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Die Hochburg im weltweiten Handel

Obwohl die Schweiz keine Rohstoffe abbauen kann, ist sie doch ­entscheidend in der Kontrolle der weltweiten Warenströme. Der Handel läuft über die Konten von Schweizer Händlern.

von Alimenta Import

12?000 Rohstoffhändler arbeiten in der Schweiz, über 80 Prozent der 125 Millionen 60-kg-Säcke, die weltweit verschoben werden, sind von Schweizer Firmen gehandelt. Bei Getreide, Ölsaaten und Reis wird ein Drittel des globalen Bedarfs durch Schweizer Händler abgewickelt. Der grösste Erdölhändler, Vitol (200 Mio. Tonnen Rohöl pro Jahr) hat seinen Sitz in Genf. Der zweitgrösste, Glencore ist in Baar beheimatet,
und am weltweit drittgrössten Erdölhändler ­Gunvor mit Sitz in Genf soll sogar Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin beteiligt sein. 80 Prozent des russischen Erdöls werden aus der Schweiz aus gehandelt.
Das emsige Handeln an den Gestaden des Genfer- oder des Zugersees hat sich in den letzten Jahren verstärkt. Kaffee oder Kakao wurden seit langem hier gehandelt. Schliesslich liegt auch der Standort von Schokolade- oder Kaffeeverarbeitern wie der Nestlé oder auch Jacobs Suchard (heute Kraft) in der Schweiz. Seit zwanzig Jahren erledigt auch Starbucks den gesamten weltweiten Einkauf in Lausanne und der Kaffeeröster Taloca ­handelt in Zug. Sara Lee und Volcafé, die beide zu den grössten Kaffeehändlern der Welt gehören, wirken ebenfalls aus der Schweiz.

Von Getreide zu schwarzem Gold
Die ersten Handelshäuser wie André, Panchaud, Frankel, Cohen und Schilter ent­standen in den 1920er-Jahren im Kanton Waadt. In den fünfziger Jahren siedelten sich erste amerikanische Getreidehändler in Genf an, in den Sechzigern kamen ägyptische Baumwollhändler, zehn Jahre später arabische Erdölhändler, bis in den 1990er-Jahren russische Händler ihre Zelte in der Rhonestadt aufschlugen.

Standortvorteil
Die Attraktivität der Schweiz auf Rohstoffhändler ist ungebrochen. Ein Händler der alt­eingesessenen Genfer Firma Walter Matter SA zählt die Vorteile auf: Die Banken zur Finanzierung der Geschäfte sind da, die Versicherungen, die Reedereien und die Spediteure. Klar ist aber auch, dass ein Hauptgrund
für die Anwesenheit der Händler in den ­steuerlichen Vorteilen Helvetiens liegen. Firmen, die mehr als 80 Prozent ihres Umsatzes im Ausland erzielen, müssen kaum Steuern bezahlen. Das alterwürdige Handelshaus Louis Dreyfus, das mit Getreide, Ölsaaten, Reis, Zucker und Kaffee handelt, hat vor fünf Jahren seinen Sitz von Paris nach Genf verlegt. Der Händler will jedoch auf Anfrage keine Gründe nennen, warum die Schweiz als Stand­ort gewählt wurde.

Verschwiegenheit im Risikogeschäft
Natürlich gab es auch «Rückschläge» in der Rolle der Schweiz als Rohstoffhandelsplatz. So stellte der traditionsreiche Händler André & Cie. im Jahr 2001 seinen Betrieb in Lausanne ein. Die Partnerfirma in Italien hat sich damals mit festen Termingeschäften verspekuliert und die Krise in Argentinien, wo André viel Geld in die Verarbeitung von Ölfrüchten investiert hatte, gab dem Händler den Todesstoss. Doch die «Wichtel» sind da, wie
das «Wall Street Journal» in einem Artikel Schweizer Rohstoffhändler bezeichnete, die im Verborgenen die globalen Warenströme lenken. Sie würden das Licht der Öffentlichkeit scheuen wie der Teufel das Weihwasser und dabei so hohe Umsätze machen wie die grössten Industriekonzerne.
Auch ein weitereres ganz typisches helvetisches Segment, das vom Cluster-Effekt (der regionalen Konzentration ähnlich gelagerter Firmen) profitiert, macht grosse Umsätze mit der Handelstätigkeit. Rohstoffe müssen vor­finanziert werden. Es wird geschätzt, dass
dies ein weltweiter Markt von 4000 Milliarden Franken ist. In den letzten Jahren seien diese Summen jeweils stark angestiegen.

Globalisierung steigert den Finanzbedarf
Die Genfer Kantonalbank sieht den Grund dafür in der Globalisierung. Der Welthandel nimmt weiter zu. Dies braucht zwangsläufig mehr Kapital, besonders wenn auch die ­Rohstoffe ständig teurer werden. Die steigende Bedeutung Genfs als internationaler Han­delsstandort wurde mit der Gründung einer Interessenvertretungsorganisation, der Gene­va Trading and Shipping Association, unter­strichen. Im Verwaltungsrat sitzen sowohl Vertreter von Handelshäusern wie der Cargill, als auch von Banken (BNP Paribas).

Auf der Zentralachse
Für Göpf Lanz, Einkaufschef von Nestlé Suisse, ist die Anwesenheit der Rohstoffhändler im Raum Genfersee nicht relevant für das Tagesgeschäft, denn Handel sei heute ein globales System. «Nestlé Suisse kauft selten über Händ­ler ein», sagt Lanz, «vor allem, wenn es sich um kleinere Mengen oder etwas Spezielles handelt».
Auch die Schweizer Reederei, die Mediterranean Shipping Company (MSC), die 400 Schiffe über die Weltmeere dirigiert, lässt verlauten, dass es keine Rolle spiele, wo die Rohstoffhändler sitzen. Die Schweiz ist in der Mitte von Europa, dies habe die Besitzerin der zweitgrössten Handelsflotte der Welt bewogen, sich vor dreissig Jahren in Genf anzu­siedeln. Aus dem gleichen Grund etablierten sich schon in den 1920er-Jahren türkische Händler geografisch in der Mitte der Linie zwischen London und Istanbul – in Genf, ­direkt auf der Linie des Orient-Expresses, der die beiden Metropolen verband.