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«Mikrobielle Nahrung wird kommen»

Gottfried Schatz ist überzeugt, dass, wenn Mikroorganismen gezielt verändert werden, sanftere Produktionen von Lebensmitteln- oder Werkstoffen gelingen. So könnte Fleisch künftig im Labor produziert werden.

von Alimenta Import

Alimenta: Wie und mit welchen Werkstoffen werden wir in Zukunft Lebensmittel produzieren?
Gottfried Schatz: Die heutige Fabrikation von Nahrungsmitteln und auch von anderen Produkten für den täglichen Gebrauch erfordert meist immer noch hohe Drücke und Temperaturen sowie aggressive Che­mikalien und führt nicht selten zu giftigen Abfällen. Dies bedingt resistente Werkstoffe und Abfallentsorgung.

Wie könnten andere Verarbeitungsformen aussehen?
Ein Weg, dies zu ändern, ist, dass man Werkstoffe in einem wachstumsähnlichen Prozess sich selber produzieren lässt. Dazu könnte man Mikroorganismen, die man in der Natur findet, durch «genetic engine­er­ing» gezielt abändern oder sogar von Grund neu aufbauen, wobei dann wenig oder gar keine giftigen Abfallprodukte entstünden. Die Materialien könnten sich auch von selbst wieder zersetzen, wie beispielsweise einige Verpackungsmaterialien. Das Ziel ist, von einer harten und aggressiven zu einer sanften, lebensähnlichen Technologie überzugehen.

Und wie kann dies ermöglicht werden?
Unsere wachsende Beherrschung der Chemie hat uns in den letzten 150 Jahren komplizierte synthetische Materialien wie Teflon, Nylon, Plexiglas und viele weitere moderne Kunststoffe geschenkt. Gleichzeitig lernten wir immer mehr über die chemische Struktur und den Aufbau lebender Zellen – die komplizierteste Form der Materie, die wir im Universum kennen. Jetzt können wir dazu übergehen, diese Materie nachzubauen und ihr ungeahnte Eigenschaften geben.

Könnten einmal auch lebensähnliche Materia­lien als Ersatz für Metalle eingesetzt werden?
Gerade Werkstoffe wie Aluminium, Magne­sium oder Titan brauchen zu ihrer Her­stellung zwar sehr viel Energie, sind aber immer noch relativ billig und beständig.
In naher Zukunft werden lebensähnliche Mate­rialien sie wohl nicht im grossen Massstab ersetzen können. Doch wenn wir zu «sanfteren» Produktionsmethoden über­gehen, werden diese Metalle immer weniger zum Einsatz kommen.

Was bringt es, diese Metalle zu ersetzen?

Das Ziel ist, dass Produktion und Chemie im allgemeinen sanfter werden. Früher war Chemie überall sichtbar: sie hat geätzt, ­gefleckt und die Nase beleidigt oder den Himmel mit braunen Wolken verunstaltet. Heute sieht man die chemische Produktion der Werkstoffe kaum noch. Chemie ist zwar allgegenwärtig, aber unsichtbar. Nur Experten können heute noch erkennen, wie viel «Chemie» in jedem unserer Lebensmittel steckt.

Ist es nicht ein Widerspruch? Lebensmittel und andere Produkte des täglichen Gebrauchs werden immer günstiger. Gleichzeitig steckt immer mehr Technologie drin.

Das gilt allgemein für Hochtechnologie. Am Anfang ist sie sehr teuer. Wenn aber in grossem Massstab produziert wird, sinken die Kosten meist dramatisch.

Wie sieht ein Beispiel einer «sanften» Hochtechnologie aus?
Ein Beispiel, das sehr kontrovers diskutiert wird, sind genetisch modifizierte Pflanzen, die für viele Konsumenten (noch) nicht akzeptabel sind. Ein Grund dafür ist, dass es bis heute der Industrie nicht gelungen ist, ein «Genfood» auf den Markt zu bringen, das für den Konsumenten einen wirklichen Mehrwert bringt. Wenn etwa einmal GVO-Äpfel vitaminreicher wären und dazu noch besser schmeckten, würden die meisten Konsumenten solche Produkte sicher kaufen. Ein weiterer Grund für die heutige Ablehnung von «Genfood» sind diffuse Ängste.

Wie könnten andere «sanfte» Technologien in der Lebensmittelindustrie denn aussehen?
In den nächsten Jahrzehnten werden mikro­biell und pflanzlich hergestellte Nahrung immer wichtiger werden. Fleischliche Nahrung hingegen wird knapper, teurer und wahrscheinlich unwichtiger werden. Heute schmeckt Fleisch selbstverständlich noch viel besser als entsprechende Ersatzprodukte und enthält auch wichtige Wirkstoffe wie leicht verwertbares Eisen und Vitamin B12. Künftig wird aber der weltweite Energieaufwand für die Fleischproduktion, bei immer mehr Menschen auf der Welt, die immer «besser essen» wollen, nicht mehr tragbar sein.

Also ist Fleisch aus dem Labor keine Science ­Fiction?
Solches «Fleisch» gibt es schon. Die Frage ist, ob die Konsumenten es akzeptieren. Es könnte aber viel gesünder und ethisch ­unbedenklicher sein als herkömmliches Fleisch. Seine Herstellung könnte überdies iel weniger. Energie benötigen und die ­Umwelt weniger belasten als beispielsweise ein Rib-Steak. Was mit Vegi-Hamburger als ­erstem Versuch angefangen hat, wird vielleicht bald gang und gäbe sein.

Wie lässt sich die Unterscheidung zwischen Schinken, wo Muskelfleisch mit pflanzlichen Fetten angereichert wird und als Mogelschinken gilt, und demjenigen, der im Labor produziert wird, machen?
Das sind zwei verschiedene Welten. Das eine ist seriöse Hochtechnologie, das andere Betrug am Konsumenten. Die Neuerung
in der Nahrungsmittelproduktion, die ich hier in den nächsten Jahrzehnten auf uns zukommen sehe, ist eine gesunde, stabile ­Nahrung auf pflanzlicher oder gar mikrobieller Basis.

Wird diese Forschung für «Food aus dem Labor» auch vorangetrieben, weil die Ressourcen knapp werden?
Die kurzfristigen Probleme sind wohl die Energiekosten und Abfall. Die Leute realisieren nicht, dass für die heutige Produktion einer Kalorie Nahrung in vielen Fällen eine Kalorie Erdöl verbrannt werden muss. Unsere Nahrungsmittelproduktion ist im Grunde genommen eine groteske Maschi­ne, die Erdöl in Nahrung verwandelt. Die Produktion von Fleisch erfordert viel Energie und ist schon deshalb sehr teuer. Wenn eine Kuh 1000 pflanzliche Nahrungskalorien frisst, produziert sie im besten Fall 8 bis 10  Kalorien Fleisch. Ein weiteres Problem ist die Wasserknappheit.

Wie sehen dann Lösungen aus?
In der Energiekette, die mit der Sonne beginnt, müssen wir uns möglichst nahe an der Sonne positionieren: Nicht hinten als fleischessendes drittes Glied, sondern als zweites Glied, das sich vorwiegend von Pflanzen ernährt. Im Prinzip könnten wir damit unsere Nahrungsmittelproduktion verzehnfachen.

Diese Produktionsformen mit neuen synthetisch hergestellten Nahrungsmitteln können aber auch nur von international agierenden Multis entwickelt werden. Also verschwindet der Bauer und mit ihm der kleinere Lebensmittelverar­beiter?
Vieles deutet darauf hin, dass der Klein­produzent sich auf «Luxusnahrung» konzentrieren wird – oder sich dank staatlicher Zuwendungen immer mehr zum Landschaftspfleger wandelt.

Wenn wir das Beispiel Fleisch nehmen, wird wohl kein KMU-Fleischverarbeiter mit 150 Angestellten Fleisch im Labor herstellen?
Nicht im Labor, aber vielleicht in einer kleinen Produktionseinheit. Wenn einmal die dafür nötigen Technologien entwickelt sind (und dies wird wahrscheinlich in grossen Firmen geschehen), könnten Schweizer KMUs diese Technologien durchaus effi­zient einsetzen und auch verbessern.

Können Sie eine Vision wagen, wie ein Lebensmittelhersteller in 40 Jahren aussehen wird?
Die Voraussagen zur Schweizer «Minarett»-Initiative haben gezeigt, dass eine solche ­Vision zu kühn wäre. Ich hoffe aber, dass die Produktion von Lebensmitteln in 40 Jah­ren energie-, gesundheits- und umweltbewuss­ter sein wird als sie es heute ist.
Interview: Hans Peter Schneider