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Interview mit SFF-Direktor Balz Horber

20 Jahre im Dienst der Fleischbranche: Rück- und Ausblick

von Foodaktuell Importer

Dr. Balz Horber, Direktor des Schweizer Fleisch-Fachverbandes SFF geht Ende 2009 nach zwanzig Jahren in dieser Funktion in den Ruhestand. «foodaktuell.ch» hat ihm einige Fragen zum Gestern, Heute und Morgen der Fleischbranche gestellt.

Herr Horber, welches waren Ihre Eindrücke, als Sie damals in die Fleischbranche kamen?

Mein wichtigster Eindruck war und ist: Die Fleischbranche verfügt über ausgezeichnete Unternehmer und leistungsfähige Metzger. Mir war bewusst, dass die Fleischverarbeitung für die schweizerische Landwirtschaft eine grosse, ja entscheidende Bedeutung hat. Mein erster Eindruck war, dass dies von Politik, Behörden und Öffentlichkeit gar nicht wahrgenommen wurde und man die Fleischbranche gewissermassen als Nebenprodukt der Milch- und Käsewirtschaft betrachtete. Diese Vernachlässigung hatte auch ihr Gutes, nämlich dass die Branche immer dem Markt ausgesetzt war und sich ohne stützende Interventionen behaupten musste. Umso mehr empörte mich dann, dass der einzige Vorteil, den die Fleischbranche aus dem agrarpolitischen System zog, nämlich die Zuteilung der Importkontingente nach Höhe der Inlandleistung, durch die Einführung des Versteigerungsverfahren zunichte gemacht wurde.

Welches waren die Meilensteine, die Sie setzten?

Wir arbeiteten immer im Team, mit dem Vorstand, den Mitarbeitern der Geschäftsstelle und den Verbandsmitgliedern. Genugtuung bereitet mir, dass unser Verband bei Behörden, Medien und Wirtschaftsorganisationen als die repräsentative Vertretung der Fleischbranche bekannt und – ich glaube sagen zu dürfen – anerkannt ist. Die Vereinigung der Verbände des Metzgereigewerbes und der Fleischindustrie in einen gemeinsamen Branchenverband war die Voraussetzung dazu. Zwei Bildungsreformen in nur zwanzig Jahren illustrieren die Anpassungsfähigkeit des Berufsbildes an neue Entwicklungen. Diese sind vor allem das Werk der Berufsangehörigen selbst, wobei der Verband den flexiblen Rahmen in organisatorischer und finanzieller Hinsicht gewährleistet.

Wie entwickelte sich die Branche in den letzten zwanzig Jahren?

Der Strukturwandel, aber auch die Anpassungsfähigkeit der Branche ist enorm. Wir verloren in den letzten zwanzig Jahren – leider – tausend Metzgereien, aber die ausgeschüttete Lohnsumme stieg und steigt immer noch – auch in Kleinbetrieben. Das heisst, dass die Branche einen gesunden Mix von Unternehmen verschiedener Ausrichtungen und Betriebsgrössen aufweist, auch wenn der Verlust jeder einzelnen Metzgerei chmerzt. Wichtig ist die Feststellung, dass in der Fleischbranche investiert wird, und zwar nicht nur bei den “Grossen Drei”. Die BSE-Krise der neunziger Jahre beschleunigte eine Entwicklung, die einen immer anspruchsvolleren und engmaschigeren rechtlichen Rahmen der Fleischbranche mit sich brachte. Diese Entwicklung darf nicht zu einer Verdrängung des Gewerbes aus dem Markt führen. Dies zu vermeiden ist eine grosse Herausforderung nicht nur für den Verband sondern – über seine Vermittlung – auch für Politik und die Vollzugsbehörden.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Branche in den nächsten fünf Jahren?

Grundsätzlich positiv. Der Fleischkonsum ist stabil und kann bei engagiertem Einsatz noch ausgebaut werden. Seit längerem kann eine Veränderung der Konsumgewohnheiten beobachtet werden. Die verarbeiteten Produkte und Fleischwarenspezialitäten gewinnen an Bedeutung. Gefragt sind insbesondere Leistungen, mit welchen sich Wertschöpfung erzielen lässt. Der Strukturwandel wird zwar weitergehen, doch dem gewerblichen Betrieb bleiben Nischen und neue Möglichkeiten erhalten, beispielsweise in regionalen Vermarktungsstrukturen. Die Grenzen der Fleischprodukte und damit auch der Fleischbranche werden in zunehmendem Mass fliessend. Ein grösserer Anteil von Fleisch wird, teilweise auch in geringen Mengen, in verschiedensten Convenience-Produkten konsumiert wie etwa in fleischhaltigen Fertiggerichten oder Sandwiches.

Wie ist Ihre Meinung zur Marktöffnung?

Auch wenn es momentan nicht Mode ist, stehe ich zu meiner Überzeugung, dass die Handelsliberalisierung unausweichlich ist und man sie gescheiter proaktiv angeht, statt defensiv die Augen vor dem Unausweichlichen zu verschliessen. Gegenüber dem benachbarten Ausland ist das Preisgefälle beim Rohmaterial der Fleischbranche grösser als bei den verarbeiteten Produkten. Deshalb wird es den Metzgereien im offenen Markt besser gehen als hinter Grenzmauern, die ohnehin Löcher aufweisen und abbröckeln. Der absolute Grenzschutz, von welchem gewisse Kreise träumen, ist eine Fiktion. Einfuhrregelungen wirken wettbewerbsverzerrend. Von den Umsatzverlusten durch Einkaufstourismus und den Kosten der Versteigerung von Importkontingenten will ich schon gar nicht sprechen. Meiner Meinung nach ist – unabhängig vom ungewissen Fortgang der WTO-Verhandlungen – die europäische Marktöffnung ein wichtiger Faktor, um die fleischverarbeitende Branche auf den Wachstumspfad zu bringen.

Welche Bilanz ziehen Sie bei der Zusammenarbeit mit dem MPV?

Die Sozialpartnerschaft ist einer der wichtigsten Trümpfe, über welche die schweizerische Fleischbranche verfügt. Seit vielen Jahrzehnten verfügen wir über einen Gesamtarbeitsvertrag, der noch nie gekündigt wurde. Bei allen Kontroversen und oft harten Verhandlungen verbindet uns das Wissen, dass man zuerst gemeinsam die Wurst herstellen muss, bevor man sie aufschneiden und verteilen kann. Natürlich sieht man es unserem Gesamtarbeitsvertrag an, dass er durch Kompromisse entstanden ist. Er gewinnt zwar nicht den “Schönheitspreis”, aber erfüllt seinen Zweck, nämlich die Gewährleistung von branchengerechten und zeitgemässen Arbeitsverhältnissen. Als wichtige Errungenschaft ist die Schaffung des Paritätischen Bildungsfonds zu erwähnen, der beiden Partnern zugute kommt und auch gemeinsame Aktionen im Bereich der Aus- und Weiterbildung ermöglicht.

Was mögen Sie an den Metzgern?

Die Metzger sind warmherzig, oft künstlerisch interessiert und nicht selten selber musisch begabt. Und sie lieben es, diesen weichen Kern unter einer rauhen Schale zu verbergen. Wer das Vertrauen der Metzger rechtfertigt, darf sich über ihrer unverbrüchlicher Treue und grossen Wohlwollens freuen. Metzger schätzen die Genüsse, die uns das Leben, auch dasjenige der Nutztiere, schenkt.

Welche Empfehlung geben Sie einem jungen Fleischfachmann, der heute eine Metzgerei übernimmt?

Er möge sich gegenüber seinen Kunden als Vermittler verantwortungbewussten Genusses, Meister seiner Spezialitäten und aktiver Repräsentant der Region profilieren. Gelingt es ihm, sein verantwortungsbewusstes Handeln mit einem tierischen Lebensmittel in Genuss umzusetzen, mit seinem Fachwissen Vertrauen zu wecken und die Region als Wirtschaftsraum in seinem Betrieb erlebbar zu machen, wird sein Berufsstolz von den Konsumenten verstanden und mit Kundentreue honoriert werden.

Welches sind die dringendsten Branchenprobleme und welche Lösungen empfehlen Sie?

Das Wichtigste zuerst: Obwohl wir glauben, auf dem richtigen Weg bei der Rekrutierung von Lernenden zu sein, gelingt es uns nicht, genügend Fachleute zur Fortbildung in die Berufs- und Meisterprüfung zu bewegen. Die entstehende Lücke ist besonders schmerzhaft, weil dann Unternehmen auch mangels Nachfolger verschwinden, die eigentlich betriebswirtschaftlich lebens- und entwicklungsfähig wären. Damit die Spitze der Pyramide breiter wird, muss die Basis verstärkt werden. Ferner: Die Regelungsdichte behördlicher Vorschriften wirkt lähmend auf das Unternehmertum, was einerseits politisches Engagement und anderseits Hilfestellungen durch die Berufsorganisation erfordert. Und drittens: Die nachteiligen Auswirkungen des agrarpolitischen Grenzschutzes müssen kurzfristig durch Verbesserungen am Importsystem und mittelfristig durch die vollständige Marktöffnung beseitigt werden.

Sie hinterlassen einen gut organisierten Verband. Welche Tipps geben Sie ihrem Nachfolger?

Ich gebe ihm keine Tipps, weil Ruedi Hadorn schon weiss, was und wie er es machen muss. Wir haben die Übergabe gut vorbereitet und die Zusammenarbeit war äusserst angenehm und fruchtbar. Beide haben wir dasselbe Credo: Bedingungslose Leistungsbereitschaft für jedes Mitglied.

Gehen Sie in den Ruhe- oder Unruhestand?

Meine Frau und ich freuen uns auf die Realisierung eines gemeinsamen privaten Projektes. So gerne ich meine Verbandsarbeit gemacht habe und so dankbar ich unseren Mitgliedern bin, ist der Wechsel doch eine schöne Notwendigkeit. Er tut der Berufsorganisation gut, meinem Nachfolger, aber auch mir und meiner Frau.

Im seinem Büro in der Geschäftsstelle in Zürich

Balz Horber – Zur Person

Balz Horber wurde 1945 in Andelfingen im Zürcher Weinland geboren. Nach seinem Studium an der Universität St. Gallen war er Assistent von Prof. Dr. Francesco Kneschaurek. Balz Horber promovierte 1973 mit einer volkswirtschaftlichen Dissertation “Zur Frage der Integration einer Bildungspolitik in die allgemeine Wirtschaftspolitik” zum Dr. oec. Von 1973 bis 1989 arbeitete er zunächst als Sekretär und später als stellvertretender Direktor für den Schweizerischen Gewerbeverband SGV. Dort kam er unter anderem auch in Kontakt mit dem Verband Schweizer Metzgermeister, dessen damaliger Präsident und SGV-Vorstandsmitglied, Albert Stump, ihn 1989 als Leiter der Geschäftsstelle der Berufsorganisation in die Fleischbranche holte.