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Droht langfristig eine Verknappung?

Wie und wo beschaffen wir unsere Rohstoffe in zehn Jahren? Welche Herausforderungen gilt es zu meistern? Der Autor versucht Antworten zu finden.

von Alimenta Import

Wir lesen es beinahe täglich, die Welt steht vor dramatischen Veränderungen. Globalisierung, Energie- und Rohstoffmangel, Umweltprobleme, Bevölkerungs­wachs­tum und sich ändernde Ernährungsgewohnheiten. Vor allem im Nahrungsmittelsektor zeichnet sich eine Entwicklung ab,
die unser Einkaufsverhalten in den nächsten ­Jahren nachhaltig verändern wird.
Nur, bis heute merken wir kaum etwas davon. In den letzten 30 Jahren gab es immer alles zu kaufen. Folge: Butterberge, Milchschwemme, zum Bersten gefüllte Interven­tionslager, immer günstig werdende Importe. Bei den Preisen für Nahrungsmittelrohstoffe schien es nur eine Richtung zu geben: Nach unten. Nach einer starken Preishausse in den Jahren 2007 und 2008 schien sich das Blatt für immer zu wenden, aber schon im Folgejahr 2009 zeigten die meisten Indikatoren wieder nach unten. Überfluss und günstige Preise, fast wie eh und je.

Ernährungsgewohnheiten entscheidend
Somit könnte man eigentlich zur Tagesordnung übergehen, wenn da nicht ein paar Fakten wären, die uns nachdenklich stimmen sollten.
Zwischen den Jahren 1950 und 2000 ist die Weltbevölkerung von 2,5 Milliarden auf 6,15 Milliarden gewachsen. Heute muss die Erde gegen 7 Mrd. Menschen ernähren. Davon werden voraussichtlich 1 Mrd. in den nächs­ten Jahren ihre Ernährungsgewohnheiten verändern, ein Grossteil davon in der Volksrepublik China. In Zukunft möchten die Chinesen etwas mehr als die von Mao ­Tse-tung garantierte Schale Reis pro Tag, nämlich noch ein Stück Fleisch. In diesem Zusammenhang dürften folgende Zahlen interessant sein: 1980 lag der durchschnittliche Fleischkonsum bei 28 kg pro Kopf der Welt­bevölkerung. Für 2010 wird ein solcher von 41 kg geschätzt. Für 1 kg Fleisch werden 7 bis 8 kg Getreide benötigt, und das für eine ­zusätzliche Milliarde Menschen. Zwischen 1950 und 2005 ist die Welt­getreideproduktion von 600 Mio. auf 2 Mrd. Tonnen gestiegen. Die Produktion pro Kopf sinkt jedoch seit 1990 stetig.
 
Der «ökologische Fussabdruck»
Der «ökologische Fussabdruck» (die weltweit verfügbare Fläche zur Erfüllung der menschlichen Bedürfnisse wie Nahrung, Kleidung und Energie) wird heute bereits um 23% überschritten. Pro Kopf der Weltbevölkerung stehen 1,8 ha zur Verfügung, «verbraucht» werden aber durchschnittlich 2,2 ha. Zum Vergleich: Die USA benötigen 9,7 ha, die EU/Schweiz 4,7 ha. Die Differenz geht zulasten Chinas (1,6 ha), Indiens (0,7 ha) und der ärmsten Entwicklungsländer.
Kombiniert man nun das zu erwartende Bevölkerungswachstum mit den sich ändern­den Ernährungsgewohnheiten, unseren Konsumwünschen und allenfalls mit dem Bedarf für nachwachsende Rohstoffe (Bioethanol und Biodiesel), sieht die Zukunft nicht besonders rosig aus. Eigentlich wissen wir es alle. ­Irgendwann kann uns die Erde nicht mehr ­ernähren, zumindest nicht mehr so, wie wir es gewohnt sind. Aber Strategien dagegen sind bei uns, aber auch bei unseren Regierungen keine zu erkennen.

Was tun die anderen?
Es stellt sich nun die Frage, ob andere Länder diese Entwicklung ebenso ignorieren wie vermutlich wir auch. Verschiedene Meldungen
in den letzten Monaten belegen, dass insbesondere die Volksrepublik China seit Jahren Vorbereitungen trifft, die drohende Rohstoffknappheit zu vermindern. China setzt seit ­einiger Zeit seine stetig wachsenden Devisenreserven dazu ein, in Rohstoffproduzenten und Land zu investieren. Ob Erzminen, Ölfelder, Fabriken oder insbesondere Agrarland, China kauft ein.
Was dies für unsere Zukunft bedeuten könnte, zeichnet sich in einzelnen Bereichen bereits ab. Zum Beispiel bei seltenen Erden (Rare Earth Elements, kurz REE), Metallen wie Neodym, Lanthan usw. Diese werden zur Herstellung von PC, Flachbildschirmen, Solar­zellen oder Elektromotoren benötigt. Der Preis des Metalls Neodym lag 1990 bei 50 US-Dollar pro Kilo und brach dann auf rund 5 Dollar ein. In der Folge stellten weltweit die meisten Minengesellschaften die Produktion von Neodym ein. Heute fördert China rund 95% dieser seltenen Erden. Mittlerweile kostet Neodym wieder um 20 US-Dollar pro Kilo. Zudem kündete das chinesische Industrieministerium wegen Knappheit dieser Rohstoffe massive Exportbeschränkungen an.

Outsourcing Landwirtschaftsproduktion
Das Outsourcing der landwirtschaftlichen Produktion ist ein neuer, wenn auch stark umstrittener Trend. Reiche Länder kaufen oder pachten Land in armen Ländern. So kann der Weltmarkt umgangen und die eige­­ne Versorgungssicherheit verbessert werden. Grundsätzlich ist dies nichts Neues, nur die Dimensionen sind ganz anders. Südkorea, die Vereinigten Emirate, aber auch Länder wie Ägypten pachteten jeweils mehr als 500?000 ha im Sudan, China 2,8 Mio. ha im Kongo und über 2 Mio. ha in Sambia. Nach Schätzung des IFPRE (International Food Policy Research Institute) waren seit 2006 gegen 20 Mio. ha Farmland in ärmeren Ländern Gegenstand von Übertragungen oder Gesprächen. Das entspricht rund 20% der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche der EU. Ein Aspekt, der bei oberflächlicher Betrachtung dieser neuen Situation vielfach unbeachtet bleibt, ist das Recht auf Wasser, in den meisten Ländern notwendigerweise eine Gratiszugabe. Diese dürfte im zunehmenden Masse der wertvollste Teil des Geschäfts sein.

Wie weiter?
Die genannten Punkte dürften jedoch erst der Anfang einer länger andauernden Entwicklung sein. Die Investitionen Chinas und anderer kapitalstarken Länder wie der Golfstaaten, Koreas oder Indiens dienen in Zukunft dazu, ihre eigene Versorgungssicherheit sicherzustel­len. Alles deutet darauf hin, dass wir nicht nur im Nahrungsmittelsektor langfristig vor einer Verknappung stehen. Es wird irgendwann nicht mehr möglich sein, einfach etwas mehr zu bezahlen. In zehn Jahren ist es nicht nur eine Frage des Geldes, sondern vielmehr eine Frage der Versorgungssicherheit. Die strategischen Beteiligungen im Ausland werden als solche genutzt. Es dürfte in zehn Jahren keine billigen Nahrungsmittel mehr geben.

Ernährungssicherheit kostet
Wir werden in den nächsten Jahren vermehrt Beispiele sehen, wie dasjenige der seltenen ­Erden (REE). Aber was heisst das für unsere Zukunft? Wir werden wohl nicht darum ­herumkommen, unser Einkaufsverhalten insbesondere im Rohstoffbereich nachhaltig zu verändern. Die Zeiten von «Geiz ist geil» dürften bald einmal vorbei sein. Ernährungs- und Versorgungssicherheit wird wieder etwas kos­ten. Partnerschaften für strategische Produkte werden wieder zunehmend an Bedeutung gewinnen. Wir werden uns vermehrt auf europäische Produzenten abstützen und auch ­daran gewöhnen müssen, faire Preise für ­Lebensmittel und Rohstoffe zu bezahlen – auch an unsere Bauern.
* Der Autor ist Inhaber des Rohwarenspezialisten W. Kündig AG