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Die königlichen Camembert-Macher

Die Heinrichsthaler Milchwerke im ostdeutschen Sachsen haben die Wende mehrmals geschafft – dank einer unternehmerischen Grundhaltung. Heute vertreibt das Unternehmen seine Produkte erfolgreich in ganz Europa.

von Alimenta Import

Bedächtig fährt der Tanklastwagen vor den Toren der Heinrichsthaler Milchwerke im sächsischen Radeberg vor. ?Er liefert 25?000 Kilo frisch gemolkene, auf 4 Grad gekühlte Qualitätsmilch. Sie stammt von den Kühen aus den umliegenden Landwirtschaftsbetrieben.

Im blitzblanken, weiss gekachelten Werk durchwandert die Milch mehrere Stationen und Qualitätskontrollen: Zuerst wird sie überprüft, dann gereinigt, zentrifugiert und pasteurisiert, gesäuert und dick gelegt. Anschliessend wird die Molke abgezogen. Die Gallerte wird zu Käse gehärtet, gewürzt und mehrmals in Formen gepresst. Zuletzt nehmen die 15 Kilo schweren Käseblöcke ein intensives Salzbad, ehe sie in spezielle Kisten verpackt werden und über Wochen bis zur ihrer Reife lagern.

Szenenwechsel: Frisch geschnitten und verpackt verlassen die Edamer das Förderband – bereit für den Transport, etwa in die Regale des Schweizer Discounters Denner. ?Pro Jahr produzieren und verarbeiten die Heinrichsthaler rund 35?000 Tonnen Schnitt- und Hartkäse – darunter eigens mit Schweizer Maschinen hergestellten Emmentaler. Die Werke beliefern den Lebensmitteleinzelhandel sowie den Grossverbraucher- und Catering-Bereich in ganz Europa.

Die Klassiker werden durch hauseigene Spezialitäten wie Bärlauchkäse ergänzt, alles laktosefrei. Neben Scheiben und Portionen befinden sich auch Reib- und Schmelzkäse als Zusatz für Lasagne und Pizza im Sortiment. Der Betrieb beschäftigt 220 Mitarbeiter und setzt jährlich rund 150 Mio. Euro um. In den letzten Jahren wuchsen Umsatz und Personalbestand im zweistelligen Prozentbereich.

Stürmische Zeiten
Das war nicht immer so. Seit seiner Gründung 1880 hat Deutschlands erster Camembert-Hersteller bewegte Zeiten hinter sich (siehe Kasten): Die beiden Weltkriege und diverse Regimewechsel sorgten für politische, wirtschaftliche und finanzielle Turbulenzen. Nichtsdestotrotz sind sich die Heinrichsthaler immer treu geblieben. «Es gelten dieselben Werte wie vor 130 Jahren», bestätigt der Geschäftsführer Uwe Lammeck.

Heute wie damals vollziehen die Milchwerke den Brückenschlag zwischen Tradition und Moderne, Qualität und Solidität, Globalem und Regionalem, Konsumentenfreundlichkeit und Mitarbeiterorientierung. Beispiel Produktion: «Die Herstellung von Käse ist vom Prinzip her immer dieselbe geblieben. Nur dass wir heute unsere Technik modernisiert und dank Vollautomatisierung unsere Effizienz weiter gesteigert haben», erklärt Lammeck. Seit 1990 wurden über 35 Millionen Euro in den Ausbau der Produktionsanlagen, unter anderem in den Neubau einer Schnittkäserei, investiert.

Doch bereits 1947, als die damalige Meierei in die Molkereigenossenschaft Radeberg überführt wurde, begann man den Betrieb kontinuierlich auszubauen und zu erneuern. Mit Einführung der Planwirtschaft Anfang der 1960er-Jahre wurden die Radeberger mit den umliegenden Genossenschaften zu einem Gesamtbetrieb zusammengeführt. Ziel: Durch Konzentrierung und Spezialisierung die Produktion zu steigern. Dank dieser Massnahmen avancierte die Molkerei zu Zeiten der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) zum grössten Käsereiunternehmen. Nicht nur das: Auch modern seien die Heinrichsthaler Anlagen im Vergleich zu jenen der damaligen Mitbewerber im Osten gewesen, betont Lammeck: «Damals wurde bereits mit Maschinen aus dem Westen gearbeitet.»

Wie in den Jahrzehnten zuvor stand auch zu DDR-Zeiten «die bedarfsgerechte Versorgung der Bevölkerung» und «die Steigerung der Produktivität» im Vordergrund. Mit dem Eintritt in die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion 1989 veränderten sich die Rahmenbedingungen deutlich. Als positiv hebt Lammeck hervor, dass das benötigte Arbeitsmaterial fortan termingerecht zur Verfügung stand.

Angebot laufend diversifizieren
Doch mit der neuen Konkurrenzsituation hatten auch die Heinrichsthaler klarzukommen. Die Suche nach einem starken Wirtschaftspartner entpuppte sich in einem ersten Anlauf als Pleite. Kaum stand das Unternehmen wieder auf festem Boden, entstanden neue wirtschaftspolitische Zwänge. Dieser Umstand zwang die Heinrichsthaler zur laufenden Überdenkung, Erweiterung und Diversifizierung ihres Angebots. Um sich am Markt abzuheben, galt es rechtzeitig Nischen – wie in der Convenience-Industrie – auszumachen und Trends aufzuspüren.

Laufend werden im hauseigenen Labor Neuheiten ausgetüftelt. «Künftig soll der Trend verstärkt Richtung Gesundheit und Functional Food gehen», verrät Lammeck. Seine Strategie ist es, «das Unternehmen auch weiterhin auf eine breite Basis zu stellen und mit neuen Spezialitäten schnell auf Gegebenheiten zu reagieren».

Qualität und Nachhaltigkeit
Die Produkte auf die Kundenbedürfnisse zuzuschneiden und gleichzeitig bei genügend grosser Menge kosteneffizient zu produzieren, heisst die Devise. Daneben sind Qualität und Sicherheit grossgeschrieben. So werden jährlich 150 Millionen Kilo Milch fast ausschliesslich auf höchster Niveaustufe geliefert. Diverse nationale und internationale Auszeichnungen und Gütesiegel wie die ISO-Zertifizierungen des Werkes und seiner Milchlieferanten dokumentieren laut Lammeck den hohen technologischen Standard.

Als fortschrittliches Unternehmen tragen die Heinrichsthaler auch der Energieeffizienz und Nachhaltigkeit Rechnung: Unter dem Motto «ökologisch vorbildlich – wirtschaftlich erfolgreich» investiert das Unternehmen in umweltfreundlichere Anlagen, so auch in Sonnenenergie. In den letzten Jahren liess sich der gesamte Energieaufwand um rund 15 Prozent reduzieren und die Immission sowie Lärmemission deutlich senken. Besonders stolz ist Lammeck auf die Aufnahme in die Umweltallianz Sachsen, die den Teilnehmern die strikte Einhaltung der Auflagen abverlangt.

Lokal fest verankert und die regionale Identität wahrend, sind die Heinrichsthaler Milchwerke heute wieder stärker national und international ausgerichtet. Auch hier waren die Heinrichsthaler ihrer Zeit voraus: Bereits 1904 entwickelte man ein Sterilisationsverfahren, das den Versand von «tropensicherem», haltbarem Camembert nach Amerika ermöglichte. Inzwischen wird eine Vielzahl der Produkte in sämtliche europäischen Staaten und nach Übersee exportiert. Zu den grössten Abnehmern gehören typische Käseländer wie Frankreich, Spanien, aber auch Ungarn, Skandinavien und Griechenland – und nicht zu vergessen die Schweiz. «Unser Exportanteil liegt mittlerweile bei 50 Prozent», sagt Lammeck.

Mitarbeiter stärker einbinden
Neben der Kundenorientierung und Marktöffnung setzt das Unternehmen seit je auf das Knowhow seiner Belegschaft als tragenden Pfeiler. Bereits Lammecks Vater – Betriebsleiter zu DDR-Zeiten – war um die Nachwuchsförderung besorgt. In den 70er-Jahren galten die Heinrichsthaler mit 40 Plätzen als «effektivste Lehrlingsausbildungsstätte».

Vor allem in letzter Zeit hat der Betrieb neue Bildungsmassnahmen getroffen. Auch werden die Mitarbeiter, deren Durchschnittsalter bei 35 Jahren liegt, heute zunehmend «aktiver in die Unternehmensprozesse eingebunden und mit Leistungslöhnen, Weihnachtsgeld oder Urlaub direkter am Erfolg beteiligt», wie Lammeck versichert.