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Die Schweiz prescht vor

Seit dem 1. April ist die Liste da, die regeln soll, welche Tinten zum Einsatz kommen dürfen, wenn Verpackungen mit Lebensmitteln in Berührung kommen. Die Schweiz gibt die Neuerungen vor.

von Alimenta Import

«Strahlengehärtet», so sagen Fachleute, wenn es darum geht, Farben auf Verpackungen in Zehntelssekunden zu trocknen. Die Druckfarben müssen dazu mit Fotoinitiatoren ausgestattet sein, die dann mit Walzen auf die Verpackung gedruckt und zum Schluss mit UV-Licht bestrahlt werden. Doch diese Chemikalie kann ins Lebensmittel migrieren. Im Jahr 2009 wurde sie in einer Test­reihe in Deutschland in jeder fünften Cerea­lienverpackung gefunden. Es gibt zwei Möglichkeiten, wie Fotoinitiatoren ins Lebens­­mittel gelangen können. Zum einen können sie wandern, das heisst, sie durchdringen die Packschachtel und sogar Innenbeutel aus ­Plas­tik, wie zum Beispiel beim Müesli. Zum andern können sie durch Berührungen oder «Abklatsch» von der Packungsaussenseite nach innen kommen (siehe Grafik Seite??21), wenn die Verpackungen nach dem Drucken auf­einandergestapelt werden und sich dabei ­Innen- und Aussenseite berühren.
Schäden können gemäss Tierversuchen nur von zwei Fotoinitiatoren, Benzophenon und 4-Methylbenzophenon, verursacht werden. Diese beiden Stoffe können Geschwüre an Leber und Niere verursachen. Hohe Wellen hat auch der Skandal im Jahr 2005 um die ITX ver­seuch­ten Babymilch-Kartonpackungen geworfen. Die Chemikalie Isopropylthioxanthon (ITX) ist von der Packung in die Milch gedrungen und hat deren Bestandteile ver­ändert.

Die Schweiz sah Handlungsbedarf
Diese Übergänge von Druckfarbenkomponen­ten sind nicht spurlos vorübergegangen. Aufgrund von ihnen wurde in der EU die Verordnung für gute Herstellpraxis (EG) 2023/2006 erlassen, und jetzt wird in Brüssel an einer grundlegend neuen Version der Kunststoffrichtlinie 2002/72/EG gearbeitet, welche ebenfalls Anforderungen an Druckfarben beinhalten soll. Auch sonst erfolgte in den letzten drei Jahren eine ganze Serie von Neuerungen und Änderungen in der Gesetzgebung für Artikel und Gegenstände mit Lebensmittelkontakt, sagte Verpackungsunternehmensberater Rainer Brandsch von der Innoform Consulting GmbH an der Konferenz für Lebensmittelrecht und ­Verpackungen in Kloten.
Doch für  dieses Jahr kommen die Neuerungen beim Thema Druckfarben nicht aus der EU, sondern aus der Schweiz. Auf der
Basis der Europarat-­Resolution AP (2005) 2 für Druckfarben und gemeinsam mit dem Europäischen Druck­farbenverband (EuPIA) wurde in der Schweiz eine gesetzliche Regelung ausgearbeitet, die in Form einer Positiv­liste für Druckfarben per 1. April 2010 verbindlich geworden ist. Diese Liste ­regelt, welche Stoffe als unbedenklich gelten und somit in der Verpackungsindustrie ein­gesetzt ­werden können. Damit kommt der Schweiz eine besondere Bedeutung zu, und sie gibt den Takt bei der Diskussion um Druckfarben vor. Vielleicht wird die EU, anders als üblich, derein­st für einmal Schweizer Recht übernehmen.

6000 Rohstoffe auf der Positivliste
Die Verpackungsindustrie hat gegen 6000 Sub­stanzen angemeldet, um auf die Positivliste aufzunehmen. Doch toxikologisch als unbedenklich evaluiert sind gemäss dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) erst etwas über 1000 der Stoffe, die es auf die A-Liste (Toxi­zität unterhalb des Grenzwertes) geschafft ­haben. Diese A-Stoffe verfügen aufgrund der Risikobewertung über die endgültige Zulassung. Der Rest ­gelangt auf die B-Liste und erhält eine vorübergehende Zulassung, bis sie von der Ver­packungsindustrie noch ge­testet und dann entweder zugelassen oder von der Liste gestrichen werden.
Die Lebensmittelindustrie begrüsst grund­sätzlich die klaren Vorgaben. So auch die Emmi AG, die froh ist, dass Verpackungslieferanten nun die Spezifikationen der in der Verpackung eingesetzten Materialien bescheinigen müssen. Nestlé hat gemäss Pressesprecher Philippe Oertlé einen eigenen Leitfaden für die UV-Druckfarben erarbeitet. Dies in Zusammenarbeit mit dem BAG. Der Leit­faden, der die UV-Druckfarben beinhaltet, sei sogar strikter als die Vorschriften, weil er ­neben der Sicherheit auch den Aspekt der Qualität einbeziehe. Bei den nicht-UV-Druckfarben folgt der Konzern der Positivliste. So sollten künftig Skandale wie der ITX-Fall im Jahr 2005 in Italien, wo Nestlé zusammen mit dem Verpackungshersteller Tetra Pak angeprangert wurde, künftig vermieden werden.

* Fotoinitiatoren sind fotoaktive Substanzen, die bei Belichtung mit UV-Licht Radikale bilden und eine Polymerisation von zum Beispiel ungesättigten Acrylaten auslösen.

Offene Fragen sollen geklärt ­werden
Nun ist es soweit, seit dem 1. April gilt die neue Positivliste (A und B) der zulässigen Stoffe für die Her­stellung von Verpackungstinten. Die Druckfarbenindustrie ist trotz gewisser Vorbehalte dieser Regulierung gegenüber – insbesondere zu Timing, Umsetzbarkeit für die nachgeschalteten Anwender und Koordination mit unseren Nachbar­ländern – ihrer Verantwortung vollumfänglich nachgekommen und hat diese Liste mit ­grossem Aufwand in Rekordtempo kompiliert. Die wenigen offenen Punkte  zu vereinzelten Substanzen zwischen der Industrie und dem Bundesamt für Gesundheit konnten kürzlich in offener und konstruktiver Atmosphäre angesprochen werden, und wir sind zuversichtlich, dass diese Fragen durch ein BAG-Informa­tionsschreiben geklärt werden können. Nun gilt es, die Umsetzung der Verordnung durch die nachgeschalteten Anwender zu beobachten, um die Folgen der Regulierung genau abschätzen zu können.
Matthias Georg Baumberger, Verband der Schweizerischen Lack- und Farbenindustrie, VSLF-USVP
 
Sonderzüge der Schweiz dürfen keine Sonderkosten verursachen
Positivlisten sind grundsätzlich schwierig, da sie nie vollständig sein können. Das gilt besonders im heutigen Umfeld, wo der Wandel als einzige Konstante gilt. Diese Herausforderung betrifft uns Drucker aber nur indirekt, da die Hausaufgaben von den Farbherstellern gemacht werden müssen.
Die vor einem Jahr diskutierte Gefahr, dass es in der Schweiz bald keine zugelassenen Farben mehr geben könnte, ist gebannt. Es gab einige Unannehmlichkeiten, weil gewisse Komponenten ersetzt werden mussten. Es gab aber keine Versorgungsprobleme. Billiger sind Farben dadurch aber nicht geworden. Und das ist heikel. Unseren Kunden ist nicht bewusst, dass die Kosten der Farben ­oftmals höher sind, als jene der Folie. So ge­sehen ist es für die Wettbewerbsfähigkeit ­unserer ganzen Wertschöpfungskette wichtig, dass die Sonderzüge der Schweiz in Fragen der Zulassungen wenigstens keine Sonder­kosten verursachen. Fazit: Die Situation ist mühsam, aber unter Kontrolle.
Jacques H. Schindler, Geschäftsführer des Kunst­stoffverpackungsherstellers Isco