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«Funktionierende Kleinheit wahren»

Seit zehn Jahren führt Gabriela Manser die Geschäfte der Mineralquelle Gontenbad mit Erfolg. Die Appenzellerin über Höhepunkte, Innovationsgeist und wie es sich anfühlt, als Kleine den Verband der Grossen zu führen.

von Alimenta Import

Alimenta: Frau Manser, welches waren die Höhe­punkte, die Ihnen das Jahr 2009 gebracht hat?
Gabriela Manser: Bestimmt gehört der Au­gen­blick dazu, in dem unsere neue 80-cl-Flasche erstmals auf dem Tisch stand. Nach einer längeren Entwicklungsphase wurde sie im Frühling ausgeliefert. Auch mein 10-jähriges Jubiläum, das wir nur firmen­intern gefeiert haben, war ein Thema. Nicht zu vergessen ist, dass wir trotz wirtschaftlich schwierigem Umfeld Kunden dazu gewinnen konnten.

In welchem Segment?
Vor allem in der Gastronomie. Offensichtlich gibt es in diesem Bereich einen Platz, in den wir mit unserer «Kleinheit», unserer Selbständigkeit und unserer Philosophie ­hineinpassen.

Und was beeindruckte Sie ausserhalb Ihrer Firma?

Der parlamentarische Vorstoss für ein Verbot von PET-Flaschen hat sehr viel Bewegung in die Branche gebracht. Damals, es war ebenfalls im Frühling, hat sich gezeigt, wie undifferenziert über Mineralwasser ­gesprochen und geschrieben wird.

Zur 80-cl-Flasche. Es scheint, als entwickle sie sich einmal mehr zu einem Erfolgsprodukt aus Ihrem Haus. Was, ausser der Dimension, ist speziell daran?
Sie steht einfach da, still und elegant. Die Proportionen stimmen. Und sie trägt einen gedruckten Kragen mit poetischen, anregenden, heiteren Begriffen. Auf der Rückseite der Etikette ist ein typisch appen­zellisches Ornament zu entdecken. Die Qualität des Produkts sowie die Erscheinung müssen bei allen Produkten auf den ersten Blick stimmen – bei uns gibt es jeweils auch auf den zweiten und den dritten Blick Neues zu entdecken.

Mit Blütenquell haben Sie etwas Einzigartiges entwickelt, nun eine Flasche, die sich nicht nur in ihrer Dimension von den übrigen unterscheidet: Wie entstehen Ihre Ideen?

Nur selten auf dem Bürostuhl sitzend und wartend. Sie kommen unter der Dusche, auf Reisen, im Gespräch mit Freundinnen oder mit der Kundschaft. Bei der 80-cl-Flasche haben sich Gastronomen ein Gebinde gewünscht, das zwischen 5 dl und einem Liter fasst. Wir haben diesen Wunsch ernst genommen.

Sind es Ihre Ideen, die Sie umsetzen lassen?
Nein, jede dieser Ideen ist ein Gemeinschaftswerk des Forums. Das Forum ist eine Gruppe von Leuten, die innerhalb und ­ausserhalb der Firma arbeiten und die sich einmal wöchentlich zu einer Besprechung treffen. Dort kann aus etwas Banalem etwas Grossartiges entstehen, einfach, weil wir uns gegenseitig antreiben.

Was steckt derzeit in Ihrer Ideenfabrik?
Das verrate ich nicht. Nur so viel: Alles ist bereit, um Anfang März ein neues Produkt zu lancieren.

Gleichzeitig zur Lancierung der 80-cl-Flasche haben Sie den Goba-Fonds ins Leben gerufen.
Damit wollen wir unser soziales Engagement unterstreichen. 5 Rappen jeder 80-cl-Flasche fliessen in diesen Fonds – für den Mineralwasserbereich ein unglaublich grosser Betrag. Mit dem Geld unterstützen wir Projekte, bei denen wir sicher sind, dass die Betroffenen direkt davon profitieren, wie im Jahr 2009 die thailändischen Waisenkin­der, die Zugang zu sauberem Trinkwasser erhalten.

Dass Unternehmen ihre soziale Ader zeigen, ist in Mode.
Grosse Unternehmen wie Nestlé haben schon immer einen Teil ihrer Gewinne in die Länder, in denen sie erwirtschaftet ­wurden, zurückfliessen lassen. Zum Geist unserer Zeit gehört bestimmt, mehr und vor allem lauter darüber zu sprechen.

Auch bei Ihnen?
Bei uns hat diese Idee einen historischen Hintergrund; schon meinen Grosseltern und Gründern der Mineralquelle Gontenbad war es ein Anliegen, andere am Geschäftserfolg teilhaben zu lassen, und ­dadurch soziale Verantwortung zu übernehmen. Genau das möchten wir mit dem Fonds auch erreichen. Und natürlich gleichzeitig unser Image pflegen.

Im Frühling wurden Sie zur Präsidentin des Verbandes Schweizerischer Mineralquellen und Soft-Drink-Produzenten (SMS) gewählt. Sie füh­ren den Verband als Vertreterin des kleinsten Mitglieds unter zahlreichen Grossen. Ein Problem?
Nein, grundsätzlich nicht. Dieses Amt ist das erste, das auch eine politische Dimension hat. Sich da hinein zu finden und immer mit dem Blick für alle SMS-Mitglieder zu denken und zu reden, das ist für mich ein Lernprozess.

Welche Veränderungen stehen an?
Schon im ersten halben Jahr meiner Amtszeit haben wir viel erreicht. Wir haben die Interessengemeinschaft Mineralwasser gegründet, wir haben eine Image-Kampagne organisiert, wir haben Drucksachen entworfen, die den Unterschied zwischen Mineral- und Hahnenwasser verdeutlichen. Mir ist es ein Anliegen, Öffentlichkeitsarbeit für die Mineralquellen zu machen, ihr Image und ihre Marken zu stärken. Damit das funktioniert, müssen die Kleinen und die Grossen an einem Strick ziehen.

Wie prägen Sie den SMS in Ihren zwei Präsi­dialjahren?
Ich will dem Verband ein farbigeres Gesicht geben, damit die Öffentlichkeit wahrnimmt, dass es ihn gibt.

Wie das?
Wir werden regelmässig von uns reden ­machen. Die Interessengemeinschaft mit Natio­nalrat Christophe Darbelley als Präsident ist die ideale Organisation dazu. Es ist wichtig, ein positives Image aufzubauen und mit einem guten Marketingkonzept unserer Marken zu stärken. Nur so sind
die Kunden bereit, etwas mehr für ein gutes Mineralwasser zu zahlen und nicht die ­Flaschen kaufen, die im Laden unter unse­rem Produktionspreis feilgeboten werden.

Zehn Jahre in derselben Firma deuten darauf hin, dass es jemandem gefällt. Würden Sie die Mineralquelle heute wieder übernehmen?
Sofort. Es war die Chance meines Lebens! Die Erfahrungen, die ich in dieser Zeit ­sammeln konnte, sind sehr wertvoll.

Gab es in den letzten zehn Jahren Situationen, in denen Sie Mühe hatten, sich zu motivieren?
Ja. Der Übergang von der Aufbau- in die Strukturierungsphase des Unternehmens war schwierig. Zwar brauchte der Aufbau mehr Energie, bei der Strukturierung war ich hingegen gefordert, Aufgaben abzugeben und wieder anderes zu übernehmen. Und ich stellte fest, dass Aufgaben, von denen ich ausgegangen bin, sie gerne und gut zu machen, andere Leute besser erledigen.

Zehn Jahre mit Bravour gemeistert. Wie sehen die nächsten zehn der Mineralquelle aus?
Ich will in den nächsten fünf Jahren die funktionierende Kleinheit wahren und in die Zukunft führen, damit wir auch längerfristig beweisen können, dass auch eine kleine Mineralquelle überlebensfähig ist. Ich bin überzeugt, dass uns weitere neue, spannende Produkte dabei helfen werden. Künftig braucht es jedoch ein noch grösseres ­Engagement, um dasselbe zu erreichen.

Überleben dank Innovationen?
Ja, das sicher – aber auch den Mut haben, nichts Neues auf den Markt zu bringen. Um zu entscheiden, was es an Neuem braucht, sind wir darauf angewiesen, den Zeitgeist wahrnehmen zu können.

Und welche Pläne schmieden Sie für sich?
Bald werde ich 50. Ich habe grosse Freude an meiner Arbeit, die ich noch eine Weile weitermachen will. Trotzdem wird der ­Zeitpunkt kommen, in dem eine sinnvolle Weiterentwicklung des Unternehmens ohne mich möglich sein muss. Ihn gilt es, früh ins Auge zu fassen.

«Leben, leben und nochmals leben!» ist Ihr ­Lebensmotto. Schöpfen Sie Ihre Kraft aus der Mineralquelle?
Mineralwasser ist etwas sehr Lebendiges. Ich existiere aber auch ausserhalb der Mineralquelle; als Partnerin, als Teil eines Freundeskreises, den ich gerne pflege. Meinen Ausgleich finde ich in der Atemarbeit nach Middendorf. Leben, wach sein, meine ­Wurzeln spüren und über mir den Himmel zu wissen ist für mich meine ganz persönliche Lebensqualität.
Interview: Michael Grossenbacher