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Biodiversität als Agro-Koppelprodukt

2010 ist das Jahr der Biodiversität – was bedeutet das?

von Foodaktuell Importer

Die Artenvielfalt nimmt zu, die Ökoflächen bleiben konstant, die Agrobiodiversität ist in Genbanken gesichert. Doch die Vielfalt wird immer gleichförmiger. Und die vielfältigen Familienbetriebe, die Hüter einer vielfältigen Landwirtschaft, drohen zum Auslaufmodell zu werden.


Das Jahr 2010 ist das Jahr der Biodiversität. Zahlreiche Aktivitäten sind geplant, häufig wird dabei die Landwirtschaft dabei thematisiert. So werden die Naturschutzorganisationen darauf hinweisen, dass die Bauern viel zu wenig für die Erhaltung der Biodiversität tun. Und die landwirtschaftlichen Organisationen werden aufzeigen, dass sich die Bauern bereits sehr für die Erhaltung der Vielfalt einsetzen.

Im vorliegenden Dossier geht es um den Bereich “dazwischen”: Wo und warum machen die Bauern etwas für die Biodiversität? Warum machen sie nicht mehr, warum nicht weniger? Welche Rolle spielt das Geld? Ist die Gesellschaft wirklich bereit, mehr Geld für mehr Biodiversität auszugeben? Die Abhandlung ist nicht vollständig – dafür ist das Thema viel zu komplex –, sondern als Diskussionsbeitrag gedacht.

Mehr Arten – weniger Artenreichtum

Obwohl zugunsten der Biodiversität bereits vieles unternommen und vieles erreicht ist, besteht kein Grund zur Beruhigung: Denn die Vielfalt wird nicht wertvoller, sondern gleichförmiger. Die Rassen und Sorten gleichen sich an, die Vielfalt wird immer banaler. Das gilt sowohl für den Bereich der wildlebenden Pflanzen und Tiere als auch bei der Agrobiodiversität. Aller-Welts-Rassen verdrängen heimische Rassen aus den Ställen und der Markt für alte Kulturpflanzen findet nach wie vor nur in einer kleinen Nische statt.

Auf lange Sicht hängt das Überleben der Menschheit von der Vielfalt ab; einer Vielfalt, die von einer vielfältigen Landwirtschaft am besten bewahrt werden kann. Und die vielfältige schweizerische Landwirtschaft ist be­droht: Globalisierung und Freihandel könnten dazu führen, dass sich der Acker-, Obst- und Gemüsebau in der Schweiz nicht mehr lohnt. Dann würde schweizweit fast nur noch Milch für den Exportmarkt produziert.

In einer nach ökonomischen Gesichtspunkten “fitgetrimmten” Landwirtschaft würden einseitige Spezialbetriebe dominieren, welche sich an industriellen Werten wie Wachstum und Cashflow orientieren. Vielfältige Familienbetriebe verlieren ihre Existenzberechtigung. Mit ihnen verschwinden zahlreiche Lebensräume. Denn Biodiversität ist ein Koppelprodukt einer vielfältigen Landwirtschaft. Ohne Bauern keine Vielfalt.

Ist die Gesellschaft reif für mehr Vielfalt?

“Biodiversität ist in der Alltagswahrnehmung der Schweizer Bevölkerung angekommen”, lautete die Zusammenfassung einer kürzlich erschienenen Studie des Bundesamtes für Umwelt, BAFU, welche auf einer repräsentativen Umfrage beruht. Sie stellte fest, dass die Schweizer Bevölkerung mehrheitlich weiss, was mit dem Begriff Biodiversität gemeint ist und dass sie die Erhaltung aus verschiedenen Gründen für wichtig halten: für zukünftige Generationen, für die Schönheit der Natur, als Basis einer moralischen Pflicht, oder aus wirtschaftlichen Gründen.


Wer in der Schweiz Direktzahlungen beantragt, muss mindestens
7 Prozent (bei Spezialkulturen 3,5 Prozent) der
landwirtschaftlich genutzten Fläche dem ökologischen
Ausgleich zur Verfügung stellen. Bild: Beispiel einer ökologischen Ausgleischsfläche ÖAF mit Hecke.

Interessanterweise hatten die meisten Befragten trotzdem kein Bedürfnis, mehr zu diesem Thema zu erfahren. Dass die Vielfalt in der Schweiz ernsthaft bedroht ist, war nur rund der Hälfte der Befragten klar, die Mehrheit stufte eine allfällige Bedrohung höchstens als mittelmässig ein. Grundsätzlich scheint es zwar eine gewisse Bereitschaft zu geben, auf die drohende Verarmung der Biodiversität zu reagieren. In der Umfrage wurden entsprechende Massnahmen mehrheitlich akzeptiert. Doch – wie so oft – war die Akzeptanz von Massnahmen nur dann gross, wenn die Befragten nicht persönlich davon betroffen waren.

Aufklärung tut Not

Auch die Bauern und Bäuerinnen sind Teil der Gesellschaft, in vielen Fällen dürfte ihre Einschätzung des Zustands der Biodiversität ähnlich ausfallen. Vielleicht halten sie die Biodiversität auch nicht in dem Ausmass für bedroht, wie das die meisten Naturwissenschafter tun? Allerdings sind die Bauern und Bäuerinnen darauf angewiesen, dass die Bevölkerung die bäuerlichen Aktivitäten zur Erhaltung der Biodiversität kennt und wertschätzt. Letztlich sollen die Steuerzahler und Konsumenten diese Arbeit ja honorieren.

Fragt sich nur, wie das geschehen soll, wenn a) das Problembewusstsein in der Bevölkerung gering ist und b) die wenigsten der Befragten wissen, dass Biodiversität nicht nur auf Naturschutzflächen vorkommt. Denn auch das hat die Umfrage an den Tag gebracht: Mit Biodiversität assoziiert die Bevölkerung vor allem Artenvielfalt, Naturschutz im weitesten Sinne oder Bioprodukte. Dass eine vielfältige Land­wirtschaft mit vielfältigen Höfen die eine hohen Rassen- und Sortenvielfalt kultivieren auch dazu gehören, scheint noch weitgehend unbekannt.

Es gibt also noch viel zu tun. Das Internationale Jahr der Biodiversität 2010 bietet die Gelegenheit dazu. Die Bevölkerung soll wissen, was es langfristig braucht, um die Vielfalt aufrecht zu erhalten. Sie sollte verstehen, dass Biodiversität ein Koppelprodukt einer vielfältigen Land­wirtschaft ist. Denn ohne Bauern gibt es keine Biodiversität – doch ohne Biodiversität gibt es auch keine Landwirtschaft. (Text: LID / Eveline Dudda)