Datum:

Neuer SFF-Direktor ist gestartet

Am Schalthebel der Fleischbranche ist nun Ruedi Hadorn. Interview.

von Foodaktuell Importer


Seit anfangs Januar arbeitet Dr. Ruedi Hadorn als Direktor des Schweizer Fleisch-Fachverbandes SFF und somit an der wichtigsten Schaltstelle der Fleischbranche. Als früherer Leiter des Bereiches Fleischverarbeitung an der Forschungsanstalt Agroscope Liebefeld-Posieux ALP ist er ein intimer Branchen-Kenner. Im Interview mit «foodaktuell.ch» äussert er sich zu seiner neuen Aufgabe.

Herr Hadorn, wie arbeiten Sie sich in die neue Tätigkeit ein?

Ich versuche mir möglichst rasch einen Überlick zu verschaffen. Dabei nehme ich einerseits Kontakt mit VertreterInnen aus den diversen Segmenten der schweizerischen Fleischwirtschaft auf. Dazu zähle ich die SFF-Regionalverbände, die SFF-eigenen Selbsthilfe-Organisationen (ABZ, MT Metzger-Treuhand AG, VB Food International, Branchenversicherung, AHV-/Pensionskasse), die mittleren und grösseren Firmen, den MPV wie auch zugewandte Organisationen und Institutionen. Eine weitere Gelegenheit für den erstmaligen Kontakt mit den SFF-Mitgliedern ergab sich anlässlich der SFF-Informationstage 2010, die in verschiedenen Regionen der Schweiz bereits stattfanden.

Das Ziel dabei ist, zuzuhören und Informationen sowie Argumente zu erhalten, die ich in meine weiteren Aktivitäten einfliessen lassen kann. Andererseits läuft das Tagesgeschäft mit den diversen Mandaten sowie konkreten Fragestellungen und zu erledigenden Aufgaben an. Dabei versuche ich mir jeweils möglichst rasch einen Überblick zu verschaffen, indem ich nebst den Unterlagen verschiedene branchen- oder SFF-interne Exponenten konsultiere und mich dabei vom gesunden Menschenverstand sowie der Vernunft leiten lasse.

Denken Sie an neue Akzente beim SFF oder dessen Rolle in der Fleischbranche?

Der SFF wird weiterhin der gesamtschweizerische Arbeitgeberverband der Fleischverarbeitungsbranche sein. Die Grundpfeiler der Verbandstätigkeit sind die Standespolitik (politische Arbeit, Sozialpartnerschaft), die betriebliche Förderung (Aus- und Weiterbildung, Werbung, Selbsthilfeorganisationen) und die Information (Mitglieder, Öffentlichkeit).

Auf der bisher stabilen Basis gilt es, den SFF für die Zukunft zu rüsten. Dies auch deshalb, weil man den zukünftigen Herausforderungen möglichst agierend und nur, wo nicht vermeidbar, reagierend begegnen soll. Wichtig ist auch, dass wir seitens des SFF Anreize für unsere bestehenden Mitglieder, für neue Mitglieder bzw. gegen den Mitgliederschwund schaffen können. Dabei denke ich einerseits an den Nutzen der vielfältigen Dienstleistungen der Geschäftsstelle und unserer Selbsthilfe-Organisationen (aktuelles Beispiel: reduzierter Saldosteuersatz bei der Mehrwertsteuer), die eine Mitgliedschaft beim SFF eigentlich aufdrängen.

Andererseits sind – unter Berücksichtigung der vorhandenen Möglichkeiten – auch neue Leistungen des Verbandes denkbar, wie dies das Beispiel der begonnenen Zusammenarbeit mit den Berner Kraftwerken BKW und der damit verbundenen Energiespar-Beratung zeigt.

Und die Zusammenarbeit mit dem Metzgerei-Personalverband MPV?

Eine gute Sozialpartnerschaft auf einer konstruktiven Basis ist und bleibt auch in Zukunft von zentraler Bedeutung und wird sowohl Geben wie auch Nehmen beinhalten. Obwohl die Kontakte meinerseits mit dem MPV erst anlaufen, schätze ich es, dass unser Sozialpartner mit seinen Branchenkenntnissen auch das notwendige fachliche Knowhow in die gemeinsamen Aktivitäten einbringen kann. Vor allem liegt mir viel daran, den traditionell freundlichen Ton bei gleichzeitig dezidierter Vertretung von Interessen auch in Zukunft pflegen zu können.

Wie wirkt sich der Wechsel in der SFF-Leitung vom Ökonomen Balz Horber zu Ihnen als Wissenschafter und Agronomen aus?

Der Weg bzw. die Vorgehensweise, um das Optimum für die SFF-Mitglieder zu erreichen, ist wahrscheinlich anders, das Ziel muss aber dasselbe sein. Derzeit arbeite ich mich neu in wirtschaftliche und politische Themen ein, bringe aber bei naturwissenschaftlichen und fachtechnischen Fragestellungen bereits ein gewisses Wissen mit.

Wie unterscheidet sich Ihre jetzige Arbeit von der Projektleitung an der Forschungsanstalt Agroscope Liebefeld-Posieux ALP?

Ein grosser Unterschied besteht darin, dass ich beim SFF eine bestehende und sehr breit gefächerte Funktion übernommen habe, bei ALP hingegen den Forschungsbereich Fleischverarbeitung von Null auf zu lancieren und zusammen mit meinem Team aufzubauen hatte. Beim SFF sind die Themen wesentlich vielseitiger und reichen von der Politik und der Wirtschaft über die Sozialpartnerschaft bis zur Produktequalität und der Verbandstätigkeit. Es wird daher in meiner neuen Aufgabe die Kunst sein, bei den einzelnen Themen die notwendige Tiefe zu erreichen, was – und da mache ich mir keine Illusionen – sicherlich nicht von heute auf morgen passieren wird.

Wo sehen Sie grosse Herausforderungen für die Fleischbranche dieses Jahr?

Der Schuh drückt unsere Branche v.a. beim Importsystem (Stichwort: unsinnige Versteigerung der Kontingente), beim zunehmend höher werdenden administrativen Aufwand durch Überregulierung sowie beim oftmaligen Übereifer des Vollzugs bei der Lebensmittelkontrolle, was für viele Betriebe unter dem aktuellen wirtschaftlichen Druck nicht mehr nachvollziehbar ist.

Zudem verlangt die absehbare Öffnung der Grenzen eine bessere Positionierung mit Spitzenprodukten unter der Dachmarke Schweiz. Ferner weist die Fleischbranche ein Manko beim Nachwuchs auf, dies sowohl auf der Stufe der Lernenden wie auch bei geeigneten Kandidaten für Betriebsinhaber-Nachfolger oder deren Stellvertreter. Denn obwohl das Image des wohl emotionellsten Lebensmittels heute gut ist, lässt das Berufsimage des Fleischfachmanns leider noch zu wünschen übrig.

Sitz der SFF-Verwaltung in Zürich

Nicht zuletzt drückt der Schuh im Zuge der BSE-Massnahmen auch bei den Kosten für die Entsorgung von Schlachtnebenprodukten. Diese mussten früher nicht unter Kostenfolge vernichtet werden, sondern erlaubten einen finanziellen Erlös. Im Gegenzug muss heute aus der ganzen Welt zusätzliches Tierfutter (v.a. pflanzliche Eiweissträger wie Soja) importiert werden, was aus Gründen der Ökologie und Nachhaltigkeit immer mehr zu hinterfragen ist. Klar ist aber auch, dass eine allfällige Wiederverwendung von tierischen Futterkomponenten in Zukunft nur dann möglich ist, wenn deren einwandfreie Aufbereitung vollumfänglich gewährleistet werden kann.

Wie kann die Fleischbranche quantitativ und qualitativ wachsen?

Gerade im Hinblick auf die Diskussionen rund um WTO und Freihandel müssen wir schon jetzt die Chancen mit Topprodukten aus einwandfreier Produktion wahrnehmen und damit unsere Kundschaft überzeugen. Dabei gilt es, sowohl Verbesserungspotenziale bei der Qualität wie auch der Innovation stetig zu nutzen. Die Qualitätsschwankungen von Betrieb zu Betrieb sind heute nach wie vor zu gross. Gefordert ist ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess in allen Bereichen – man darf sich nie auf den eigenen Lorbeeren ausruhen. Auch bei den Marketingkompetenzen dürfte es für einige Betriebe noch Ausbaumöglichkeiten geben. (Interview: GB)

Im Büro (Bild: SFF)

Ruedi Hadorn: zur Person

Ruedi Hadorn ist auf einem kleinbäuerlichen Betrieb zuerst in Kölliken AG, dann in Pfaffnau LU aufgewachsen. Nach dem Besuch der Kantonsschule in Sursee studierte er an der ETH Zürich Agronomie, Fachrichtung Tierproduktion, wo er auch den Ausweis für das Lehramt erwarb. Danach folgte ein Zwischenjahr (Betriebshelfer, Sprachaufenthalt, Reisen), bevor er während 3½ Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Prof. Wenk an der ETH tätig war und dabei seine Dissertation zur Nahrungsfaserverwertung von Nicht-Wiederkäuern verfasste.

Die nächsten knapp acht Jahre leitete Ruedi Hadorn die damalige Schweiz. Geflügelzuchtschule (heute: Aviforum), wo er sich auch mit Forschungs- und Lehraufgaben v.a. im Bereich der Geflügelfütterung befasste. Anfangs 2003 übernahm er bei der Forschungsanstalt Agroscope Liebefeld-Posieux ALP die neu geschaffene Stelle als Projektleiter Fleischverarbeitung.

In den vergangenen knapp sieben Jahren baute Ruedi Hadorn zusammen mit seinem Team den neuen Forschungsbereich Fleischverarbeitung an ALP auf, der in der Fleischbranche aber auch international zunehmend breite Akzeptanz findet. Vor kurzem schloss er auch einen berufsbegleitenden Zertifikatsstudiengang in Unternehmensführung ab. Ruedi Hadorn ist 45-jährig und wohnt zusammen mit seiner Frau und seinen zwei Kindern im Alter von 7 und 9 Jahren im aargauischen Strengelbach. (Text: SFF)