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Seine klaren Worte werden erhört

Markus Zemp steht seit Januar der Branchenorganisation (BO) Milch vor. Mit einem klaren Appell hat er die Vorstandsmitglieder zur Räson gebracht. Nur so könne das Gremium mit Erfolg arbeiten, sagt er.

von Alimenta Import

Alimenta: Die Wogen in der Branchenorganisation Milch scheinen sich zu glätten. Weshalb?
Markus Zemp: Langsam entsteht ein Vertrauensverhältnis zwischen den Mitgliedern des Vorstandes. Ich hoffe, dass sie sich bewusst geworden sind, was es heisst, in einer Branchenorganisation zusammenzuarbeiten. Dazu mag mein langes und deutliches Eintretensvotum an der letzten Sitzung beigetragen haben.

Mit welchem Inhalt?
Dass innerhalb einer Branchenorganisation Lösungen gefunden werden müssen, was nur möglich ist, wenn Entscheide gefällt werden, und nicht, indem Geschäfte laufend vertagt werden. Und dass gefällte -Entscheide durch alle getragen werden. -Eindringlich habe ich darauf hingewiesen, dass Störmanöver, wie sie bis anhin über die Medien vor und nach den Sitzungen geführt wurden, inakzeptabel sind.

Wurden Sie erhört?
Ich habe den Eindruck, dass es an meiner zweiten Sitzung schon deutlich besser gelungen ist als an der ersten. Das zeigt sich am konkreten Resultat (siehe Kasten).

Nun folgt die Umsetzung.
Es wird sich zeigen, ob und wie unsere Vorgaben funktionieren. Falls sie nicht umsetzbar sind, müssen wir den Mut haben, das Mengenreglement aufs Eis zu legen oder gar neu zu machen. Wir dürfen Fehler machen, aber keinesfalls zwei Mal – darin sind wir uns einig.

Welche Traktanden stehen auf der Einladung zur nächsten Vorstandssitzung?

Der Richtpreis muss neu festgelegt werden. Er wird wie ursprünglich vorgesehen quartalsweise diskutiert. Dadurch, dass nicht ?an jeder Sitzung darüber debattiert wird, -gewinnen wir wertvolle Zeit für andere -Geschäfte.

Und weiter?
Einen wichtigen Punkt stellt die Intervention in den Milchfettmarkt dar. Ich erwarte, dass ein breites Instrumentarium geschaffen wird. Dafür brauchen wir neue Ideen.

Wie könnte die Fettintervention der Zukunft aussehen?
Am wichtigsten ist es, Überschüsse zu vermeiden. Dazu trägt bei, die Zahlungsanreize zu eliminieren. Nach wie vor bezahlen die Verarbeiter den Produzenten für Milch mit einem hohen Fettgehalt mehr. Auch die Möglichkeiten des Schoggigesetzes müssen optimaler ausgeschöpft werden. Es ist paradox, unsere Butterlager zum Weltmarktpreis zu räumen und gleichzeitig Milchfett für die Lebensmittelverarbeitung zu im-portieren. Hinzu kommen verbindliche Kontrollmechanismen.

Sie sind seit gut zwei Monaten Präsident der BO Milch. Mit welchen Erkenntnissen?
Diese Branchenorganisation erfolgreich zu machen, ist eine Riesenherausforderung, da die Marktakteure unterschiedlichste Interessen verfolgen. Hinzu kommt, dass es für die Milchbranche völlig neu ist, in dieser Art zusammenzuarbeiten.

Ein Unterschied zur Fleischbranche, die Sie ?bestens kennen?
Bestimmt. Dort gibt es seit 60 Jahren eine meist friedliche Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette. Die Akteure der Milchbranche haben sich wegen des Ausstiegs aus der staatlichen Kontingentierung zerstritten. Diese Altlasten sind noch nicht ausgeräumt.

Wie wollen Sie die schwelenden Konflikte lösen?

Im Frühsommer veranstalten wir ein Seminar. In erster Linie will ich dadurch alle so weit bringen, hinter den gefällten Entscheiden zu stehen. In zweiter Linie durchleuchten wir die Organisation an sich, um sie später weiterzuentwickeln. Doch bevor wir die BO Milch über Hürden springen lassen können, muss sie laufen lernen.

Im Gegensatz zur Fleischbranche ist der Milchbereich zwingend auf Exporte angewiesen. Ist dieser Umstand allen bewusst?

Im landwirtschaftlichen Umfeld wohl nicht überall. Deshalb betrachte ich eine klare Kommunikation als eine wichtige Aufgabe von mir und der Geschäftsstelle. Wir -müssen Zusammenhänge aufzeigen und objektiv – nicht schön gefärbt – informieren. Unsere Mitteilungen sollen nicht nur Beschlüsse übermitteln, sondern auch die Überlegungen, die sich die Mehrheit des Vorstandes dazu gemacht hat. Die Beobachtungen der Preise im Ausland sollen ebenfalls transparenter kommuniziert werden. Ein Vorbild dafür ist die Proviande. Diese umfassende Datengrundlage hätte zur Folge, dass viele Diskussionen sachlicher -geführt würden.

Hoch gesteckte Ziele.

Ja, besser gesagt sind es Wünsche. Denn die BO-Milch-Geschäftsstelle umfasst einen Geschäftsführer plus eine -40-Prozent-Stelle; zu wenig, um die angesprochenen Dienstleistungen erbringen zu können.

Nicht nur für Sie als Präsident sind die Auf-gaben neu, sondern auch für Daniel Gerber, ?der die Geschäfte seit Anfang Februar leitet. -Be-urteilen Sie diese Wechsel an der Spitze der -Organisation als Vor- oder als Nachteil?
Beides. Einerseits fehlt uns beiden die Erfahrung, andererseits können wir uns un-belastet an die Arbeit machen, was wir tagtäglich erleben. Wir werden offen und ohne Vorurteile empfangen. Ich spüre Vertrauen in meine Person – ein Fazit nach gut zwei Monaten, das mich sehr positiv stimmt.

Worauf führen Sie den allseitigen Respekt -zurück?
Auf die guten Ergebnisse meiner Arbeit mit der Proviande. Meine ausgleichende Art, mit der ich schwelende Konflikte ansprechen kann, trägt ebenfalls das Ihre dazu bei.

Sie sitzen zwar als Landwirtschaftsvertreter ?im Parlament, sind aber nicht immer einer -Meinung mit dem Gros der Bauernschaft. Ein –?$V-or- oder ein Nachteil für Ihre Arbeit in der Milchbranche?

Ich sehe mich nicht als typischen Landwirtschaftsvertreter. Die Arbeit bei der Pro-viande hat mich gelehrt, kein Gewerkschafter zu sein. Dies ist jetzt eher ein Vorteil, weil ich dadurch auch bei den Vertretern der Verarbeiter und der Grossverteiler sehr gut akzeptiert werde.

Die Arbeit mit einem 20-köpfigen Gremium stellt eine grosse Herausforderung dar. Wie -gehen Sie damit um?

Um den Ansprüchen aller gerecht zu -werden, musste die BO Milch mit einem Vorstand dieser Grösse starten. Dass die -Effizienz darunter leidet, ist unbestritten. Ich will die Organisationsform aber nicht schon in den ersten Monaten in Frage -stellen. In nächster Zeit wird sich zeigen, ob wir so weiter kommen, oder ob das Gremium verkleinert werden kann.

Vorstandsbeschlüsse in der BO Milch müssen ein Dreiviertelsmehr erreichen. Steht dieser -Passus zur Diskussion? Immerhin hat sich verschiedentlich gezeigt, dass er Geschäfte blockiert.
In einer neu gegründeten Organisation muss in Zwischenschritten alles – die Grösse des Vorstandes, die Entscheidungsmechanismen, das Dreiviertelsmehr – hinterfragt werden.

Wie sieht das Ideal dieser Organisation aus?
Harte Diskussionen zur Sache, die in einem Entscheid gipfeln, das ist mein Ziel. Dieser Entscheid wird anschliessend von allen getragen, auch in der Kommunikation gegen aussen. Haben wir das erreicht, brauchen wir keine Sperrminoritäten mehr.

Weshalb haben Sie sich für dieses schwierige Amt zur Verfügung gestellt?
Meine Frau fragte mich das auch … Ich liebte meine Arbeit als Proviande-Präsident sehr. Durch das Nationalratsmandat musste ich sie aufgeben. Mich reizte, wieder in -einer Branchenorganisation mitzuarbeiten – die Interessenkonflikte der Mitglieder, die täglichen Erfahrungen der Leute am Markt. Ich spürte auch stark den Bedarf an einer Person mit Erfahrung. Kurz: Spass, Ver-antwortungsbewusstsein und ein gewisses Pflichtgefühl gegenüber den Leuten, die mich für dieses Amt angefragt haben.