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Bio hat die Unschuld verloren

Bio-Lebensmittel sind nicht mehr einer fundamentalen Ökogemeinde ­vorenthalten. An der Biofach zeigte sich, dass sie nach konventionellen Marketingregeln angeboten werden, was Kritiker auf den Plan ruft.

von Alimenta Import

«Bio hat die Unschuld verloren», rief Simonetta Carbonara an ihrer Eröffnungsrede anlässlich der Biofach in Nürnberg. Die Konsumpsychologin sagte, dass die Biobewegung sich aus dem esoterischen Nischendasein herausbewegt habe und jetzt die gleichen Marketingstrategien verfolge wie konventionell produzierte Lebens­mittel. Bio von heute orientiere sich an den üblichen Lifestyles und habe somit seine Einzigartigkeit eingebüsst. Und wirklich: Dass bei biologischen Lebensmitteln etwas geändert hat, ist äusserlich sichtbar, wenn man durch die Hallen der Biofach wandert. Die Aussteller beanspruchen grössere Flächen, die Lebensmittel sind in trendigen Lifestyle- und ­Con­venienceverpackungen gehüllt und die multimediale Technik zur Unterstützung des ­Marketings lässt nichts zu wünschen übrig. «Bio ist auch realistischer geworden», sagt ein Aussteller. Denn wenn Aldi, Lidl und alle ­anderen Einzelhändler ein Bioregal führen, müssen sich die Anbieter den neuen Kanälen anpassen. Ein anderer sagt: «Bioanbieter sind professioneller geworden.» Ein dritter, der seit dem ersten Messejahr dabei ist, meint, dass die Zeiten der genagelten Schuhe, der Sennenchäppi und der Edelweisshemden definitv ­vorüber seien. Jetzt wird schon mal ein Gelände­auto als Werbung für faire und biologische Bananen hingestellt.

Umsatzverdoppelung seit 2003
Die Inbesitznahme von Öko- und Nachhaltigkeit von traditionellen Händlern und das Marketing nach konventionellen Ansätzen scheint sich auszuzahlen. Denn international wurden im Jahr 2008 über 50 Milliarden US-Dollar mit Bio-Produkten umgesetzt, was eine Verdoppelung des Marktvolumens seit 2003 bedeutet. Nach Schätzungen des britischen Marktforschers Organic Monitor wird das Wachstum anhalten, jedoch auf niedri­ge­rem Niveau. Bio hat sich etabliert und wird als modernes Markenversprechen wahrgenommen, das mit übergeordneten Werten wie ­Gesundheit, Authentizität, Sinn und Verantwortung verbunden ist.
Dem Wachstum kritisch gegenüber steht die Konsumpsychologin Carbonara, die gerade diesen Teufelskreis der heutigen konventionellen Nahrungsmittelwirtschaft, bestehend aus Preiserosion, Stückkostenreduktion und Innovationsdruck, um im Preiskampf mit­halten zu können, anprangert.