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Rohstoffkosten drücken die Margen

Nach einem Jahr der Stabilisierung dürften die für die Nahrungsmittel­industrie relevanten Rohstoffkosten im Jahr 2010 weiter ansteigen. Die Möglichkeiten für Preiserhöhungen bei den Produkten bleiben verhalten.

von Alimenta Import

Die Bankanalysten erwarten für das Jahr 2010 höhere Rohstoffkosten. Nach dem turbulenten Jahr 2008, währenddessen die Preise der börsennotierten Rohstoffe im Nahrungsmittelbereich zunächst stark anstiegen und danach im Zuge der ­Finanzkrise einbrachen, war 2009 ein Jahr der Stabilisierung. Die Preise für die grössten Märkte Soja, Weizen und Mais notierten die meiste Zeit des Jahres seitwärts, während gleichzeitig die Volatilität erhöht blieb. Jedoch kam es in einzelnen Märkten auch schon ­wieder zu ersten deutlichen Preissteigerungen. So stieg der Preis für Zucker im Jahresverlauf um mehr als 140%. Auch der Kakao­preis zog um mehr als 25% an. Die Preisanstiege beim Zucker sind vor allem auf witterungsbedingte Angebotsausfälle beim zweitgrössten Zuckerproduzenten Indien (–?40% gegenüber 2008) und in Brasilien zurückzuführen. Diese Ereignisse führten zum grössten Angebotsdefizit seit mehr als 20 Jahren und somit zu einem starken Preisanstieg.
Im Kakaomarkt ist das Bild ähnlich. Während die Nachfrage im Zuge der wirtschaftlichen Erholung vor allem in der zweiten Jahreshälfte wieder zugenommen hat, blieb das Angebot beschränkt. Die Kakaoproduktion leidet unter strukturellen Problemen, vor allem in der Elfenbeinküste, dem weltweit grössten Produzenten. Alternde Kakaobäume und zu wenig Regen führten 2009 das dritte Jahr in Folge zu einem Angebotsdefizit und dementsprechend zu einem Preisanstieg.

Rohstoffe bleiben allgemein knapp
Das Angebot für Zucker und Kakao dürften also auch im Jahr 2010 knapp bleiben. Zwar ist aufgrund des Preisanstieges in beiden Märkten mit einer Produktionsausweitung zu rechnen, es ist allerdings fraglich, ob diese mit der weiter steigenden Nachfrage Schritt halten kann. Zudem dürften die Lagerbestände, die als Puffer für eventuelle Ernteausfälle dienen, tief bleiben. Auch die grösseren Märkte Soja, Weizen und Mais sollten 2010 von steigen­der Nachfrage und eingeschränktem Produk­tions­­wachstum geprägt sein. Das Verhältnis zwischen weltweitem Konsum und Lagerbeständen, das allgemein als Mass für die Versorgungslage mit Nahrungsmittelrohstoffen gesehen wird, befindet sich für die meisten Märkte bereits auf mehrjährigen Tiefstständen und dürfte sich 2010 vor allem aufgrund des steigenden Verbrauchs weiter einengen.
Die im Vergleich zu 2008 nach wie vor tiefen Preise in Kombination mit steigenden Kosten für Agrardiesel und Düngemittel dürften einer starken Produktionserhöhung im Wege stehen. Die steigenden Öl- und Gaspreise spielen in diesem Zusammenhang eine Doppelrolle. Zum einen erhöhen sie die Produktionskosten, zum anderen steigt durch sie auch die Nachfrage nach Biokraftstoff aus Soja, Raps und Mais. Die Kombination aus sich erholender Nachfrage und stagnierender Produktion dürfte 2010 auch nichtbörsennotierte Rohstoffe treffen. So stieg beispielsweise der Milchpreis in den USA bereits 2009 deutlich an. Für 2010 rechnet das US-Landwirtschaftsministerium sogar mit einem leichten Rückgang der Milchproduktion bei gleich­zeitig steigender Nachfrage aus dem Ausland.

Erneut höhere Preise
Insgesamt werden daher für 2010 allgemein erneute Preissteigerungen bei den für die Nahrungsmittelproduktion verwendeten Roh­stoffen erwartet. Zucker und Kakao sollten ihre Preiszugewinne zumindest halten ­können, die Preise für Soja, Mais und Weizen dürften spürbar steigen. Rohstoffe als Inputkosten/Materialkosten machen für die Nahrungsmittelindustrie ungefähr 20 bis 30% der Umsatzkosten aus, was etwa 35 bis 45% der gesamten Herstellkosten entspricht. Demzufolge haben wieder ansteigende Rohstoffkosten für die Nahrungsmittelindustrie einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss auf die Brutto­marge. Die für die Nahrungsmittel relevanten Rohstoffkosten verteilen sich auf Agrarrohstoffe (vor allem Weizen, Soja und Speiseöle), wie eingangs beschrieben, sowie auf Verpackung (Glas,  Karton, PET), Transport sowie Energie zur Produktion (Rohöl, Gas oder Strom), aber auch auf meist nicht börsengehandelte Rohstoffe wie Milch oder Gemüse.

Preiserhöhungen sind heikel
Für die Nahrungsmittelbranche ist vor allem das organische Wachstum durch Volumenzuwachs und Preiserhöhungen sowie die operative oder Bruttogewinnmarge wichtig. Im Jahr 2007 waren die Rohstoffe bereits deutlich im Aufwärtstrend, und angesichts der noch intakten Weltwirtschaft konnten die höheren Rohstoffpreise ohne Weiteres via den Gross- und Detailhandel auf die Endverbraucher überwälzt werden. Inzwischen hat die Weltwirtschaft die aus der Kreditkrise hervorgegangene Rezession zwar überlebt, jedoch hat sich das Konsummodell verändert.
Während der Konsum in den vorherigen Jahren in bedeutenden Ländern wie den USA und Grossbritannien stark durch Konsum­kredite und durch einen positiven Vermögenseffekt angetrieben wurde, ist nun das Gegenteil der Fall. Das Konsumentenvertrauen ist immer noch verhältnismässig tief, und in ­einzelnen Ländern sehen sich die Konsumenten gezwungen, ihre Schulden abzubauen, was ­gegenwärtig einen noch immer eher schwachen Konsum und Detailhandel zur Folge hat. Deshalb können der Handel und damit auch die Nahrungsmittelproduzenten nicht mehr so einfach höhere Produktpreise durchsetzen wie noch vor zwei Jahren.

Nur durchschnittliche Margenausweitung
Das zentrale Thema für 2010 dürfte nach den Analystenmeinungen sein, dass die wieder ­ansteigenden Rohstoffkosten bei gleichzeitig immer noch verhältnismässig schwacher Preissetzungsmacht die Bruttomargen der Nahrungsmittelindustrie wieder unter Druck setzen sollten. Wohl könnten wieder an­steigende Absatzvolumina und Einsparungen durch Skalenerträge, Kosteneinsparungsprogramme und auch erfolgreiches Hedging ­(Absicherung von Wertpapieren gegenüber Währungsschwankungen) diesen Effekt leicht abdämpfen. Dennoch, die eindrücklichen Margenerhöhungen, die im Jahr 2009 bei den meisten europäischen und US-amerikani­schen Nahrungsmittelunternehmen zu beobachten war, dürften im Jahr 2010 nicht mehr erfolgen. Analysten gehen für 2010 nur noch von «durchschnittlichen» Margenausweitungen um 20 bis 30 Basispunkte aus, während wir im vergangenen Jahr teilweise noch Ausweitun­gen der operativen Marge im dreistelligen ­Bereich beobachten konnten.
* Der Autor arbeitet als Vice-President Research­analyst bei der Credit Suisse, Zürich