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Ein Klassiker ist 200 Jahre alt

Die Konservendose prägt die Geschichte – auch die von Hero. 100 Jahrelang hat der Lebensmittelhersteller die haltbare Blechverpackung selbst produziert und mit seiner Fabrik in Lenzburg Weltneuheiten hervorgebracht.

von Alimenta Import

Man kann daraus Apfelmus löffeln oder darin Ravioli aufwärmen. Und wer hat damit nicht als Kind telefonieren geübt? Ans Auto von Frischvermählten gehängt, verursacht sie blechernen Lärm. Die Konserve ist im April 200 Jahre alt geworden und hat in dieser Zeit Geschichte geschrieben (siehe Kasten Seite 38). Auch die Entwicklung bei Hero ist davon sichtbar geprägt: So stellen bereits die Buchstaben H, R und O im Firmenlogo kleine Blechdosen dar.

Von Beginn an stellte der bekannte Schweizer Lebensmittelproduzent auch seine Dosen selbst her und gehörte damit zu den Pionieren weltweit. Ein Spengler aus Leipzig baute kurz nach der Firmengründung 1886 die Produktion auf. Mühsam schnitten damals Arbeiterinnen und Arbeiter Blech und bogen es zu Eimern und Dosen zurecht. Pro Stunde wurden zwischen fünf und zehn Dosen hergestellt und in Körben oder Kisten zwischengelagert beziehungsweise für die nächste Ernte zum Abfüllen bereitgestellt.
Nach und nach kamen Maschinen, unter anderem für den Dosen­verschluss, dazu. Der «Bodymaker» stanzte und formte das Material. Bald bildeten sich ganze Fertigungs­-linien. Und via Förderband wurden die frisch produzierten Dosen jeweils ins Silo transportiert.

Lenzburg war mit seinen Plantagen – quasi vor den Toren der Fabrik – der ideale Standort: «Gemüse und Früchte gelangten in drei Stunden vom Feld sozusagen direkt in die Dose. Beides war frischer als die Ware
vom Markt», betont André Brunner, pensio­nierter Mitarbeiter und heutiger Firmenarchivar: «Sterilisiert und luftdicht in ­Dosen verpackt, lassen sich Nahrungsmittel über mehrere Jahre aufbewahren und behalten dabei ihren hohen Nährwert», versichert er. Folglich konnte Hero die umliegenden Haushalte das ganze Jahr über mit hochwertigen Saisonprodukten sowie mit Konfitüre versorgen. Zusätzlich belieferte Lenzburg die Tochterfirmen mit Dosen.

Recycling im 2. Weltkrieg lanciert
Hero war auch punkto Dose nie um eine Idee verlegen und machte im 2. Weltkrieg gar aus der Not eine Tugend: Angesichts der knappen Blechvorräte forderte das Unternehmen die Haushalte mit Plakaten, Prospekten und In­seraten dazu auf, die gebrauchten Dosen für die Wiederverwertung gesäubert und gegen Entgelt in die Detailhandelsgeschäfte zurückzubringen. Doch das eigentlich Recycling-­Verfahren sollte erst rund 20 Jahre später mihilfe von Hero professionalisiert und in der Bevölkerung etabliert ­werden.
Im Jahr 1948 landete Hero mit Ravioli aus der Dose einen Verkaufshit und trug mit seinen neuen Produkten entscheidend zur Verbesserung des Konserven-Images bei: So galt Dosennahrung lange Zeit als preiswerte Notverpflegung. Umstritten war das damalige Verlöten der Naht mit Blei. Bestimmte Umstände wie zum Beispiel zu hoher Konsum hatten in der Vergangenheit schon zu Fällen von Bleivergiftung geführt.

Deshalb waren verschärfte Lebensmittelvorschriften weltweit in Vorbereitung.
Hier schaffte Hero Abhilfe und lancierte im Jahr 1972 die weisse, ­geschmacksneutrale Innenlackierung und vier Jahre später den Naht-schutz – eine Welt­neuheit. Die elektrische Schweisstechnik machte die Dose nahtlos und damit bleifrei. So wurden die Qualität und der Schutz der Gesund­heit erhöht. Darüber ­hinaus wirkte die weisse Kunststoffbeschichtung appetitlich und edel.

Eine Weiterentwicklung der Dosenform ermöglichte, Konserven im Verkaufsgestell besser zu stapeln. Mit all diesen Neuerungen trieb Hero die Herstellung der Blechdosen sowie den Vertrieb seiner ­Lebensmittel entscheidend voran. Grund ­genug für das Unternehmen, gewisse Verfahren patentieren zu lassen und die Rechte an ­andere Anbieter weiterzugeben.

Produktion in 20 Jahren vervierfacht
Dank zunehmender Automatisation und ­modernster Technologie, wie der Einführung der elektrischen Schweissmaschine, wurden die Prozesse immer weiter beschleunigt. So konnte die tägliche Dosenproduktion von 50?000 Stück im Jahr 1947 auf 200?000 Stück im Jahr 1960 gesteigert werden. Infolge
der laufenden Rationalisierungsmassnahmen sank der Mitarbeiterbestand von anfänglich 100 auf 34 Beschäftigte. 1985 produzierte Hero noch 35 Millionen Dosen. Doch im Laufe der Globalisierung verlor die hausinterne Produktion immer mehr an Bedeutung: «Je effizienter die Transportmittel und je schneller damit die Lieferungen wurden, umso weniger war man auf kurze Transportwege und einen Standort vor Ort angewiesen», erklärt Brunner. Also entschied Hero, sich ausschliesslich auf das Kerngeschäft – die Her­stellung von haltbaren Lebensmitteln – zu konzentrieren. 1986 schloss die Firma die ­Dosenfabrik in Lenzburg und überlässt seither die Produktion mehreren Herstellern in der Schweiz.