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Kalbfleischpreis im Tief wegen Würzfleischimport?

Die Kälbermäster erhalten immer weniger Geld für ihre Tiere und machen die Importe von billigem Würzfleisch dafür verantwortlich.

von Foodaktuell Importer


Zwar sinkt der Produzentenpreis für die Kälbermäster Anfang Jahr immer. Denn im Winter kommen am meisten Kälber zur Welt, die im Frühling ausgemästet sind – folglich ist das Angebot hoch und der Preis tief. In diesem Frühling sind die Preise besonders tief: Seit dem 1. April gilt für ein Standard-Kalb, ein so genanntes T3 Kalb, ein Richtpreis von 11.90 Franken pro Kilo Schlachtgewicht. Anfang Jahr erhielt der Bauer noch rund 15.50 Franken. Diese Preisdifferenz schlägt zu Buche: Bezahlt der Metzger dem Bauer pro Kilo Fleisch 3 Franken weniger, hat der Bauer bei einem rund 120 Kilogramm schweren Kalb bis zu 400 Franken weniger im Portemonnaie.

Warum ist der Preis in diesem Frühling so tief? “Tendenziell gibt es mehr Milchkühe in der Schweiz, somit werden auch mehr Kälber gemästet. Dies drückt auf die Produzentenpreise”, sagt Samuel Graber, Präsident des Schweizer Kälbermästerverbandes. Das grosse Angebot ist jedoch für Graber nicht der einzige Grund für die tiefen Preise: “In letzter Zeit haben die Würzfleischimporte stark zugenommen. Diese drücken den Kalbfleischpreis zusätzlich.”

Schluss mit tiefem Zoll für Würzfleisch

Hintergrund der Geschichte: Gewürztes Fleisch gilt als Fleischzubereitung und kann zu einem mehr als drei Mal so günstigen Zolltarif importiert werden als unbehandeltes Fleisch. Bereits ein mit Pfefferkörnern versehenes Stück Fleisch gilt als Fleischzubereitung und wurde bisher unter diesem günstigen Zolltarif importiert und dann wieder gereinigt. Zumindest damit ist jetzt Schluss: Mit ganzen Pfefferkörnern gewürztes Fleisch muss ab dem 3. Mai 2010 wie ungewürztes verzollt werden – also zu höheren Tarifen. Dafür hat die Schweizerische Zollverwaltung am Donnerstag, 8. April die Erläuterungen zu den Zolltarifen angepasst.

Dass Würzfleischimporte zwingend die Kalbfleischpreise drücken, wird beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) nicht bestätigt. “Welche Auswirkungen die Würzfleischimporte auf den Kalbfleischpreis haben, kann kaum ermittelt werden”, sagt Simon Hasler vom Fachbereich tierische Produkte und Tierzucht im BLW. Die Zollstatistik zeige den Anteil Kalbfleisch nicht, der unter besagtem Zolltarif als Fleischzubereitung von Tieren der Rindviehgattung eingeführt werde.

Alternative zur Versteigerung

Auch beim Schweizer Fleisch-Fachverband bezweifelt man, dass die tiefen Produzentenpreise mit den Würzfleischimporten zusammenhängen. “Die Kalbfleischpreise sinken bekanntlich immer Anfang Jahr”, sagt Ruedi Hadorn, Direktor des Fleisch-Fachverbandes. Er bestreitet aber nicht, dass Verarbeiter Würzfleisch unter besagtem günstigerem Zolltarif importieren.

Import-Fleisch mit ganzen Pfefferkörnern (Bild: Kalbsfilet aus den Niederlanden) gilt ab dem 3.5.2010 als ungewürzt und kann nicht mehr tiefer verzollt werden.

Zwar könne er die Unzufriedenheit der Produzenten mit dem Import von gewürztem Fleisch nachvollziehen, doch stelle dieser Import nur eine gesetzlich erlaubte Alternative dar. Diese werde vermehrt genutzt, um die beim Fleischimport mit dem geltenden Versteigerungssystem verbundenen Unwägbarkeiten zu entschärfen. “Bei dieser Alternative haben die Fleischverarbeiter immerhin eine gewisse Planungssicherheit, auch gegenüber ihrer Kundschaft. Diese Sicherheit ist beim Versteigerungssystem leider nicht gegeben”, sagt Hadorn.

Proviande entscheidet

Ob nun ein Zusammenhang zwischen den Würzfleischimporten und den tiefen Kalbfleischpreisen besteht, ist also nicht klar. Dennoch ist Kälbermäster-Präsident Graber zufrieden mit der Änderung der Zolltarife. “Weil diesen billigen Fleischimporten mit ganzen Pfefferkörnern der Riegel geschoben wurde, nimmt der Preisdruck auf die inländischen Kalbfleischproduzenten ab”, sagt er.

Wie sich die Kalbfleischpreise in den nächsten Wochen entwickeln, entscheidet nicht zuletzt Proviande. Allenfalls wird Kalbfleisch eingefroren, um so den Markt zu entlasten. Zudem haben die Grossverteiler laut Graber Verkaufsaktionen mit Kalbfleisch geplant. Dies lässt ihn hoffen, dass die Produzentenpreise schon bald wieder nach oben zeigen. (Text: LID / Helene Soltermann)

Kommentar zum Würzfleisch-Import von Mérat-Chef Hans Reutegger

Schon vor Wochen war in den Agrarmedien zu lesen, dass die Grossmetzgerei Mérat Würzfleisch zu tiefem Zolltarif importiert. Mérat-Chef Hans Reutegger kommentiert dies auf Anfrage von «foodaktuell» wie folgt:

Landwirtschaftskreise und -presse haben nicht gemerkt, dass sie auf diejenigen schlagen, die ihnen helfen. Angefangen mit dem Würzfleisch hat es in der Schweiz seit längerer Zeit, als der in der EU seit langem gültige Spezial-Zoll-Tarif für zubereitete Produkte von der Schweiz übernommen wurde (autonomer Nachvollzug von EU-Vorschriften). Obwohl wir schon vor längerer Zeit auf die Gefahr des Misstands aufmerksam machten, wurde weder von der Landwirtschaft noch von den Behörden etwas gegen diese unerfreuliche Entwicklung unternommen.

Mit der Zeit kamen Angebote auf den Markt, die Mérat und anderen Anbietern Sorge bereiteten. Die Pfefferkörner auf Edelteilen vom Kalb und Rind bewirken Preisvorteile von bis zu 10 Franken pro Kilogramm. Da niemand etwas gegen den Missbrauch unternahm, beschloss Mérat mit einer Aktivität auf den Misstand aufmerksam zu machen. Wir starteten die Aktion „EU-Pfefferhit“.

Unsere Überlegung: Solange diese Lücke besteht, sollen alle die Möglichkeit haben, davon zu profitieren. Wir teilten den Kunden mit, dass wir künftig preisgünstige Import-Edelteile vom Kalb und Rind anbieten würden, leicht bestreut mit ganzen Pfefferkörnern, die sich nach dem Auspacken gut entfernen liessen. So brachten wir die Geschichte bewusst an die Öffentlichkeit. Die Amtsstellen mussten sich der Sache annehmen und reagieren. (Interview und Bild: Gotthard Klingler)

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