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Ein Muss für die Schweizer Industrie

Ein Fünftel der Weltbevölkerung sind Muslime. Auch die hiesige Lebens­mittelindustrie trägt dieser Tatsache vermehrt Rechnung und weitet ihr Halal-Sortiment aus – längst nicht nur bei Fleischprodukten.

von Alimenta Import

Ende August war es, als Coop Schlagzeilen mit fünf Halal-Wurstprodukten machte und Kritik erntete, man bringe geschächtetes Fleisch in Umlauf. «Das Fleisch der Tiere, das in Deutschland zu Fertigprodukten verarbeitet wird, stammt aus Schlachtungen, die dem Schweizer Lebensmittelrecht entsprechen», präzisiert Coop-Sprecher ­Nicolas Schmied. Vor dem Schlachten würden die Tiere betäubt. Der Verkauf habe sich seither zufriedenstellend entwickelt, man werde in Sachen Halal den Fleischbereich ausbauen. Die Migros führt noch keine deklarierte Halal-Ware und plant dies laut Sprecherin Nathalie Eggen auch nicht zu ändern.
Halal-Fleisch wird hierzulande meist ausserhalb des konventionellen Fleischhandels vermarktet, erklärt Carnasuisse-Sprecher Balz Horber. Entsprechend führen auch die Tro­cken­fleischverarbeiter Malbuner und ­Gustav Spiess AG in Berneck keine Halal-Ware. Verkompliziert wird eine Aufschlüsselung des Markts zusätzlich dadurch, dass – anders als im Judentum – die Schlachtmethode im Islam unterschiedlich ausgelegt wird. Liberale Muslime essen auch Fleisch von Tieren, die vor dem Schlachten betäubt wurden, wie dies etwa ein islamischer Schlachthof in Buckten BL tut. Strenggläubige Muslime hingegen ­akzeptieren nur Fleisch von Tieren, deren Blut ohne Betäubung entzogen wurde – was in der Schweiz verboten ist.

Kontingent schnell ausgeschöpft
525 Tonnen dieses Fleischs werden jährlich importiert. Die Kontrolle über die Einfuhr obliegt dem Bundesamt für Landwirtschaft, das vierteljährlich unter den Interessierten eine Versteigerung durchführt. Neben einzelnen Gastrobetrieben sind es vier grössere ­Akteure, die sich jeweils daran beteiligen,
sagt Müfit Gökcinar, einer der Importeure, der in Riehen BS eine Metzgerei und im Kleinbasel ein Ladengeschäft führt. Darüber hinaus ­beliefert Gökcinar verschiedene Lokale und Metzgereien. Sein geschächtetes Fleisch stammt aus dem Schlachthof im französi­schen Besançon, wo zusätzlich zum Ent­bluten ohne Betäubung eine Person muslimischen Glaubens beim Schlachten anwesend ist. «Ich könnte mehr Halal-Fleisch verkaufen, aber das Kontingent reicht nicht», so ­Gökcinar.
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Halal-Markt explodiert
Doch da tierische Zusatzstoffe in Form von Emulgatoren und Gelatine in zahlreichen ­verarbeiteten Produkten vorkommen, beschränkt sich das Halal-Sortiment längst nicht nur auf den Metzgereibereich. Der deutsche Fruchtgummiriese Haribo etwa bietet unter dem Label Halalibo zwei Dutzend Halal-konforme Süsswaren an. Haribo setzt auf Ware, die in der Türkei mit Halal-Rindergelatine hergestellt wird. Gerade in muslimi­schen Schlüsselländern wie Indonesien und Malaysia macht sich eine Ausweitung des Sortiments auf Halal offenbar bezahlt. Laut Schät­zun­gen betrug der Weltmarkt für Halal-Lebensmittel 2004 noch 140 Milliarden Dollar und kletterte 2008 auf 632 Milliarden. Das Potenzial ist gross, ein Fünftel der Weltbevölkerung sind Muslime.

Leisi exportiert Halal
Rund 100 Institute weltweit übernehmen
die Zertifizierung, der Begriff ist allerdings ­rechtlich noch nicht geschützt. «Eine Halal-Zertifizierung bedeutet insbesondere auch eine zusätzliche Qualitätssicherung», betonte Baddredin Hawari vom Islam-Zentrum in Aachen an einem öffentlichen Gespräch an der letztjährigen Anuga, wo Halal ein ­Schwerpunkt war. Während in Grossbritannien Tesco und in Frankreich Carrefour schon ganze Regale mit Halal-Essen füllen, halten sich die deutschsprachigen Grossverteiler zurück. Die Verarbeiter hingegen haben den Wachstumsmarkt erkannt. Nestlé etwa generiert schon fünf Prozent des Umsatzes mit Halal, wobei Süssigkeiten wie Kit Kat und Smarties, Maggi-Suppen und Nescafé bereits seit den Achtzigerjahren in einer Halal-Variante hergestellt werden. In der Schweiz lässt Nestlé etwa die Leisi-Teige auch Halal-konform produzieren und exportiert nach Frankreich und Deutschland. Stein des Anstosses ist der Konservierungsstoff Alkohol, der beim Backen zwar verdampft, für strenggläubige Muslime aber trotzdem inakzeptabel ist. Als Ersatz wird Kaliumsorbat verwendet. «Wann und wo Halal-Produkte von Nestlé in der Schweiz eingeführt werden, ist noch nicht absehbar», so Nestlé-Schweiz-Sprecher Philippe Oertlé.

Mars macht mit Halal mobil
Das imposante Umsatzwachstum wird sich aber nicht zwingend in zusätzlichen Regalmetern niederschlagen. Häufig dürften bis­herige Rezepturen beibehalten und einfach
zu den üblichen Qualitätsinstrumenten eine Halal-Zertifizierung dazukommen. Mars steckt mit seinen Riegeln Snickers, Twix und Balisto mitten in der Zertifizierung, «bis Ende 2010 werden mit wenigen Ausnahmen alle ­unsere in Europa angebotenen Produkte zertifiziert sein», sagt Mars-Sprecherin Verena Krummenacher. Rezepturen mussten keine angepasst werden, bloss einzelne Produkte können aufgrund ihrer Inhaltsstoffe nicht ­zertifiziert werden. Trotz dem Aufwand soll die Halal-Qualität nicht auf der Verkaufsverpackung eines jeden Produkts ausgelobt werden. «Wir werden die Information bei An­fragen auf unserer Kunden-Infoline weiter­geben», so Krummenacher.

Ölmühle reagiert
Voraussetzung für die verarbeitende Industrie, auf Halal zu setzen, sind von einem Institut zertifizierte Rohstoffe. Die Florin AG in Muttenz hat sich entsprechend eingerichtet. Seit November 2009 sind Ölmühle und Raffinerie des grössten Schweizer Fettverarbeiters Halal-zertifiziert; Containerware kann jetzt schon in Halal-Qualität ausgeliefert werden. «Bei der Re-­Auditierung im Winter 2010 wird die Abfüllerei folgen, damit das Sortiment im Kleingebinde ebenfalls den Halal-Normen entspricht», sagt Christian Florin, Vorsitzender der Geschäftsleitung. Der Schritt bedeutete für die Florin AG, auf die Raffination tierischer Fette komplett zu verzichten, um Kreuzkontami­nationen auszuschliessen. Ersetzen musste Florin einige tierische Stabilisatoren.
Die Transporteure haben zudem die ­Auflage, vorher ausschliesslich Halal-konforme Lebensmittel in den Zisternen zu trans­por­tieren. Christian Florin: «Halal ist ein ­weiterer Erfolgsfaktor, um neue Märkte zu ­erschliessen.»