Kaffee hergestellt werden. Und statt Schweizer Bierhefe wird der Brotaufstrich heute mit Hefe aus den USA hergestellt.

Insgesamt gehen in der Basler Fabrik 18?900 Tonnen Lebensmittel vom Band; Le Parfait macht mit einer Produktionsmenge von 700 Tonnen nur vier Prozent davon aus. Nach wie vor ist das Nestlé-Produkt die Nummer eins der Schweizer Brotaufstriche. Laut Hersteller kennen 85 Prozent aller Schweizerinnen und Schweizer die rote Tube. Doch schon an der deutschen Grenze endet die Bekanntheit: Hier ist die Marke Tartex mit einem Marktanteil von 80 Prozent bei klassischen vegetarischen Pasteten und 56 Prozent bei vegetarischen Wurstalternativen führend.

Auch Tartex geht auf die Freiburger Erfindung von Pastete auf Hefebasis zurück – passenderweise produziert das Unternehmen seit 1963 im badischen Freiburg im Breisgau. Das Angebot reicht von Meerrettich-Apfel-Creme bis zu Tofu-Pastete, die wie Schnittlauch-Leberwurst schmeckt.

Lieber klassisch als Bio
Der Schweizer Markt scheint für solche Kreationen weniger aufgeschlossen zu sein. Ein Le Parfait in Bio-Qualität scheiterte bisher beispielsweise an zu geringer Nachfrage. 1995 kam Le Parfait mit Geflügelleber auf den Markt, ein Jahr später folgte eine vegetarische Variante mit Lauch, Schalotten, Knoblauch und Küchenkräutern. Seit 2002 ist Thunfisch-Brotaufstrich in einer blauen Tube zu haben.

Doch die Nachfrage nach den Alternativen zum Original hält sich in Grenzen: Der Klassiker macht 80 Prozent des Umsatzes aus. Auch der Fleischproduzent Bell nennt als Leaderprodukte im Segment der Konserven-Pasteten klassische Geschmacksrichtungen wie Schinken- und Fleischkäse-Pastete, die in der Kunststoffdose bei Coop verkauft werden. Bell hat aber auch Naturaplan-Pastete sowie eine Bio- und eine Weight-Watchers-Variante im Angebot.

Über Volumen und Marktanteile macht Bell keine Angaben. «Die Bio- und Weight-Watchers-Pasteten entwickeln sich gut», sagt Bell-Sprecher Davide Elia. «Der Abstand zwischen diesem Segment und den Leaderprodukten war auch schon grösser.» Migros setzt auf Leberpains, Creme Sandwich, Lachspains oder Schinken-Käse-Brotaufstrich. Zudem sind auch vegetarische Brotaufstriche im Programm.

Erinnerungen an Schulausflüge
Auch in der Thomy-Fabrik in Basel versucht man weiter, den Konsumentinnen und Konsumenten neue Versionen schmackhaft zu machen. Im nächsten Jahr will man bei Nestlé verstärkt an einer Light-Variante tüfteln. Immerhin ist Le Parfait mit 23 Gramm Fett, ?10 Gramm Protein und 258 Kalorien pro 100 Gramm ein reichhaltiges Nahrungsmittel. «Le Parfait ist sicher kein Diätprodukt», bestätigt Susanne Kulhanek, Direktorin der Thomy-Fabrik. Aber das sei auch nicht das Ziel. Die Herausforderung bestehe vielmehr darin, eine abgespeckte Variante herzustellen, die dennoch den cremigen Schmelz des Originals besitze.

Anpassungsversuche an aktuelle Ansprüche zeigt auch die gross angelegte Werbekampagne, mit der offensichtlich eine junge Zielgruppe an den kulinarischen Begleiter ihrer Schulausflüge, Skilager und Wanderferien erinnert werden soll. Kreative Le-Parfait-Konsumenten sollten in einem eigenen Video die Frage beantworten, wie weit sie gehen würden, um den letzten Rest Le Parfait aus der Tube herauszuquetschen. Ausserdem wurden Blogger mit Le-Parfait-Produkten bedacht und aufgefordert, über den Tubeninhalt zu berichten. Doch auch diese Massnahmen werden die Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten nicht in ein Land der Brotaufstriche verwandeln.

Gefragt, warum der Brotaufstrich-Bedarf hierzulande im Vergleich zu Deutschland verhältnismässig gering sei, sagt Susanne Kulhanek: «In Deutschland wird mehr Brot gegessen. Der Schweiz fehlt eine vergleichbare Brotkultur.»