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10 Prozent müssen weg – aber wie?

Der Vorstand der Branchenorganisation Milch hat beschlossen, 10 Prozent der Molkereimilchmenge der nächsten drei Monate auf dem Weltmarkt zu verkaufen. Wie das geschehen soll, ist noch völlig unklar.

von Alimenta Import

Mit allen Mitteln wird derzeit versucht, der Menge der eingelieferten Milch und damit des Milchfetts Herr zu werden. Auch der Vorstand der Branchenorganisation (BO) Milch hat am 22. April erneut einen Beschluss gefasst, der in diese Richtung zielt: Zwischen Anfang Mai und Ende Juli sollen demnach 10 Prozent der ­eingelieferten Molkereimilch unter der Verantwortung der Verarbeiter vom Inlandmarkt entfernt werden. Das heisst, die rund 50 Mio. Kilo, was in etwa einem Milchmengenindex von 93 Punkten entspricht, müssen ausserhalb der EU und somit zum Weltmarktpreis exportiert werden. 
Wie die Aktion konkret ablaufen soll, ist noch unklar. Markus Zemp, Präsident der BO Milch, und die beiden Vizeprä­sidenten Markus Willimann und Peter Gfeller sind mit einer Arbeitsgruppe daran, eine ­Lösung zu konkretisieren, wonach die Markt­­entlastung verursachergerecht gestaltet werden soll. Am Donnerstag tagt der Vorstand erneut, um über ihren Vorschlag zu ­be­finden.

Daten sind kaum verlässlich
Leicht dürfte es nicht werden. In den letzten Wochen hat sich gezeigt, dass die Daten über die Vertragsmengen, die als Basis für die Zuteilung der Kosten für die Abräumungsmilch gelten, kaum verlässlich sind. Zu schnelllebig sei der Markt derzeit, heisst es allseits in der Branche. Doch gibt es Alternativen? Schliesslich wäre die Organisation verpflichtet, die Marktentlastungsaktionen nach folgendem Schlüssel zu verteilen und demnach zu finanzieren: 80 Prozent der Kosten werden auf die Zusatzmilch übertragen, 20 Prozent betrifft die Milchmenge, die vertraglich zwischen Produzent und Abnehmer festgelegt wurde. Markus Zemp spricht denn auch von einer «grossen Knacknuss».
Obwohl die Zeit drängt, will der Dachverband der Schweizer Milchproduzenten (SMP) an der 80/20-Regel auf Basis der ­Vertragsmengen festhalten. «Weshalb sollen wir über Dinge diskutieren, die vertraglich ­geregelt sind?», meint Sprecher Christoph Grosjean-Sommer. Er ist überzeugt, dass die vertraglich festgelegten Liefermengen den Produzentenorganisationen und den Händlern zugeteilt werden können. Die Verantwort­lichen der BO Milch müssten endlich durchsetzen, was schon lange beschlossen worden sei. Weiter beruft sich Grosjean auf den Auftrag, den der Verband vom Vorstand und den Delegierten erhalten hat: «Er gibt uns unseren Handlungsspielraum vor.» Die SMP-Dele-gierten haben an ihrer Versammlung vom 21. April eine Resolution zuhanden des Vorstandes der BO Milch verabschiedet, in der sie fordern, dass die Entlastung des Milchmarktes nach der 80/20-Regel geschehen müsse.

Kein Torpedogeschoss von Fromarte
Die Verarbeiterseite steht möglichen Lösun­gen offener gegenüber. Fromarte-Direktor Jacques Gygax versichert, dass er einen Vorschlag einer verursachergerechten Mengenverteilung nicht torpedieren würde. Lorenz Hirt, Geschäftsführer der Vereinigung der Milchindustrie (VMI), indes zweifelt daran, dass die Arbeitsgruppe einen praktikablen Vorschlag präsentieren kann. Seiner Meinung nach fehlen die nötigen Daten, um eine klare Basis festzulegen. Im Endeffekt könnte es trotz allem zu einer linearen Umsetzung der Marktentlastung kommen. «Auch diese liesse sich verursachergerecht gestalten», sagt Hirt, «nämlich indem jeder Verarbeiter sie gerecht auf seine Lieferanten umlegt».
Wie auch immer der BO-Milch-Vorstand entscheidet; vorgesehen ist, dass der Geschäftsführer Daniel Gerber personelle Unterstützung im operativen Geschäft erhält. Denn für Präsident Markus Zemp ist klar: «Ein Mann allein reicht nicht.» Es brauche je einen Vertreter der Produzenten und der Verarbeiter, die Gerber als Ansprechpartner zur Seite stehen.

Kuriositäten an der Milchbörse
Würde das dreistufige Marktmodell der BO Milch greifen, wäre die Marktentlastung in diesem Ausmass kaum nötig. Mit ein Grund dafür, dass das Modell bisher nicht funktioniert hat, ist die Börse. Neu und unbekannt ist sie allen Akteuren. Entsprechend zurück­haltend wird sie – wenn überhaupt – genutzt. Bisher versuchten die meisten Anbieter wie Nachfrager sie zu umgehen. Kuriositäten, wie sie kürzlich zu beobachten waren, tragen das Ihre zur Skepsis bei: Auf der Handelsplattform wurde Milch zum Preis von 58,5 Rappen pro Kilo nachgefragt, wenig später Milch zu einem tieferen Preis angeboten. Doch Anbieter und Nachfrager fanden sich nicht, wohl weil keiner der beiden die Entwicklung auf dem Computerbildschirm weiter verfolgt hat.
Um trotz allem die Börse nicht sterben zu lassen, bevor sie einigermassen funktioniert, möchte VMI-Geschäftsführer Lorenz Hirt, dass sie auch während der Abräumungsaktion zwischen Mai und Juli in Betrieb bleibt. Im Reglementarium der BO Milch wäre vorge­sehen, den Handel auszusetzen, sobald eine Marktentlastungsaktion beginnt. «Doch dies wäre ihr Todesstoss», befürchtet Hirt. Ohne Börse könnte Milch, die ausserhalb eines Abnahmevertrags produziert wird, nicht mehr vermarktet werden. Somit seien die Beteilig­ten gezwungen, dafür einjährige Verträge abzuschliessen, was schliesslich den Handel an der Börse vollends überflüssig mache, begründet er. Einen entsprechenden Vorstoss hat die VMI beim Vorstand der BO Milch deponiert. An der letzten Sitzung wurde er aus Zeitmangel nicht mehr diskutiert.

Magerkäse soll keine Zulagen erhalten
Ebenso erging es einem Antrag von Fromarte. Darin schlagen die Käser vor, dass für Magerkäse, der in der Trockenmasse weniger als 150 Gramm Fett pro Kilo enthält, keine Verkäsungszulage mehr bezahlt werden soll. Für den übrigen Käse soll die Zulage indes so lange als möglich auf den derzeitigen 15 Rappen pro Kilo beibehalten werden, sagt Direktor Gygax. Fromarte wolle damit ein Zeichen setzen, um mitzuhelfen, weniger Milchfett auf den Markt zu bringen. «Deshalb erwarten wir, dass uns die Industrie in diesem Geschäft unter­stützt.»