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Tierschützer fordern bessere Kaninchenhaltung

KAGfreiland und Schweizer Tierschutz wollen, dass sich bei der Kaninchenmast in der Schweiz in einigen Jahren die Gruppenhaltung hundertprozentig durchgesetzt hat.

von Foodaktuell Importer


Zusammen mit KAGfreiland setzt sich der Schweizer Tierschutz STS konsequent für die artgerechte Gruppenhaltung von Kaninchen aus Schweizer Produktion ein. In der Zwischenzeit produzieren Schweizer Bauern bereits über 100’000 Kaninchen pro Jahr in tierfreundlicher Haltung. Als Pionier für Kaninchen-Gruppenhaltung gilt der Landwirt Felix Näf aus Beinwil im aargauischen Freiamt (Bild).

Bereits vor 1997 hielt er Masttiere in Ställen in Gruppen. Dann zeigten Coop und Bell AG Interesse an einer Zusammenarbeit. Lotti Bigler, Ethologin vom Bundesamt für Veterinärwesen, beriet Näf von Anfang an bei der Entwicklung von Haltungssystemen, bei denen auch die Zuchtkaninchen in Gruppen leben können. Im Rahmen von BTS („besonders tierfreundliche Stallsysteme“) erhalten die Produzenten dafür spezifische Direktzahlungen vom Bund.

Inzwischen sind es bereits 50 Betriebe, welche unter den Bedingungen von „Kani-Swiss“ Kaninchen in Gruppen züchten und mästen. Doch noch halten nach einer Statistik des Bundesamtes für Landwirtschaft von 2866 Landwirtschaftsbetrieben erst 136 ihre Kaninchen auf tierfreundliche Art in Gruppen.

Das Ziel des STS ist deshalb klar: „Wir wünschen uns, dass sich in einigen Jahren die Gruppenhaltung auf Bauernhöfen hundertprozentig durchgesetzt hat“, sagte Hansuli Huber, STS-Geschäftsführer Fachbereich an der Medienorientierung in Brugg. Davon könnten auch die Bauern profitieren. Denn nur mit einem akzeptablen Tierschutzniveau wird die Schweizer Landwirtschaft inskünftig eine Chance haben, mit ihren teureren Produkten konkurrenzfähig zu bleiben.

Aber auch im Ausland finden Bemühungen statt. Unter dem Label „RelaxRabbit“ werden in Ungarn und Italien unter den gleichen Anforderungen wie für BTS in der Schweiz Kaninchen in Gruppen gemästet. KAGfreiland hat diese Betriebe besucht und führt weitere Kontrollen durch. Nachdem KAGfreiland schreckliche Zustände in ausländischen Käfig-Batteriehaltungen aufgedeckt hatte, muss solches Importfleisch in der Schweiz neu deklariert werden. (Mitteilung STS und kagfreiland, Bilder: Arthur Rossetti)



Vorbildliche Gruppenhaltung in der Kaninchenmast bei Kani-Swiss

Referat: Schluss mit Käfig-Kaninchenfleisch

Von Nadja Brodmann, Zoologin, KAGfreiland, an der gemeinsamen Medienorientierung „Artgerechte Kaninchenhaltung als Chance“ von KAGfreiland und Schweizer Tierschutz STS vom 30.03.2010 in Brugg

Die Schweizerische Nutztierschutz-Organisation KAGfreiland engagiert sich seit Jahren für die tierfreundliche Haltung von Kaninchen im Inland. Die KAGfreiland-Kampagne «Stopp Käfigfleisch» richtet sich gegen Missstände im Ausland. Das oberste Ziel der Kampagne ist nahezu erreicht: Der Import von tierquälerischem Käfig-Kaninchenfleisch hat sich von 2007 bis 2009 halbiert, er ist um rund 1 Mio kg eingebrochen. Nun entstehen im Ausland vertretbare Haltungen, die auf der Schweizer Tierschutzgesetzgebung basieren.

Damit ist das zweite Ziel der Kampagne erreicht. Ebenfalls erreicht ist das dritte Ziel: Die Einführung einer Deklarationspflicht für Käfig-Kaninchenfleisch. Diese ist politisch beschlossen. Die dazu gehörende Verordnung wird noch in diesem Jahr in Kraft treten. Die Deklarationspflicht wird einen grundlegenden Wandel weg vom Käfigfleisch hin zu tierschutzkonformem Kaninchenfleisch bewirken, weil die Schweizer Konsumentenschaft tierquälerische Käfighaltung klar ablehnt.

Mit dem Projekt «Kaninchen ins Freiland» setzt sich KAGfreiland in der Schweiz seit Jahren für tierfreundliche Kaninchenhaltung mit Freilandzugang ein. Dabei wurde stets auch die ausländische Käfighaltung kritisiert. Das führte zur Lancierung der bisher grössten Kampagne von KAGfreiland «Stopp Käfigfleisch».

Ziele von KAGfreiland

Mit der Kampagne werden drei Ziele verfolgt: 1) Stopp des Verkaufs von Käfig-Kaninchenfleisch in der Schweiz, 2) Aufbau von tiergerechten Alternativen im Ausland, 3) Einführung einer Deklarationspflicht für Käfig-Kaninchenfleisch. Ziel 1 ist nahezu erreicht, die Ziele 2 und 3 sind vollständig erreicht, aber deren Umsetzung wird von KAGfreiland genau beobachtet.

Den Auftakt zur Kampagne bildete ein Beitrag im «Kassensturz» vor Ostern 2008 mit Ausschnitten eines Films von KAGfreiland über eine Käfigbatterie in Norditalien. Der Film zeigte die in der EU und weltweit verbreitete tierquälerische Standardhaltung von Kaninchen in engen Drahtgitter-Käfigen auf einer Fläche von knapp einer A4-Seite pro Tier. Die Tiere können nicht hoppeln, sich nicht aufrichten, sich kaum drehen und haben keinerlei Beschäftigung. Die Folgen sind Apathie, Gitternagen, Aggressionen sowie Pfotenschäden und Wirbelsäulenverkrümmungen.

Weitere Filmbeiträge über die katastrophalen Missstände in ausländischen Kaninchenfarmen in Italien, Argentinien und Ungarn sowie Pressekonferenzen, Medienmitteilungen, Protestaktionen und elektronischen Postkarten zeigten bald Wirkung: Immer mehr Firmen strichen Käfigfleisch aus dem Sortiment. Durch Gespräche mit etlichen Unternehmen und der Publikation einer schwarzen Liste konnten weitere Unternehmen zur Umstellung auf Schweizer Kaninchen oder auf alternativen Kaninchenhaltungen im Ausland bewegt werden.

Importeinbruch bewirkt Inlandanstieg

Der Import von Kaninchenfleisch schrumpfte von 2,8 Mio kg im Jahr 2007 auf rund 1,8 Mio im 2009 (vgl. Beilage), wodurch sich die Käfigfleischmenge halbierte. Von den verbleibenden rund 900’000 kg Käfigfleisch dienten ca. 500’000 kg für Tierfutter und rund 400’000 kg für Speisezwecke. Diese landen primär in der Gastronomie und in Kantinen, teilweise auch in Heimen und Spitälern mehrheitlich der West- und Südschweiz. Der Detailhandel ist hingegen weitgehend frei von Käfig-Kaninchenfleisch. Schweizer Kaninchen haben kräftig zugelegt: Der Inlandanteil stieg von 2007 bis 2009 von 20 auf ca. 30 % des Gesamtverbrauchs.

Um den Druck auf die verbleibenden «resistenten Firmen» mit Käfigfleisch zu erhöhen, schlug KAGfreiland den politischen Weg ein. Mithilfe der Zürcher Nationalrätin Tiana A. Moser gelang es, eine Deklarationspflicht für Käfig-Kaninchenfleisch gesetzlich zu verankern. Dieses muss künftig wie Käfigeier als «aus in der Schweiz nicht zugelassener Käfighaltung» beschriftet werden – und zwar an allen Verkaufsstellen, also auch auf Menüplänen und Speisekarten. Die neue Vorschrift soll Mitte Jahr in Kraft treten. KAGfreiland engagiert sich für eine kurze Übergangsfrist und eine strenge Umsetzung der Deklarationspflicht, damit endlich das Los der Kaninchen verbessert und der Wunsch der Konsumentenschaft nach tierschutzkonformem Fleisch Wirklichkeit wird.

Die Nachfrage nach Kaninchenfleisch und besonders nach Edelstücken wie Filets lässt sich durch die Inlandproduktion trotz Steigerung nicht decken. Wird die durch Importeinbruch entstandene Marktlücke nicht geschlossen, kommt wieder Käfigfleisch in die Schweiz. Es braucht daher im Ausland vertretbare Kaninchenhaltungen gemäss Schweizer Tierschutzgesetzgebung. Folgende sind bereits am Entstehen:

a) Delimpex

Die Schweizer Firma produziert in Ungarn den grössten Teil des in der Schweiz konsumierten Kaninchenfleisches. Die Masttiere lebten schon vor der KAGfreiland-Kampagne in oben offenen Boxen mit Plastikrosten, was im Vergleich zur Käfighaltung einen beachtlichen Fortschritt bedeutete. Aber das Flächen- und Rückzugsangebot war viel zu gering. Delimpex stellt nun schrittweise auf tierschutzkonforme Haltung gemäss Schweizer Gesetzgebung um.

b) Terrani

Die Tessiner Firma Terrani erstellte mit einem italienischen Produzenten und einem Futtermittelberater eine grosse Stall-Gruppenhaltung im Friaul gemäss Schweizer Gesetz. Die vier Buchten bieten je für 1000 Tiere Platz. Diese leben auf Plastikrosten, haben aber viel Platz zum Hoppeln. Zudem sind Unterschlüpfe und erhöhte Ebenen als Rückzugsorte und Heuraufen sowie Nagehölzer zur Beschäftigung vorhanden.

c) Relax Rabbit

Das ungarische Label «RelaxRabbit» entstand 2009. Die Mast basiert auf dem Schweizer Tierhaltungsprogramm BTS (Besonders tierfreundliche Stallhaltung). Die Kaninchen leben auf Einstreu in Gruppen zu 40-80 Tieren. Zahlreiche Unterschlüpfe und erhöhte Ebenen sowie Heuraufen und Nageobjekte sind vorhanden. Durch die Einstreu haben die Tiere die Möglichkeit zum Scharren und bedingt auch zum Graben.

Die Mastkaninchen dieser drei Produktionsformen leben in vertretbaren Haltungen. KAGfreiland konnte sie in Ungarn und Italien begutachten und ist dank regelmässiger Kontakte mit den verantwortlichen Personen über Fortschritte informiert. Weitere Besuche von KAGfreiland werden folgen.

Die Muttertiere (Zibben) der drei alternativen Produktionen werden noch in Standard-Käfigen gehalten. Hier ist eine möglichst schnelle Umstellung aufs Schweizer Tierschutzniveau in Vorbereitung. Insgesamt hat somit die KAGfreiland-Kampagne sowohl bei den Mast- wie auch bei den Zuchttieren eine Verlagerung weg von der grausamen Käfighaltung hin zu gesetzeskonformer Kaninchenhaltung bewirkt.

Diagramm:
Entwicklung der Herkunft des in der Schweiz verbrauchten Kaninchenfleisches



Quelle: Nadja Brodmann, Zoologin KAGfreiland, Tel. 071 222 18 18 oder 079 334 91 70

Referat: VERHALTEN UND BEDÜRFNISSE VON KANINCHEN

von Lotti Bigler, BVET, Zentrum für tiergerechte Haltung: Geflügel und Kaninchen, Zollikofen, anlässlich der gemeinsamen Medienorientierung „Artgerechte Kaninchenhaltung als Chance“ von KAGfreiland und Schweizer Tierschutz STS vom 30. März 2010 in Brugg

Wenn es um die art- bzw. tiergerechte Haltung von Kaninchen geht, stellt sich zuerst einmal die Frage nach den Bedürfnissen der Kaninchen. Um diese zu erkennen, ist es sinnvoll, einen Blick auf das Wildkaninchen und seine Umwelt zu werfen. Dann sehen wir, dass für die Gestaltung der Haltung folgende Forderungen erfüllt sein müssen: Ausreichende Flächen und Höhen für arttypische Fortbewegung – auch Sprünge – und Streckbewegungen sowie für Männchen machen, eine Strukturierung in Funktionsbereiche, damit z.B. sichere und ruhige Orte aufgesucht werden können, die Möglichkeit Artgenossen aufzusuchen und zu meiden, die Möglichkeit zum Nestbauverhalten sowie zum Scharren und Graben.

Mit der Revision der Tierschutzverordnung von 1991 wurden im Hinblick auf die Bedürfnisse durch die spezifischen Kaninchenartikel neu die Flächen , die Beschäftigung (täglich Raufutter, Nageobjekte), der Rückzug (abgedunkelter Bereich, Rückzug Zibbe vor den Jungen) und das Nest (Nestkammer, Nestmaterial) geregelt. In einigen Punkten besteht weiterhin Bedarf: Aufgrund ihrer Biologie sollten die soziallebenden Kaninchen Sozialpartner haben. Scharren und Graben sind in einstreulosen Gehegen nicht möglich.

In der Schweiz wurden Anfang der 90er Jahre bei der Mast die Zweier- oder Viererkäfige durch Buchten für grössere Gruppen abgelöst. Allgemein kann gesagt werden, dass sich die grösseren Gehege besser strukturieren lassen und den Tieren mehr Bewegungsmöglichkeiten bieten. Zudem wurden die Buchten etwas später auch mit einem Einstreubereich ausgestattet, der für die Tiere hinsichtlich Erkunden und Aktivität positiv ist. Zur gleichen Zeit wurde für die Zucht ein strukturierter Käfig für die Praxis entwickelt und anfangs 2000 in der Praxis auch die Gruppenhaltung von Zuchttieren eingeführt. Durch letzteres wurde gerade im Bereich Bewegungsmöglichkeiten und Sozialverhalten den Bedürfnissen der Kaninchen weiter entgegen gekommen. Diese Haltungsart erfuhr Unterstützung durch die BTS-Direktzahlungen.

Der Schritt von der Einzelhaltung zur Gruppenhaltung in der Zucht ist bezüglich den Anforderungen an das Haltungssystem und an die Kaninchenhaltenden sehr gross. Diese stellt sowohl eine hohe Anforderung an die Tierbetreuung als auch an die bauliche Gestaltung und die Hygiene dar. Auch heute, nach zehn Jahren Entwicklung, sind noch viele Fragen offen, z.B. bezüglich Hygiene, Gesundheit und vor allem im Hinblick auf die Vermeidung von Aggressionen zwischen den Tieren, die zu schweren Verletzungen führen können.

So ist es zum Beispiel schwierig, Gruppen von adulten Tieren neu zusammenzusetzen, weil ein grosses Verletzungsrisiko besteht. Überdies treten oft Probleme mit der Reproduktion und dem Nestmanagement auf. In einer Untersuchung in Holland zum Beispiel wurde in der Gruppenhaltung gegenüber der Einzelhaltung eine geringere Fruchtbarkeit und ein geringeres Absetzgewicht festgestellt.

Hinsichtlich der Haltung von Fleischkaninchen wurden in der Schweiz über die letzten Jahre wesentliche Fortschritte erzielt. Bei der Gruppenhaltung ist man aber trotz der bisher gemachten Erfahrungen noch nicht bei einer “sicheren” Produktion angelangt. Für die Neu- und Weiterentwicklungen, die oft auch von der Produzentenseite herkommen, sucht das BVET im Rahmen von wissenschaftlichen Untersuchen nach Möglichkeiten, um durch die Ausgestaltung dieser Haltungssysteme und die Anpassung des Managements die Gruppenhaltung “handhabbarer” zu machen. (Text: Lotti Bigler, BVET).

Hansuli Huber, Geschäftsführer Fachbereich des Schweizer Tierschutz STS

Referat: Tierschützerische Bewertung der Schweizer Kaninchenhaltung

von Dr. sc. nat. Hansuli Huber, Geschäftsführer Fachbereich des Schweizer Tierschutz STS, anlässlich der gemeinsamen Medienorientierung „Artgerechte Kaninchenhaltung als Chance“ von KAGfreiland und STS vom 30. März 2010 in Brugg

Bis heute werden die angeborenen Bedürfnisse und Verhaltensweisen der Kaninchen durch die traditionelle Einzelhaltung in meist kleinen Gehegen fast völlig ignoriert. Noch einen Schritt weiter geht die industriell betriebene Ausbeutung von Zucht- und Mastkaninchen in Batteriekäfigen. Der grösste Teil des weltweit konsumierten Kaninchenfleisches stammt aus derart tierquälerischen Haltungen. Als einziges Land schenkte bislang nur die Schweiz dem Wohlbefinden von Kaninchen Beachtung.

An der Universität Bern wurden unter Prof. Beat Tschanz in den 1980er Jahren bahnbrechende Arbeiten zum natürlichen Verhalten von Kaninchen durchgeführt. Diese Erkenntnisse setzten ab 1989 ein Dutzend Emmentaler Bauern in einem Pilotprojekt – zusammen mit der landwirtschaftlichen Schule Bäregg und dem Schweizer Tierschutz STS – in die Praxis um.

Wurden bis dato Zucht- und Mastkaninchen widernatürlich einzeln in engen, aufeinandergestapelten Kisten und Verschlägen gehalten, trugen die Emmentaler Bauern dem angeborenen Verhalten von Kaninchen Rechnung. Die Tiere konnten in der Einstreu graben, ihre Jungen in Neströhren zur Welt bringen, sich an geschützte Orte zurückziehen, an geeigneten Objekten ihren Nagetrieb abreagieren und dank des grosszügigen Platzangebotes nach Herzenslust Hoppeln, Haken schlagen und Spielen. Ihr Fleisch wurde unter dem Label „Agri-Natura“ der Genossenschaftsverbände vermarktet und die Haltung durch den Schweizer Tierschutz STS kontrolliert.

In den 1990er Jahren begannen STS und insbesondere KAGfreiland intensive langjährige Versuche mit der Kaninchen-Freilandhaltung. Während diese Haltungsform für Heim- und Hobbyhaltung bei einem kompetenten Management durchaus praktikabel ist, traten in der Erwerbskaninchenhaltung unter unseren Klima- und Wetterbedingungen oft hohe Jungtierverluste auf, die nicht nur die Wirtschaftlichkeit in Frage stellten, sondern auch ethisch-tierschützerische Fragen aufwarfen.

Aus diesen Gründen konnte sich in der Schweizer Erwerbskaninchenhaltung die Auslauf/Freilandhaltung nicht durchsetzen. Hingegen wird die Stall-Gruppenhaltung in strukturierten Gehegen nach dem Vorbild der Emmentaler Bauern immer attraktiver. Der grosse Praktiker ist hier zweifellos Felix Näf, der in den vergangenen fünfzehn Jahren die Gruppenhaltung weiterentwickelt, arbeits- und betriebswirtschaftlich optimiert und die Vermarktung auf professionelle Beine gestellt hat.

Kein anderes Tier wird derart vielfältig von Menschen genutzt wie das Kaninchen; Aber nur wenig andere Tiere werden bis heute derart widernatürlich gehalten:

●Sehr viele Kaninchen gehören den 16’000 Mitglieder von „Rassekaninchen Schweiz“. Rund 6’000 aktive Züchter halten um 150’000 Zuchtkaninchen in 40 verschiedenen Rassen, wovon drei Schweizer Rassen. Während die Rassezüchter-Funktionäre noch in den 1990er Jahren nichts vom Tierschutz und den neuen Erkenntnissen zum Verhalten von Kaninchen wissen wollten, hat mittlerweile ein Umdenken stattgefunden. Die neuen Tierschutzvorschriften werden akzeptiert und der Verband versucht, mit Kontrollen und Beratung die Mitglieder auf Vordermann zu bringen.

Zwei Tierschutz-Wünsche hat der STS an die Rassezüchter: Einerseits erhoffen wir uns vom Verband endlich eine ernsthafte, vorbehaltlose Prüfung der Gruppenhaltung von Zibben, zumal es durchaus Rassezüchter mit Gruppenhaltung gibt, und zum anderen wünschen wir uns als kurzfristige Massnahme, dass den meist einzeln gehaltenen erwachsenen Rassetieren wenigstens regelmässiger Auslauf ins Freie ermöglicht wird.

●Kaninchen sind mittlerweile auch als Heim- und Streicheltiere beliebt. Der Verband Heimtiernahrung Schweiz schätzt, dass in 6% der Haushalte Kaninchen leben, was zwischen 2 – 300’000 Kaninchen entspräche. Mit seiner Heimtier-Beratungsstelle, Merkblättern und Ausbildungstagungen vermittelt der STS insbesondere dieser Klientel wichtige Informationen zur tiergerechten Kaninchenhaltung. Die hauptsächlichen Tierschutzprobleme auf die wir hier treffen, sind:

1. Oft zu kleine und unstrukturierte Gehege und verbreitete Einzelhaltung.

2. Fütterungsfehler: Statt Heu und Grünzeug wird oft viel zu viel Körner/Kraftfutter gegeben, sodass die Tiere verfetten.

3. Bei Zwergrassen können durch die angezüchtete Verzwergung Gesundheitsprobleme auftreten.

●In Schweizer Tierversuchlabors wurden 2008 insgesamt 5’554 Kaninchen verbraucht. Da unverständlicherweise die neue Tierschutzgesetzgebung für Versuchstierhaltungen tiefere Tierschutzstandards zulässt, haben Labor-Kaninchen eindeutig das schlechteste Los gezogen. Ganz abgesehen davon, dass an ihnen oft schmerzhafte Eingriffe und Versuche durchgeführt werden, müssen sie in platzarmen, käfigähnlichen Systemen vegetieren, oft ohne Einstreu auf Rostböden und ohne Rückzugsorte und geeignete Beschäftigungsmaterialien.

Durch eine solche tierschutzwidrige Haltung neigen die Tiere zu Verhaltensstörungen, was nach heutiger wissenschaftlicher Erkenntnis die Belastbarkeit und Aussagekraft von Tierversuchen grundsätzlich in Frage stellen kann.
Wenn Kaninchen schon in Versuchen sterben müssen, sollen sie wenigstens anständig gehalten werden, damit sie nicht auch noch hier leiden müssen. Unser grosses Anliegen an die Versuchstierindustrie ist deshalb, den Kaninchen mehr Platz und verhaltensgerecht strukturierte Gruppenhaltungen zur Verfügung zu stellen.

●Auch auf Bauernhöfen werden Kaninchen überwiegend einzeln und in kistenähnlichen Verschlägen gehalten. Die Statistik des Bundesamtes für Landwirtschaft belegt, dass auf 2’866 direktzahlungsberechtigten Landwirtschaftsbetrieben Kaninchen zu finden sind. Aber lediglich 153 geben ihnen Auslauf ins Freie und nur gerade 136 Höfe halten Kaninchen tierfreundlich in Gruppen. Diese halten allerdings gegen 40% der Masttiere.

●Paradoxerweise gehen in der Schweiz ausgerechnet die professionellen Erwerbskaninchenhaltung am konsequentesten in Richtung tierfreundliche Kaninchenhaltung. Während die Schweine- und Rindermastfunktionäre noch immer nichts vom Tierschutz wissen wollen, setzen Schweizer Erwerbskaninchenhalter, wie Felix Näf und seine Gruppe, zunehmend auf das Tierwohl, um sich so von den Importen zu unterscheiden und Akzeptanz zu schaffen für die wesentlich höheren Inlandpreise.

Mehrere Grossverteiler, insbesondere die Migros, bieten dazu Hand, indem sie seit den von KAGfreiland aufgedeckten Skandalimporten bereit sind, auch CH-Herkünften eine Chance zu geben. Einen grossen Schritt weiter ist hier COOP. Dieser Grossverteiler setzt löblicherweise voll auf die Gruppenhaltung von Schweizer Mast- und Zuchtkaninchen und verzichtet seit geraumer Zeit gleichermassen auf (Käfig)Importe und fragwürdige Inlandherkünfte.

Schweizer Mastkaninchenhalter erzeugen jährlich ca. 700 t Kaninchenfleisch, was 450’000 Masttiere/Jahr und rund 11’000 Muttertieren (Zibben) entspricht. Der Gesamtkonsum an Kaninchenfleisch beträgt 3’000 t.

Wir vom STS wünschen uns, dass dieser Trend weitergehen möge und sich in einigen Jahren die Gruppenhaltung auf Bauernhöfen 100% durchgesetzt hat. Ganz wichtig ist uns, dass wenn Unternehmer gegenüber der Kundschaft „Tierfreundliches Kaninchenfleisch“ ausloben, nicht nur die Ausmast, sondern auch die Aufzucht und Haltung der Muttertiere (Zibben) in Gruppen erfolgt. (Text: Hansuli Huber, STS)