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Teurere Produkte sind in

Der Konsument hat 2009 trotz Krise kräftig ins Regal der höherpreisigen Lebensmittel gegriffen. Dies zeigen die Mehrumsätze, ­welche die Detailhändler ausweisen.

von Alimenta Import

Wäre es nach einer ­Studie gegangen, die im letzten Jahr von der Grossbank Crédit Suisse veröffentlicht wurde, hätte die Krise auch im Lebensmitteldetailhandel voll zugeschlagen. Im Januar 2009 wurde vorausgesagt, dass das Jahr die Wende nach den Boomjahren mit dem Konsumrausch bringen würde. Welche Krise?, fragen sich
die Detailhändler nun. ­Migros legte mit 864 Mil­lionen Franken (Gruppe) einen Rekordgewinn hin, Coop realisierte mit 18,15 Milliarden praktisch den gleichen Umsatz wie im Vorjahr. Denners Umsatz stieg erstmals auf über 3 Milliarden, und auch Volg beweist mit einem um 3,8% auf 1,27 Milliarden gesteigerten Umsatz, dass die Dorfläden und kleinflächigen Verkaufsstellen kaum von der Krise betroffen waren. Denn im Gegensatz zur Industrieproduktion, die teilweise Einbrüche von bis zu 20% zu verdauen hatte, war die Kauflaune im Lebensmittelhandel immer gut. Diese Meinung teilt der Delikatessenanbieter Globus. «Gegessen werden muss immer», sagt Pressesprecher Jürg Welti.

Alles nur ein Spuk?
Wenn die Produktgruppen, welche im Umsatz zulegen konnten, näher betrachtet werden, stellt sich endgültig die Frage, ob die Krise nur ein Spuk war. Migros als grösster Detailhändler, mit einem Marktanteil von 28% im Nahrungsmittelbereich, steigerte den Umsatz gerade im teuren Sortiment. So rea­lisierte der Händler im boomenden Conve­nience-Markt mit Anna’s Best ganze 16% mehr Umsatz. Der Basler Gegenspieler Coop hat mit der vergleichbaren Produktelinie Betty Bossy prozentual ebenfalls im zweistelligen Bereich zugelegt und die Verkäufe auf 460 Millionen gesteigert. Auch mit etwas teureren Produkten, mit der Marke «Heidi», erzielte das orange M einen Mehr­umsatz von 8%. Coop
setzte mit den Bergprodukten «Pro Montagna» ganze 20% mehr um, ins­gesamt 25 Millionen Franken. Pressesprecherin Denise Stadler sagt dazu, dass das Bedürfnis des Konsu­menten einerseits nach Con­venience und andererseits nach Swissness gestiegen sei. Und das Bedürfnis nach ­Luxus? In der teuersten Coop-Produktelinie Fine Food ist der Umsatz um 2% auf 86 Millionen angewachsen. Migros führt weniger Produkte in der Edellinie Sélection und erwirtschaftet gemäss Pressesprecher Urs Peter Näf ­Jahr für Jahr eine leichte Steigerung. 2009 ­wurden damit 50 Millionen Franken Umsatz erzielt. Nur marginal teurer (Lieferung und ohne Aktio­nen) als das übrige Sortiment ist das Le-Shop-Angebot von Migros. Dort betrug der Umsatzzuwachs 18%.

Discounter steht immer noch für billig

Was für Supermärkte gilt, muss beim Discounter und beim Luxusanbieter nicht zu­tref­fen. Der Umsatz der Primesse-Linie (25 Produkte) von Denner ist gemäss Mediensprecherin Anita Daeppen leicht zurückgegangen. Daeppen führt dies auf die sehr preissensible Kundschaft zurück. Der Konsument verhält sich auch am oberen Ende der Preisskala anders. Das hochpreisige Globus-Delikatessensortiment wurde letztes Jahr weniger nach­ge­fragt. Der zum Migros-Konzern gehörende Globus erlitt damit eine Umsatzeinbusse von 1%.

Für Bioprodukte gaben die Konsumenten bei Marktführer Coop im Jahr 2008 678 Mil­lionen Franken aus, letztes Jahr waren es bereits 726 Millionen. Auch in der Migros griff der Konsument für Bio häufiger tiefer in die Tasche. Die Umsatzsteigerung von 2008 auf 2009 betrug 7% oder insgesamt 364,2 Millionen Franken. Nun soll dieses Segment tüchtig ausgebaut werden. Zurzeit führt Migros über 1000 Produkte, will die Zahl bis Ende 2010 aber weiter ausbauen. Gerade bei Brotwaren, ­Molkereiartikeln, Fleischwaren und Tiefkühl­produkten soll das Angebot mit innovativen Artikeln ergänzt werden.

Umsatzrückgang bei Billig-Linien

Die wachsenden Produktelinien ­erleben Preissenkungen. Letzte Woche ver­billigte Migros das Biosortiment um durchschnittlich 5%. Billig zieht also immer noch. Doch das Billig­sortiment par excellence, M-Budget, musste letztes Jahr eine Umsatzeinbusse von 3% in Kauf nehmen. Das ist laut Mediensprecher Urs Peter Näf leicht erklärbar, führt doch der dauernde Preiskrieg auch bei den billigsten der billigen Produkte zu immer tieferen Preisen. Schliesslich gibt der Detailhändler seinen Kunden dort das ­Versprechen der Tiefstpreisgarantie ab.

Die tiefen Preise konnten auch durch Mehrverkäufe nicht wettgemacht werden. Zudem stagniert der Sortimentsumfang bei 600 Produkten. Coop erwirtschaftete mit der Tiefpreislinie, die 400 Artikeln umfasst, einen Umsatz von 380 Millionen Franken. Auch bei Prix ­Garantie ist laut Mediensprecherin Denise Stadler ein leichter Umsatzrückgang von 1 Million zu beobachten. Für Stadler setzt der Konsument trotz Preisbewusstsein auf Mehrwert. Selbst Volg setzt auf Tiefpreislinien. Jedoch mit 70 Artikeln, die unter dem ­Label «Volg Familienpreise» verkauft werden, noch in bescheidenem Rahmen. Letztes Jahr senkte Volg die Preise um durchschnittlich 1,8%. Dauerhaft mit Tiefpreisen operiert Aldi. Pressesprecher Sven Bradke erklärt, dass das Unternehmen nie Aktionen mache. Der Kunde soll die Gewissheit haben, dass er ­dauernd die tiefsten Preise erwarten könne. Doch auch der Harddiscounter, der seinem Zwischenziel mit 200 Filialen näher kommt, setzt auf Qualitätsprodukte. Dies zeigt den Einstieg ins Biosegment, der letztes Jahr erfolgte. Jedoch ohne Unterstützung der etablierten Organisationen wie Bio Suisse oder Max Havelaar im Fair-Trade-Bereich. Wie Lidl gibt auch Aldi keine Umsätze bekannt.

Gesamthaft gesehen haben die Lebens­mitteldetailhändler das Jahr sehr gut überstanden. Grund dafür ist vor ­allem das Bevölkerungswachstum, das seit Jahren als Nachfragetreiber wirkt. Dieses wird gemäss Crédit-Suisse-­Studie dieses Jahr weitergehen, wenn auch unter dem ­Niveau der letzten Boomjahre. Die meist gut ausgebildeten und kaufkräftigen Zuzüger aus dem Ausland halfen mit, den Absturz der Branche zu verhindern und werden weiterhin dafür sorgen, dass viel gegessen wird. Auch Premium­produkte.